Interview : "Die Unterschiede, die uns zum Menschen machen"

Der Genomforscher Svante Pääbo spricht im Interview mit dem Tagesspiegel über die Zukunft des Neandertaler-Projekts.

Paabo
Svante Pääbo -Foto: dpa

Nach zweieinhalb Jahren haben Sie es geschafft: Das Neandertalergenom ist in groben Umrissen fertig. Wir schwierig war es?


Schwieriger als wir dachten. Die Emotionen gingen hoch und runter. Es gab immer wieder Dinge, die einfach nicht geklappt haben, zum Beispiel bei der Aufreinigung. Es gibt mehrere Mitglieder hier im Team in Leipzig, die von sich sagen können, das Projekt gerettet zu haben.

Was ist denn so wichtig an der Sequenz?

Es ist eine unglaubliche Ressource, um unsere eigene genetische Geschichte zu verstehen. Wir können das Genom mit dem des Menschen vergleichen und so herausfinden, wo die entscheidenden Unterschiede liegen, die uns zum Menschen machen. Ich hoffe, dass ich da in vier Monaten schon mehr davon verstehe. Die große Analyse fängt ja jetzt erst an.

Was ist für sie das spannendste Ergebnis?

Eigentlich das FoxP2-Gen. Auch wenn wir schon wussten, dass der Neandertaler die menschliche Variante dieses Gens besitzt. Es ist nach wie vor das einzige Gen, das wir kennen, das beim Menschen mit der Fähigkeit zu sprechen zu tun hat. Menschen mit einer Mutation in dem Gen haben massive Sprachstörungen. Der Neandertaler hatte die menschliche Form dieses Gens, das hat unsere Arbeit noch einmal bestätigt. Es gibt also keinen Grund anzunehmen, er habe nicht sprechen können. Auch wenn es natürlich viele andere Gene geben wird, die wir noch nicht kennen, die für das Sprechen notwendig sind.

Warum ist der Neandertaler ausgestorben? Hat der Menschen einen Konkurrenten aus dem Weg geräumt?

Was man darauf antwortet, sagt mehr über die eigene Weltanschauung aus, als über das, was damals passierte. Manche sagen: „Die ersten modernen Menschen im Mittleren Osten tauchen vor 90 000 Jahren auf. Der letzte Neandertaler lebte dort vor 60 000 Jahren. Das sind 30 000 Jahre friedliches Zusammenleben ausgerechnet im Nahen Osten.“ Andere sagen: „Überall, wo der moderne Mensch in Europa auftaucht, verschwindet der Neandertaler. Das war eindeutig der erste Völkermord der Geschichte.“ Ich habe da keine Lieblingstheorie. Unsere Aufgabe ist es, solide Daten zu sammeln.

Das Gespräch führte Kai Kupferschmidt.

Svante Pääbo ist Genetiker und Kopf des Neandertalgenom-Projekts. Der Schwede ist Direktor am Leipziger Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie.

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