Internet : Wikipedia: Das Miteinander ist wichtiger als die Inhalte

Ein Frankfurter Soziologe hat die Motive von Wikipedia-Autoren untersucht. Ein Ergebnis: Die Online-Enzyklopädie bietet ihnen ein soziales Netzwerk.

Miriam Arndts

Die deutsche Ausgabe der Online-Enzyklopädie Wikipedia umfasst mehr als 800 000 Artikel. Täglich kommen etwa 500 neue dazu. Dabei ist eine relativ kleine Gruppe von Nutzern für einen Großteil des Inhalts verantwortlich: Etwa 1100 Autoren steuern monatlich 100 Beiträge oder mehr zu der deutschsprachigen Wikipedia bei. Was bewegt Menschen dazu, so viel Zeit und Energie in das Projekt zu investieren? Der Soziologe Christian Stegbauer von der Goethe-Universität in Frankfurt am Main fand heraus, dass das mit der Internet-Enzyklopädie entstandene soziale Netzwerk den bedeutendsten Motivationsfaktor für die Benutzer darstellt. Während viele Soziologen davon ausgehen, dass Menschen ihr Handeln vornehmlich auf eine günstige Kosten-Nutzen-Bilanz hin ausrichten, entstehen Handlungsmotive Stegbauers Ansatz zufolge in der Auseinandersetzung mit anderen Menschen.

Wenn ein „Wikipedianer“ einen Beitrag verfasse oder einen bestehenden Artikel bearbeite, erhalte er auf seiner persönlichen Benutzerseite oft positive Rückmeldungen von anderen Teilnehmern, erläutert der Frankfurter Soziologe. Der Autor werde etwa ermutigt, weitere Artikel zu einem ähnlichen Thema zu verfassen und bekomme auf diesem Weg Verantwortung zugeteilt. Viele fühlen sich so in ihren Fähigkeiten bestärkt und beteiligen sich weiter an dem Internet-Projekt.

Manche Autoren werden regelrecht süchtig und sehen zwanghaft jeden Tag nach, ob es neue Forenbeiträge auf den Diskussionsseiten von Wikipedia gibt, berichtet Stegbauer. Es gehe dann nicht mehr so sehr um die Inhalte als vielmehr um die Beziehungen zu den anderen Benutzern. „Das Miteinander entwickelt einen Sog“, erklärt der Soziologe. Kurt Jansson, Vorsitzender des Vereins Wikimedia, dem Betreiber der deutschsprachigen Wikipedia, kann die Anziehungskraft der Online-Enzyklopädie bestätigen: „Es fiele schwer, mit Wikipedia aufzuhören. Aber warum sollte man das auch tun?“

Stegbauer weiß jedoch auch um die weniger positiven Seiten des Lexikons. „Vandalismus und Propaganda gehören zu Wikipedia“, stellt der Soziologe fest. Doch die Gründe für solche Verstöße liegen laut Stegbauer außerhalb der Enzyklopädie, sind also nicht bedingt durch Organisation oder Betrieb von Wikipedia. Solche Artikel würden meist rasch von „Vandalen-Jägern“ geändert oder gelöscht.

Die Interessenvertretung auf Wikipedia sei aber durchaus ein Thema, sagt Sebastian Moleski, zweiter Vorsitzender von Wikimedia Deutschland. Vor allem bei noch lebenden Personen komme es häufig vor, dass diese in Artikeln besonders positiv oder negativ dargestellt werden. „In solchen Fällen funktioniert die Kontrolle durch die Benutzer – je nach Bekanntheitsgrad der jeweiligen Person – relativ gut“, glaubt Moleski. Artikel wie derjenige über den ehemaligen US-Präsidenten George W. Bush hingegen waren nahezu permanent gesperrt, so dass unangemeldete oder neue Benutzer ihn nicht ohne weiteres verändern konnten. Zuvor hatten Unbekannte auf der Seite mehrfach „historischen Unfug“ hinterlassen, erzählt Moleski.

Laut Stegbauer sind dies jedoch Einzelfälle. Als häufigste Motive, mit dem Schreiben für Wikipedia zu beginnen, nennt Stegbauer die hinter dem Online-Lexikon stehende Ideologie sowie die sogenannte generalisierte Reziprozität: Die Idee, Wissen jedem frei zugänglich zu machen und somit ein gewisses Maß an Chancengleichheit zu schaffen, sei oft der erste Grund, einen Artikel für das Internet-Portal zu schreiben. „Durch Wikipedia weht also der Wind der Aufklärung“, erklärt der Soziologe in einem Beitrag in der Zeitschrift „Forschung Frankfurt“. Weiterhin ist für viele der Wunsch, anderen etwas von dem zurückzugeben, was sie selbst einmal in Anspruch nahmen, eine Initialzündung. „Wenn jemand die Online-Enzyklopädie häufiger ohne Bezahlung nutzt und er sich vorstellen kann, dass andere viel Arbeit hineingesteckt haben, mag diese Person eher gewillt sein, der Allgemeinheit etwas zurückzugeben“, schreibt Stegbauer. Diese Motive seien vergleichbar mit denen, die Menschen dazu bewegen, für gemeinnützige Einrichtungen zu spenden. Kurt Jansson sieht einfach eine engagierte Gemeinschaft Gebildeter am Werk: „Es bereitet uns großes Vergnügen, eigenes Wissen mit anderen zu teilen, zu diskutieren und so gemeinsam am größten Kompendium menschlichen Wissens zu arbeiten.“

Stegbauer und sein Team lasen auf den persönlichen Benutzerseiten vieler Wikipedia-Neulinge, auf denen diese sich den anderen Wikipedianern vorstellen, ähnlich idealistische Aussagen im Bezug auf das Internet-Lexikon. Interessant dabei ist allerdings, dass diese Angaben oft nach einiger Zeit von den Seiten verschwanden. Diese Tatsache erhärtet Stegbauers Annahme, dass die „edlen“ Motive der Teilnehmer nach und nach der Bedeutsamkeit der sozialen Beziehungen zwischen den Wikipedia-Nutzern weichen.

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