Interview : „Europas Forschung muss aufholen“

Die oberste EU-Wissenschaftlerin Helga Nowotny über Schwächen und Stärken des Kontinents – und Berliner Vorteile.

Interview von Tilmann Warnecke
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Gigant von Genf. Der Teilchenbeschleuniger LHC am Cern-Forschungszentrum ist ein Vorzeigeprojekt europäischer Forschung. Foto: ddpddp

Frau Nowotny, Sie haben in Wien, Zürich, Cambridge und Bielefeld geforscht, Sie waren Gastprofessorin am Wissenschaftszentrum Berlin, in Paris und im holländischen Twente. Wo in Europa funktioniert Wissenschaft am besten?

Es gibt überall in Europa Inseln der Exzellenz, und in manchen Ländern sind die Inseln einfach größer. Unter den Universitäten sind die Eidgenössischen Technischen Hochschulen (ETH) in Zürich und Lausanne Spitzenorganisationen: Forschungsunis, die ihr Personal weltweit rekrutieren wie kaum andere Hochschulen. Da sind sie sogar Cambridge und Oxford ein wenig voraus, obwohl sich diese seit dem Mittelalter sehr gut gehalten haben.

Wie schneidet Deutschland ab?

Die Universitätsstrukturen sind in Deutschland anders als in der Schweiz oder in Großbritannien. An der ETH verwendet der Präsident ungefähr die Hälfte seiner Zeit um herauszufinden, wo es sehr gute Leute gibt, die er nach Zürich holen könnte. Die Qualität einer Universität wird wesentlich durch die Rekrutierung der Professoren bestimmt. Ein Unipräsident in Deutschland hat diese Zeit gar nicht. Andererseits geht zum Beispiel die bewusste Förderung der Geisteswissenschaften in Deutschland, die Ministerin Schavan und andere vornehmen, in die richtige Richtung. Gerade Berlin ist hier sehr gut aufgestellt. Berlin hat weltweit gesehen überhaupt große Vorteile im wissenschaftlichen Bereich.

Die USA gelten noch immer als Forschungsmekka, Asien baut massiv die Forschung aus. Droht der europäischen Wissenschaft der Abstieg in die dritte Klasse?

Das glaube ich nicht, aber der Wettbewerb verschärft sich. Wir müssen vor allem darauf achten, wie wir mit unseren jungen Forscherinnen und Forschern umgehen. Die USA sind für Nachwuchswissenschaftler so attraktiv, weil sie dort früh wissenschaftlich unabhängig werden. Ihnen wird nicht vom Professor vorgeschrieben, an welchen wissenschaftlichen Fragestellungen sie forschen. An Asien wird Europa kaum Wissenschaftler verlieren. Ein Land wie China schöpft die Kraft aus seiner unfassbar hohen Zahl an Menschen. Chinesische Eltern wissen, dass sie ihre Kinder durch Bildung voranbringen können. Und das System hat die Möglichkeit, die Besten der Besten rigoros auszuwählen.

Bei welchen Themen sollte Europa führend sein?

In traditionellen Disziplinen wie Physik, Chemie oder Mathematik liegt Europa teilweise sogar vor den USA. Aufholen müssen wir in relativ neuen Forschungsfeldern wie Biotechnologien, Informations- und Kommunikationstechnologien. Da haben wir einfach später begonnen. Doch in der Wissenschaft entstehen immer wieder neue Forschungsfelder und da sollte Europa vorne sein.

Welche Rolle spielen die Geistes- und Sozialwissenschaften für die Zukunft Europas?

Wir brauchen Geistes-, Sozial- und Naturwissenschaften. Die Frage nach dem Sinn, der jede technologische Innovation und die durch sie bewirkten Veränderungen begleitet, können nur die Geistes- und Sozialwissenschaften beantworten helfen. Technische Innovationen kommen nicht weit, wenn sie nicht mit sozialen Innovationen einhergehen. Nehmen sie die personalisierte Medizin. Sie allein bringt uns nicht voran, wenn wir nicht wissen, wie Spitäler und Praxen und das Gesundheitssystem insgesamt organisiert sein müssen, um dieses Potenzial zu nutzen.

Werden die Geisteswissenschaften so nicht zu Hilfswissenschaften der Technikforschung degradiert?

Nein, sie sind weder Hilfs- noch Reparaturwissenschaften. Sie müssen allerdings mehr Selbstvertrauen entwickeln und dürfen sich nicht scheuen, auch die akuten Probleme der Gegenwart anzugehen. Denn gerade sie bringen eine langfristige Perspektive mit, die heute vermehrt gefragt ist.

Mit Ihnen bestimmt erstmals eine Sozialwissenschaftlerin die Geschicke des Europäischen Forschungsrats. Ihr Vorgänger war genauso wie der erste Generalsekretär Ernst-Ludwig Winnacker Naturwissenschaftler. Setzen Sie andere Akzente?

Der Forschungsrat wurde mit dem Auftrag gegründet, das gesamte Spektrum der Wissenschaften zu fördern. Damit unterscheidet er sich von anderen Programmen wie der amerikanischen National Science Foundation, wo die Geisteswissenschaften nicht vorkommen. Daran wird sich nichts ändern. Ich werde die Kontinuität fortführen, doch das Programm wird weiter entwickelt. Im Übrigen ist durch die Finanz- und Wirtschaftskrise eine neue Situation eingetreten, in der sich besonders die Grundlagenforschung behaupten muss.

Der Forschungsrat hat ein milliardenschweres Budget, vergibt bisher aber allein gut dotierte Stipendien an einzelne Wissenschaftler. Reicht das aus, um die europäische Forschung im Vergleich mit den USA sichtbarer zu machen – oder bräuchten wir nicht doch eine von der EU finanzierte Eliteuni, die mit Harvard mithalten kann?

Die Notwendigkeit für eine EU-Eliteuni sehe ich nicht. Wir brauchen einen gesunden Wettbewerb zwischen den europäischen Universitäten. In Deutschland wurde mit der Exzellenzinitative vorgeführt, wie das im eigenen Land funktionieren kann.

Die deutschen Unis bekommen bislang seltener einen Zuschlag für eines der Stipendien als Großbritannien, Frankreich oder die Schweiz. Woran liegt das?

Großbritannien und die Schweiz profitieren von der großen Internationalität ihrer Unis. Die Schweiz hat die internationale Ausrichtung der ETHs bereits im 19. Jahrhundert angelegt. Die Schweizer hatten sich damals sehr rasch industrialisiert. Es fehlten Ingenieure, und man hat eben aus dem Ausland Professoren eingekauft. Das hat sich gehalten. Wenn Sie sich anschauen, wer in der Schweiz und Großbritannien ein Forschungsrats-Stipendium einwirbt, merken Sie: Da ist ein hoher Anteil von Ausländern drunter, die aber bereits lange dort forschen.

Der Rat soll künftig die Protokolle seiner Entscheidungsrunden öffentlich machen, damit Forscher besser nachvollziehen können, warum sie gefördert oder abgelehnt wurden. Das fordert eine Expertenkommission. Birgt so viel Transparenz nicht auch Gefahren? Gutachter könnten ihre wahre Meinung abschwächen – aus Angst, Kollegen nicht mehr gegenübertreten zu können, deren Antrag man stark kritisiert hat.

Ich sehe nicht, dass man das anonyme Gutachterwesen abschaffen wird. Transparenz um der Transparenz willen bringt nichts. Man muss auch den Gutachtern vertrauen. Bei uns müssen die Entscheidungen begründet werden, und es gibt Feedback für die Forscher. Das wird natürlich vorsichtig formuliert. Man will niemanden verletzen, aber man will auch konstruktive Kritik weiterleiten.

Sie haben untersucht, wie Unis es schaffen, die Neugier ihrer Wissenschaftler zu erhalten. Was sollten Hochschulen beachten?

Freiräume für wissenschaftliche Kreativität schaffen. Die Universitäten stehen natürlich unter dem Druck, Leistungsnachweise zu führen. Das ist richtig, aber es gibt die Tendenz zu Kontrollsystemen, die sich nur nach Kennziffern und Indikatoren richten. Die Wissenschaftler sind dann vorwiegend damit beschäftig, ihre Arbeit in Zahlen zu verwandeln oder zu überlegen, wie sie das System überlisten. Man muss eine gute Balance finden.

Die Fragen stellte Tilmann Warnecke.

HELGA NOWOTNY (72) ist seit Anfang des Monats Präsidentin des Europäischen Forschungsrats. Die Soziologin stammt aus Wien, bis 2002 war sie Professorin an der ETH Zürich.

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