Internationale Professoren an deutschen Hochschulen : Die entgrenzte Uni

Die deutschen Hochschulen werden internationaler, auch dank der Lehrenden, die aus dem Ausland kommen oder Migrationshintergrund haben. Eine Pilotstudie in Berlin und Hessen zeigt unter anderem, dass sie die Unis jünger und weiblicher machen.

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Ein Professor spricht in einem Hörsaal zu Studierenden.
Neue Perspektiven. Immer mehr Professoren an deutschen Hochschulen kommen aus dem Ausland. Sie stellen ein kulturelles Kapital für...Foto: dpa

Sie sind jünger, sie sind mobiler, und sie sind immer öfter Frauen: Wer in Deutschland auf eine Professur berufen wird und einen ausländischen Pass oder anderen Migrationshintergrund hat, unterscheidet sich im Schnitt deutlich von den Kolleginnen und Kollegen ohne eine solche Biografie. Eine Studie hat sich jetzt erstmals systematisch mit diesen „internationalen Professoren“ beschäftigt.

Für ihr Pilotprojekt, das zunächst auf die Berliner und hessischen Hochschulen beschränkt war, musste sich das Team um die Hochschulforscher Andrä Wolter von der Humboldt-Universität und Aylâ Neusel von der Universität Kassel ihr Objekt erst einmal „zusammenbacken“, wie Neusel sagt. Obwohl ein internationales Profil den Unis immer wichtiger wird und einige sich daran sogar messen lassen: Die Hochschulpersonalstatistik kennt keine „internationalen Professorinnen und Professoren“, sondern nur ausländische. Neusels und Wolters Team aber wollte auch den familiären Migrationshintergrund einbeziehen. Dem übers Internet, mit Massenmails und Anfragen an Personalabteilungen nachzuspüren, scheiterte gelegentlich an Datenschutzbedenken. Man habe aber unbedingt auch jenes spezielle kulturelle Kapital einbeziehen wollen, das jeder Migrant mitbringe und gerade für die Hochschulen einen Mehrwert bedeute, sagt Neusel. Dabei gehe es um „ein Potenzial von Weltläufigkeit, eine Orientierung über Grenzen hinweg, Offenheit, Toleranz und Einfühlung in nicht Gleichartiges“.

Trotz dieser methodischen Probleme kommt die Studie zu Aussagen, die den Forschern zufolge für die ausländischen Wissenschaftler auch repräsentativ sind: Mit mehr als einem Drittel (34 Prozent) liegt der Frauenanteil der „Internationalen“ deutlich höher als im bundesdeutschen Schnitt (20 Prozent) und auch höher als der bessere Berliner und hessische Schnitt von 25 Prozent. In der Altersgruppe der Professorinnen und Professoren bis 40 Jahre sind sie mit 20 Prozent deutlich öfter vertreten. Und ihre Bildungs- und Ausbildungskarrieren zeigten, dass sie nicht nur internationale Wurzeln haben: Ein knappes Viertel ist in mehr als einem Staat zur Schule gegangen, ein Drittel hat in mindestens zwei Ländern studiert, und knapp drei Viertel haben vor dem Wechsel nach Deutschland anderswo gearbeitet.

Die meisten stammen aus Europa

Einen Diversitäts-Ausreißer freilich bildet die soziale Zusammensetzung der „Internationalen“: Sie sind eher noch häufiger Kinder aus Akademikerfamilien als die Kolleginnen und Kollegen mit deutscher Familiengeschichte. Fast zwei Drittel (64 Prozent) hatten Eltern mit Uniabschluss – bei den Herkunftsdeutschen sind das 45 Prozent. Und auch wer Internationalität global versteht, entdeckt, wie es jetzt bei Vorstellung der Studie in einem Workshop an der Humboldt-Universität hieß, noch „Luft nach oben“: Die Internationalen stammen weit überwiegend aus Europa (80 Prozent), zu knapp einem Viertel aus der deutschsprachigen Schweiz und Österreich (23 Prozent), ebenso viele sind Westeuropäer. Aus Nordamerika kommen nur neun Prozent, aus Südamerika nur sechs, und acht Prozent wurden in anderen Teilen der Welt geboren.

Agenten einer kulturellen und akademischen Öffnung

Andrä und Neusel halten die mobilen, vielsprachigen und weltläufigen Internationalen gleichwohl für die Agenten einer weiteren kulturellen und akademischen Öffnung der deutschen Hochschulen, die es weiter zu beobachten gilt. Sie hoffen nun auf eine Anschlussstudie ihres vom Bundesforschungsministerium geförderten Projekts, das dann sämtliche deutschen Hochschulen in den Blick nehmen könnte. Dafür hätten Berlin, als Stadtstaat mit einer besonderen Hochschuldichte, und Hessen, wo Neusel sich als eine der Gründerinnen der Universität Kassel in den 70er Jahren besonders gut auskennt, eine brauchbare Machbarkeitsvorlage geliefert.

Dass die Gruppe der internationalen Hochschullehrer bundesweit nicht klein ist und rasch wächst, lässt sich zumindest für die Professoren mit ausländischem Pass sagen. Deren Zahl ist in sieben Jahren um 54 Prozent geklettert: Waren 2005 rund 1800 Professorinnen und Professoren aus dem Ausland an deutschen Hochschulen beschäftigt, so waren dies 2012 bereits gut 2700 oder sechs Prozent. Den gesamten Anteil von Professoren mit einer Einwandererbiografie schätzen Neusel und Andrä doppelt so hoch, Statistiker vermuten etwa 5000 Professoren und Professorinnen mit Migrationshintergrund.

Sie beklagen fehlendes Verständnis für andere Kulturen

In einer bundesweiten Untersuchung, hoffen Neusel und Wolter, kämen genügend Lebensläufe zusammen, um auch aussagefähige Untergruppen zu bilden – etwa über den Anteil der Gastarbeiterkinder unter ihnen oder Unterschiede von Bundesland zu Bundesland. Und womöglich gäbe es stärkere Hinweise darauf, was die Universitäten noch besser machen können, um attraktiv für internationale Professorinnen und Professoren zu werden. Ein paar Kommentare, noch nicht wissenschaftlich verwertbar, formulierten bereits die Befragten in Berlin und Hessen: Sie beklagen zu wenige passende Sprachkurse oder Hilfe durch Mentoren, kafkaeske Formulare und generell wenig Verständnis für andere Kulturen bei den Bürokraten in- und außerhalb der Hochschulen.

Aber selbst die alteingesessenen Kolleginnen und Kollegen scheinen noch ab und zu mit ihrer bunter gewordenen Universität zu fremdeln: Wer aus dem Ausland komme, schrieb ein internationaler Professor im Kommentar zur Erhebung, müsse immer erst beweisen, ob er auch wirklich so gut sei wie die Einheimischen.

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