Interview : „Deutschland darf nicht den Anschluss verlieren“

Forscherinnen gewinnen, die Akzeptanz der grünen Gentechnik steigern: Was der neue Präsident Jörg Hacker mit der Nationalen Akademie vorhat

Interview von Tilmann Warnecke
Joerg Hacker wird neuer Praesident der Leopoldina
Jörg Hacker.Foto: ddp

Herr Hacker, Sie übernehmen im März den Vorsitz der Leopoldina, die als Nationale Akademie die Politik in wichtigen Fragen wissenschaftlich beraten soll. Was sind die großen Zukunftsthemen, bei denen Sie Handlungsbedarf sehen?


Ein Schwerpunkt werden die Lebenswissenschaften sein: Das Thema Stammzellen und deren Reprogrammierung wird uns umtreiben. Die grüne Gentechnik hat ein Akzeptanzproblem in Deutschland, es wird wichtig sein, das zu verbessern. Große Themen sind unter anderen die demographische Entwicklung, Klima und Energieforschung. Mein eigenes Gebiet, die Infektionsbiologie, hat die Akademie bereits angepackt. Das wird weiter im Blick behalten.

Die Leopoldina ist vor gut einem Jahr zur Nationalen Akademie ernannt worden. Sie hat seitdem zwar Empfehlungen zum Altern in Deutschland und zur Synthetischen Biologie vorgelegt. Gleichwohl hat es den Anschein, dass die Leopoldina bisher nicht wirklich in die Öffentlichkeit vordringt. Wie wollen Sie das ändern?

Natürlich steckt die Leopoldina noch in einem Prozess, sich zur Nationalen Akademie zu entwickeln. Es ist wichtig, dass wir gute Stellungnahmen zu wichtigen Themen erarbeiten. Dabei setzen wir auf Kooperationen mit anderen Akademien, den großen Forschungsorganisationen und Universitäten. Dann wird momentan erst die Geschäftsstelle in Halle ausgebaut. Da wird derzeit eine größere Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit eingerichtet. Das wird helfen, unsere wichtigen Themen in die Öffentlichkeit zu transportieren. Und die Leopoldina wird über ihren Standort Halle hinaus Veranstaltungen ausrichten.

Eine Ausnahme war jüngst die auch von der Leopoldina erstellte „Atomstudie“, in der sich Wissenschaftler grundsätzlich für neue Atomkraftwerke aussprechen. Die Studie löste Wirbel aus, weil die Forscher und Bundesministerin Schavan sie unter Verschluss gehalten haben, um sie nicht während des Wahlkampfes zu veröffentlichen. Es drängte sich der Eindruck auf, dass die Leopoldina nicht so unabhängig agiert, wie sie vorgibt.

Das ist nicht richtig. Auch der Name Atomstudie ist falsch. Es handelt sich um eine Stellungnahme zur Energieforschung. Nur ein geringer Teil befasst sich mit der Atomforschung und den Problemen in diesem Bereich.  Die Studie zeigt wichtige Wege auf, vor allem im Bereich der regenerativen Energien. Dieser Eindruck wird sich verfestigen, wenn man sich die Studie genau anguckt.

Die Wissenschaftsakademien in Deutschland gelten als Vereine älterer Herren. Wie wollen Sie die Leopoldina für jüngere Forscher und vor allem für Forscherinnen attraktiver machen?

Die Leopoldina muss künftig mehr Wissenschaftlerinnen und jüngere Personen ansprechen. Das halte ich für essenziell. Aber schon in der letzten Runde waren immerhin 30 Prozent der neu aufgenommenen Mitglieder Frauen. Das zeigt, dass bei dem Thema eine gewisse Sensibilität vorhanden ist. Ich werde persönlich versuchen, Programme weiterzuentwickeln, die die Akademie für Schüler, Studierende und Nachwuchsforscher öffnen. Die Leopoldina hat etwa ein Stipendienprogramm für Nachwuchsforscher. So etwas gilt es zu stärken.

Die Leopoldina bekommt gerade ein neues Haus in Halle. Hätte die Nationale Akademie mehr Durchschlagskraft, wenn ihr Hauptsitz in Berlin wäre?

Halle ist traditionell Sitz der Leopoldina, daran wird sich nichts ändern. Halle liegt nicht aus der Welt, die Akademien der G8-Staaten haben sich hier mehrfach getroffen. Aber unsere Stimme muss in der Tat auch in der Hauptstadt hörbar sein.

Was erwarten Sie von der neuen Bundesregierung für die Wissenschaft?

Die drei großen Pakte – die Exzellenzinitiative, der Hochschulpakt für mehr Studienplätze und der Pakt für Forschung und Innovation – müssen in dem angekündigten Umfang fortgeführt werden. Dann ist Deutschland noch ziemlich weit davon entfernt, das von der EU angestrebte Ziel zu erreichen, drei Prozent des Bruttoinlandproduktes für Forschung und Entwicklung auszugeben. Andere Länder sind allerdings heute schon weiter. Deutschland darf nicht den Anschluss verlieren.

Die Fragen stellte Tilmann Warnecke.

Jörg Hacker (57) wird im März 2010 neuer Präsident der Leopoldina, der Nationalen Akademie der Wissenschaften. Sein bisheriges Amt als Chef des Robert-Koch-Instituts gibt er dann auf.

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