Interview : „Das wird Kranken bald nützen“

Der Stammzellforscher Jürgen Hescheler setzt auch nach den neuen Fortschritten auf embryonale Stammzellen.

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Jürgen Hescheler (48) ist Stammzellforscher an der Universität Köln. Sein Spezialgebiet ist der Ersatz von Herzmuskelgewebe durch...Foto: Uni Köln

Amerikanische und japanische Forscher haben aus Hautzellen Zellen gemacht, die embryonalen Stammzellen gleichen. Was bedeutet das?

Das ist ein großer Durchbruch, weil diese zurückprogrammierten Zellen praktisch identisch mit embryonalen Stammzellen sind. Das heißt, diese Zellen werden sich auch wie embryonale Stammzellen entwickeln. Damit können wir hoffen, diese Technik auch bei Kranken einsetzen zu können.

Welche Impulse bekommt die Medizin?

Man kann nun patientenidentische Zellen züchten, die nicht vom Kranken abgestoßen werden. Ich kann jetzt im Reagenzglas aus diesen zurückprogrammierten Zellen etwa Herzmuskelzellen oder Nervenzellen machen. Oder Betazellen, die Insulin für Diabetiker produzieren. Solche Zellen lassen sich dann in das defekte Organ einsetzen. Im Tierversuch konnten wir schon eindeutig zeigen, dass das Herz durch verpflanzte Herzmuskelzellen aus embryonalen Zellen wieder kräftiger schlägt.

Hätte man so einen Durchbruch auch in Deutschland erzielen können?

Da muss man kritisch anmerken, dass wir in Deutschland viel zu viel auf die ausgereiften „adulten“ Zellen gesetzt und gesagt haben: Die adulten Zellen muss man nur einpflanzen, und dann funktioniert alles von selbst. Im Ausland hat man auf die embryonalen Stammzellen gesetzt und eine Alternative gefunden, um embryonale einfacher aus adulten Stammzellen zu gewinnen. Wir haben in Deutschland nur wenig Forschergruppen, die sich mit der weiteren Entwicklung von embryonalen Stammzellen auskennen. Das brauchen wir aber, um die zurückprogrammierten Zellen sich wieder entwickeln zu lassen. Ich bin enttäuscht, dass wir so wenig in Deutschland getan haben. Man kann nur hoffen, dass jetzt massiv in diese Forschung investiert wird. Sonst fährt der Zug ohne uns ab.

Aber das Ausgangsmaterial für diese Forschungsergebnisse waren doch adulte, nicht embryonale Stammzellen. Also könnte man doch sagen: man braucht keine embryonalen Zellen mehr.

Was wir in Deutschland gemacht haben, war etwas anderes. Wir haben reife adulte Stammzellen, so wie sie sind, transplantiert. In der Hoffnung, dass zum Beispiel im Herz die Knochenmarkszelle zur Herzzelle wird. Das funktioniert definitiv nicht, das haben viele Studien gezeigt. Das Konzept der embryonalen Stammzelle ist ganz anders. Da haben wir eine unausgereifte Zelle, die wir beliebig vermehren können und in verschiedene Gewebearten ausreifen lassen können, etwa zu Herzvorläuferzellen oder Nervenzellen. Diese Zellen müssen gereinigt werden und dann kann man sie transplantieren. Das sind dann wirklich Zellen, die das Organ reparieren.

Politiker sagen, Deutschland habe eine Vorreiterrolle bei der Forschung an adulten Stammzellen.

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Japanische und amerikanische Forscher haben universell wandelbare Zellen aus Hautgewebe erzeugt. -Foto: Imago



Das sind Zellen, die nichts bringen. Es sind fertig entwickelte Zellen, die nur ein kleines Potenzial haben. Das Entscheidende ist, dass man die richtige Zelle hat. Ich kann auch nicht eine Hautzelle ins Herz spritzen und hoffen, dass die sich in eine Herzzelle verwandelt. Das Konzept muss sein, eine reife Zelle zu einer frühen Zelle zurückzuverwandeln. Diese frühe Zelle muss sich dann entwickeln.

Braucht man noch Forschung an Stammzellen aus Embryonen in Deutschland?

Auf jeden Fall. Man muss menschliche embryonale Stammzellen zum Vergleich haben. Es ist noch gar nicht völlig klar, dass die zurückprogrammierten Zellen genau den embryonalen Stammzellen gleichen. Der Maßstab bleibt vorerst die menschliche embryonale Stammzelle. Irgendwann wird hoffentlich die Forschung an embryonalen in die mit zurückprogrammierten Zellen übergehen.

Aus Ihrer Sicht ist es also weiterhin nötig, das deutsche Stammzellgesetz zu lockern?

Wir brauchen neuere Stammzell-Linien, weil die bisher eingeführten Zellen zum Teil genetische Defekte haben. Inzwischen gibt es sehr gute embryonale Stammzellen, auf die deutsche Forscher nicht zurückgreifen können.

Wann kann man damit rechnen, bei seinem Arzt eine Zelle abzugeben und das Ersatzgewebe zu bekommen, das man braucht?

Im Ausland, wo Milliarden investiert werden, kann man bald damit rechnen. In Deutschland, wo die Förderung für embryonale Stammzellen sehr mager ist, muss man eher von fünf bis zehn Jahren ausgehen. Ich weiß nicht, ob wir dann noch mithalten können. Oder ob wir bis dahin nicht von ausländischen Firmen beliefert werden.

Das Gespräch führte Hartmut Wewetzer.

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