Internet : Professoren ganz privat im Netz

„Menschlich rüberkommen“: US-Forscher verraten online Persönliches - und werden auf Rating-Seiten von den Studenten bewertet.

Leonard Novy
Uni
Auf Distanz. Gemeinsame Interessen könnten Brücken bauen. -Foto: ddp

Für Studierende, die sich im Internet auf Seiten wie „MySpace“ oder „StudiVZ“ austauschen, gilt inzwischen: Bloß nicht zu viel Privates unter dem eigenen Namen preisgeben, das könnte noch Jahre später zu peinlichen Nachfragen von potenziellen Arbeitgebern oder Kollegen führen. Ihre Professoren sind offensichtlich noch nicht zu dieser Einsicht gekommen. Sie drängen vielmehr gegen den Trend zunehmend mit persönlichen Details ins Netz – zumindest in den USA.

Dort beschränken sich Wissenschaftler nicht mehr nur darauf, Arbeitsergebnisse auszutauschen oder ihre Meriten online zu präsentieren. Auf Webseiten, in sozialen Netzwerken oder in privaten Blogs präsentieren sie Bücher, die sie mit auf eine einsame Insel nehmen würden, ihre Lieblingssongs oder Urlaubsbilder. Steven Pinker etwa, Evolutionspsychologe in Harvard und passionierter Amateurfotograf, beglückt Besucher seiner Website nicht nur mit Naturaufnahmen (auch als Screensaver runterladbar), Karikaturen und einer Rubrik „verrücktes Zeug“. Der graumelierte Wuschelkopf hat auch die Webseite des Luxuriant Flowing Hair Club for Scientists (LFHCfS) verlinkt, einem Verbund von Wissenschaftlern, die „üppig wallendes Haar haben oder zu haben glauben“.

Vorbei die Zeit, da Studenten das Privatleben ihrer Dozenten von Kleidung oder Büroeinrichtung abzuleiten versuchen und den Rest ihrer Fantasie überlassen mussten. Der Drang ins Netz ist auch Beleg für sich verändernde Erwartungen der Studenten. Heute reiche es eben nicht mehr, Studenten sein fachliches Wissen in abgelesenen Vorlesungen, chaotischen Folien oder unleserlichen Kreidekritzeleien weiterzugeben, konstatiert die „New York Times“ in einem Artikel darüber, was US-Professoren im Netz treiben. Entertainerqualitäten, Coolness und ein gewisses Mass an Interaktivität seien gefragt und würden auch über die Kurswahl der Studenten entscheiden.

So gehe es einerseits darum, zu zeigen, dass man auf der Höhe der Zeit ist, andererseits darum, zugänglich zu erscheinen. Laut David H. Collingwood, Mathematikprofessor der University of Washington, trauen sich gerade jüngere Studenten häufig nicht, ihre Dozenten anzusprechen. Das Bewusstsein, gemeinsame Interessen zu haben, könne hier helfen, das Eis zu brechen. Nate Ackerman, Mathedozent an der University of Pennsylvania und, so seiner Webseite zu entnehmen, Ringer und Katzenliebhaber, bestätigte dies der „New York Times“. Es sei eben besser, wenn der eigene Professor menschlich herüberkäme.

Spielt der Unterschied zwischen fachlich-didaktischen Qualitäten und persönlichen Sympathiewerten für die Studierenden tatsächlich kaum eine Rolle? Das legen zumindest auch Webseiten wie „RateMyProfessors“ nahe, auf der Studenten seit zehn Jahren ihre Professoren bewerten – und sich dabei, nimmt man Kategorien wie „heißester Professor“ zum Maßstab, bei weitem nicht nur auf Inhaltliches konzentrieren.

Seit Oktober letzten Jahres können sich die dort Kritisierten publikumswirksam revanchieren. Der Campus-Sender mtvU, der 7,5 Millionen Studenten erreicht und kürzlich die RateMyProfessors-Seite kaufte, hat die Sendung „Professoren schlagen zurück“ ins Leben gerufen. Die schlagfertigen Repliken auf studentische Vorwürfe wie „Der isst Kinder zum Frühstück“ erzielen höhere Quoten als die Premieren von Musikvideos.

In Deutschland bietet „MeinProf.de“ eine allerdings im Vergleich zum amerikanischen Vorbild humorfreie Online-Plattform zur Bewertung von Lehrveranstaltungen und Professoren an deutschen Hochschulen. Von medialen Vergeltungsversuchen beleidigter Professoren ist noch nichts bekannt, von Versuchen, die Betreiber der Webseite zu verklagen, dagegen schon. Obwohl die Medialisierung des Privaten auch vor deutschen Fakultäten nicht haltmacht, nimmt sich die Selbstdarstellung hierzulande eher gediegen aus. Seriosität ist Trumpf. Schade eigentlich, schließlich galt vielen Vertretern der heutigen Wissenschaftlerelite das Private schon immer als öffentlich (und politisch). Das Internet böte hier ganz neue Möglichkeiten.

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