Interview : „Die Tiefsee ist unglaublich vielfältig“

Die Biologin Antje Boetius über das erstaunliche Leben in ewiger Dunkelheit – und warum es bedroht ist.

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Eine andere Welt. In den Tiefen der Meere leben viele ungewöhnliche Tiere, wie etwa dieser Fangzahnfisch. Foto: picture alliance/ZB
Eine andere Welt. In den Tiefen der Meere leben viele ungewöhnliche Tiere, wie etwa dieser Fangzahnfisch. Foto: picture...Foto: picture alliance / ZB

Frau Boetius, Sie sind maßgeblich am Forschungsprogramm „Hermione“ beteiligt gewesen, das soeben zu Ende gegangen ist. Dort ging es darum, den Einfluss des Menschen auf Ökosysteme in europäischen Meeren zu untersuchen. Was ist das wichtigste Ergebnis?

Wir haben vor allem am europäischen Kontinentalrand gearbeitet, das ist der Abhang vor der Küste zur Tiefsee, wo die Wassertiefe schnell bis zu mehreren tausend Metern zunimmt. Zum einen waren wir erstaunt, wie unglaublich vielfältig diese Unterwasserlandschaften sind. Da gibt es so viele Lebensräume und Arten, von denen wir bisher nur sehr wenig wissen. Ein Beispiel sind die Tiefseekorallen, sie ziehen sich in einem Gürtel in Tiefen von 100 bis 2000 Metern um ganz Europa herum. Sie wurden lange übersehen. Dass es sie überhaupt gibt, weiß man erst seitdem es hoch auflösende Schiffsmessungen gibt, Unterwasserkameras und Roboter, die diese Lebensräume erkundet haben. Man vermutet inzwischen, dass die Tiefseekorallen eine größere Fläche einnehmen als die bekannten Korallen in flachen, tropischen Gewässern.

Was ist der zweite wichtige Befund?

Überall ist bereits der Einfluss des Menschen zu sehen: Kabel werden verlegt, es wird nach Öl und Gas gebohrt, die Fischerei dringt immer weiter in die Tiefsee vor, vielerorts sieht man Müll, selbst in großen Tiefen.

Kann sich die Lebewelt anpassen?

Natürlich bedeuten solche Eingriffe nie, dass dann gleich alles tot ist. Aber sie verändern die Umwelt sehr. Das kennen sicher viele: Wenn man mit dem Flugzeug über Deutschland fliegt und schaut herunter, sieht man eine Landschaft, in der nichts mehr natürlich ist, das heißt ohne menschliches Zutun gewachsen. Nun wird mit viel Mühe versucht, einzelne Gebiete wie Wälder, Sümpfe oder Seeufer zu renaturieren, um die Artenvielfalt zu erhalten. Was das Meer betrifft, machen wir die gleichen Fehler wieder. Es gibt bis heute keine Schutzkonzepte für die Tiefsee, obwohl sie vielleicht noch empfindlicher auf Veränderungen reagiert.

Warum?

Bleiben wir beim Beispiel Tiefseekorallen: Diese haben nur sehr wenig zu fressen und erhalten auch kein Sonnenlicht wie die tropischen Korallen. Deshalb wachsen sie unglaublich langsam. Wenn ein Schleppnetz mit seinen Gewichten über solch ein Korallenriff hinwegrollt, dauert es mehrere tausend Jahre, bis das alles wieder nachgewachsen ist. Daher ist es wichtig, Schutzzonen auszuweisen. Und ebenso Gebiete, die – unter gewissen Auflagen – wirtschaftlich genutzt werden können. Denn auf die Resource Meer können wir nicht verzichten.

Wovon leben die Tiefseekorallen, wenn es dort unten weder Sonnenlicht gibt noch Pflanzen wachsen?

Sie ernähren sich wie viele andere Tiefseetiere von den Resten von Algen die von der sonnenbeschienen Wasseroberfläche herabsinken. Tiefseelebewesen sind überhaupt das phantastischste Recyclingsystem, das die Erde hat, sie verwerten wirklich alles was absinkt. Bei den Korallen spielen vor allem Reste von Algen und Krebschen eine Rolle, die langsam in die Tiefe sinken. Und hier sieht man schon das Problem, das zum Beispiel mit dem Unterwasserbergbau kommen würde. Ein aktuelles Thema ist der mögliche Abbau von Gashydrat, Manganknollen oder Tiefseeschlamm, der erhöhte Konzentrationen von Metallen der Seltenen Erden enthält. Wird solches Material abgebaut, werden massenhaft feine Schlammpartikel aufgewirbelt, worauf die Korallen verkleben und womöglich verhungern.

Gibt es außer Korallen und Mikroorganismen am Boden noch andere Lebewesen?

Fast alle Stämme des Lebens sind dort vertreten, die Tiefsee ist eine unglaubliche Quelle der Vielfalt. Wir wissen aus der Erdgeschichte, dass gerade nach Klimakatastrophen die Küstenstreifen aus der Tiefsee heraus neu besiedelt wurden. Natürlich gibt es auch größere Tiere, wie Fische, Quallen oder Tintenfische. Viele der großen Wale, die geschützt werden, tauchen bis über 1500 Meter tief, um Nahrung zu suchen. Das würden sie nicht tun, wenn sie dort nichts zu fressen finden würden.

Dennoch tickt das Leben da unten deutlich langsamer, in ewiger Dunkelheit und strammer Kälte.

Ja, weil es so wenig Energie in Form von Nahrung gibt. So entsteht dann das Problem mit Tiefseefischen, die uns verkauft werden: Da kann man ein Filet auf dem Teller haben, das 100 Jahre alt ist. Denn so lange braucht es, bis manche Tiefseefische auf diese Größe gewachsen sind. Grob geschätzt benötigen Tiefseefische zwei- bis dreimal so lange, um erwachsen zu werden wie Bewohner flacher Gewässer. Sie beginnen also auch später mit der Reproduktion. Wenn diese Bestände befischt werden, ist das nicht nachhaltig, weil es bald keine Nachkommen mehr gibt.

Wie stellen es insbesondere höhere Lebewesen an, trotz Dunkelheit einen Partner zu finden, um sich fortzupflanzen?

Das ist noch immer sehr rätselhaft, denn wir können die Tiere nicht im Labor untersuchen und bei der Vermehrung beobachten. Sie verkraften die Temperatur- und Druckänderung nicht, wenn man sie aus ihrem Lebensraum hochholt. Beobachtungen mit U-Booten vor Ort zeigen, dass viele Tiefseetiere sehr gut auf Geräusche und Licht reagieren. Viele der Tiere haben selbst Lichtorgane, mit denen sie Signale aussenden, oder sie machen Geräusche, um auf sich aufmerksam zu machen. Ein anderes Beispiel sind Tiefseeanglerfische. Da kennt man fast nur die Weibchen, denn die Männchen sind extrem zurückgebildete Tiere, nur wenige Millimeter groß. Wenn sie ein Weibchen gefunden haben, bleiben sie haften und wachsen an ihrem Körper an, teilen sogar den Blutkreislauf. Es gibt viele phantastische Prozesse, die wir aber erst langsam verstehen, weil sie oft nur durch direkte Beobachtung erkannt werden können.

Foto: Promo
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ANTJE BOETIUS (45) leitet die Tiefsee-Forschungsgruppe am Alfred-Wegener-Institut für Polar und Meeresforschung und ist Professorin für Geomikrobiologie an der Universität Bremen.

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