Interview : „Humboldt wollte Freiheit“

Visionäre Gründer, berühmte Forscher und schmerzliche Schnitte: Der Bildungshistoriker Heinz-Elmar Tenorth spricht über die 200-jährige Geschichte der Berliner Universität.

Amory Burchard,Tilmann Warnecke
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Begegnung mit Wilhelm von Humboldt. Mit einem Festakt startet die Humboldt-Universität am Montag die Feiern zum 200. Jubiläum der...Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Herr Tenorth, als Sie 1991 an die Humboldt-Universität berufen wurden – was haben Sie mit dem Namen verbunden?

Humboldt war das Symbol für die historische Realität, die ich als Bildungshistoriker seit Jahren erforschte. Er verkörpert den Startpunkt der modernen Bildungsgeschichte – gerade durch die Gründung der Universität. Ich empfand es als Erfüllung eines Lebenstraums, an dem Ort zu arbeiten, den ich nur aus Archiven kannte, und in der Uni, die mich als Westbesucher nicht reingelassen hatte.

Die Gründung der Berliner Universität im Jahr 1810 war eine historische Großtat. Sie war eine Antwort König Friedrich Wilhelm III. auf die schreckliche Niederlage Preußens gegen Napoleon. Konnte der König schon damals absehen, dass er einen großen Wurf getan hatte?

Viele hatten eine Vision – von Humboldt über Fichte zu Schleiermacher –, der König eher nicht. Es gab ja auch Kontroversen. Humboldt plädierte für „Einsamkeit und Freiheit“, Fichte wollte die Studenten kasernieren, uniformieren und kontrollieren. Und es erfüllte ihn mit Schrecken, eine Universität in einer Großstadt zu gründen, mit all ihren Verführungen. Eine andere Fraktion wollte keine Forschung an der Uni. Dafür habe man die Akademie. Humboldt dagegen votierte für „Gemeinschaft der Lehrenden und Lernenden“ und den Forschungsimperativ.

Universitäten gab es in Europa seit dem Mittelalter. Hat Wilhelm von Humboldt mit seinem Entwurf für die Berliner Universität eine bewusste Abgrenzung von der traditionellen Universität angestrebt?

Teilweise ja. Die alteuropäische Universität war keine Forschungsuniversität, sondern ein Ort der Verteilung des Wissens und der Examinierung. Vorlesung bedeutete, dass die Professoren aus Büchern, die in der Institution anerkannt waren, vorlasen – nicht aus ihren eigenen. Humboldt wollte Professoren nach ihrer Kompetenz berufen, an der alten Universität gab es eher geselligen Klientelismus: Da machte der Professor den Schwiegersohn zum Professor, um die Familie zu versorgen. Diese alte Universität war Ende des 18. Jahrhunderts verrottet!

Preußen hatte doch die Universität Königsberg mit dem großen Kant, die Viadrina in Frankfurt/Oder, an der die Humboldt-Brüder und Heinrich von Kleist studierten. Als Reformuniversität galt Halle, wo das erste deutsche Uniklinikum 1717 entstand. Wozu noch eine Universität in Berlin?

Halle ist eine der ersten Gründungen, die anders arbeiten, auch schon auf Deutsch lehren. Aber 1809/10 war die Stadt französisch kontrolliert. Frankfurt an der Oder war eine dieser überlebten Anstalten, Königsberg darf man nicht mit Kant gleichsetzen. Ein Vorbild für Humboldt aber war, neben Jena, Göttingen. Dort entstand eine Wissenschaft neuen Typs, etwa in den Rechtswissenschaften und in der Geschichte.

Wie originell war Humboldt mit seiner Idee von der Berliner Universität?

Er ist der eigentliche Gründer, weil er die bedeutsamen Ideen so zusammenführt, dass diese Institution zukunftsfähig wird. Die Gründungskonzeption aber kam aus der Kommunikation einer Gruppe – dazu gehören Fichte, Schleiermacher, aber auch andere preußische Reformer, bis zu den Militärs. Humboldt sah die Philosophische Fakultät als geistiges Zentrum der Universität, wie Kant im „Streit der Fakultäten“. Gegen die Funktionalisierung für Amt, Beruf und den Staat, wie bei Medizin, Theologie und Jurisprudenz, sollten Wissenschaft, Bildung und Kritik die Universität bestimmen. Und ein ganz wesentlicher Grundgedanke findet sich schon in seinen staatstheoretischen Schriften: dass die Bildung der Nation gehört und nicht dem Staat.

Berlin war damals ein Kaff. Alexander und Wilhelm von Humboldt waren froh, wenn sie einen Bogen darum machen konnten. Wie kam es, dass die Universität trotzdem schnell große Namen anziehen konnte, angefangen bei Hegel und Savigny?

Für Savigny war attraktiv zu wissen: Ich betreibe nicht nur meine Wissenschaft, sondern kann ihre Rolle in der Gesellschaft systematisch neu begründen. Wenn er Vorlesungen hielt, waren die ersten Reihen voll mit Politikern und Beamten und hinten saßen ein paar verstreute Studenten. Hegel erzeugt in Berlin die Summe seiner staatsphilosophischen Anschauungen und wirkt damit, wie Schleiermacher für Theologie und Kirche. Aber die Berufungspolitik war nicht immer erfolgreich: Gauss etwa, den Alexander von Humboldt wollte, zog es vor, in Göttingen zu bleiben.

Wie muss man sich die Lehre in der Gründungsphase vorstellen?

Die dominierende Lehrform war und blieb die Vorlesung. Sie ist Pflicht für die Professoren, meist vier bis fünfstündig pro Woche. Der Professor liest weiterhin vor, aber jetzt seine eigene Theorie. Bei 50 Professoren und kaum mehr als 1000 Studenten sind das anfangs sehr kleine Gruppen. Die großen Vorlesungen der berühmten Leute sind mit 80 bis 100 Hörern schon Massenveranstaltungen.

Gab es keine Seminare?

Erst nur für eine kleine Gruppe von Elitestudenten: Sie werden als Forschernachwuchs rekrutiert, lernen die Arbeit an der Quelle, üben die Methoden ein, etwa in der Rechtswissenschaft oder den Philologien. Für die Naturwissenschaften gibt es die Sammlungen, dann entsteht das Labor. Viele der frühen Berufungen in Chemie oder Physik sind Berufungen um ein Labor herum.

Löste die Universität das Versprechen ein, das sie für die Forschung gegeben hatte?

Ja, und nicht nur im Labor. In den historisch-philologischen Disziplinen bedeutete Forschung nun den methodischen, kontrollierten, kritischen Umgang mit der Überlieferung, in der Rechtswissenschaft befragte man die Geltung der Normen und ihre Tauglichkeit für Gesetzgebung und Rechtsprechung.

Um die Wende zum 20. Jahrhundert hatte Berlin seine große wissenschaftliche Blüte, Theodor Mommsen, Robert Koch, Max Planck errangen Nobelpreise. Wie wirkte sich der Erste Weltkrieg auf Lehre und Forschung aus?

Der Krieg führte zu politischer Korrumpierung. Professoren unterstützten die Kriegszielpolitik. Sie ließen sich auch in der Forschung einbinden: Das Giftgas entwickeln Chemiker, auch der Berliner Universität. Die Universität verliert für ausländische Gelehrte und Studierende ihre Anziehungskraft. In den 1920ern wird die Inflation folgenreich. Das akademische Bürgertum verarmt, auf einmal ist es wenig attraktiv, Professor zu sein.

Während des Nationalsozialismus hat die Berliner Universität schwere Schuld auf sich geladen. Studenten verbrannten Bücher unliebsamer Autoren, Dozenten unterstützten die Vertreibung von 250 jüdischen Kollegen, hunderte Studenten mussten die Universität verlassen und gingen ins Exil oder in die Gaskammern. Wie vollzog sich die Aufarbeitung dieser Verbrechen?

Die DDR tat sich wissenschaftspolitisch gerade wegen ihres staatlich propagierten Antifaschismus schwer mit der Aufarbeitung. Wenn der Opfer gedacht wurde, war bald nur noch von Sozialisten und Kommunisten die Rede - kaum noch von den Juden. Nach 1989/90 hat es dagegen eine Reihe von Initiativen gegeben: Erste deutliche Worte über die NS-Zeit formuliert der Historiker Heinrich August Winkler in einer Selbstdarstellung der HU; bis heute existiert eine AG von Studierenden zur Bücherverbrennung; in allen Fächern gab es eine kritische Aufarbeitung, die in einem großen Buchprojekt für die Universität dokumentiert ist. Die Universität weiß, dass sie mit einer großen Hypothek lebt.

Weiteres Unrecht geschah nach Kriegsende. Studierende und Dozenten, die dem Kommunismus kritisch gegenüberstanden, wurden geschasst, einige sogar ermordet. In den folgenden Jahrzehnten war freie Wissenschaft nach westlichen Maßstäben an der HU nicht möglich.

Tatsächlich wurden bereits 1946/47 viele der zurückgekehrten Emigranten wieder vertrieben. Es gibt unter dem Zugriff der SED eine neue politische Rekrutierung, jetzt nach kommunistischen Kriterien. Das haben die Leute erlebt, und sie gingen bewusst weg. Die Gründung der Freien Universität geschieht ja nicht zufällig. Man wird der Universitätsgeschichte von 1946 bis 1989 aber nicht gerecht, wenn man annimmt, das Zentralkomitee der SED und der Staatssekretär für Hochschulfragen hätten in jedem Fach vorgeschrieben, was die Leute dort denken, lesen und sagen sollten.

Warum nicht?

Der Eigensinn von Universität lebt weiter. Während der DDR-Zeit gab es kontinuierlich Relegationen von Studenten. Auch Robert Havemann ist ja Professor unserer Universität gewesen, Wolfgang Harich war hier Philosoph, bevor er verurteilt wurde. Viele Lehrende waren sich der Differenz zwischen staatlich verordneter Wissenschaft und der Logik der Forschung bewusst. Aber gute Naturwissenschaftler konnten auch richtige Sozialisten sein; denn in die Praxis des Experiments redete der Staat nicht rein.

Gleichwohl war das Ende der DDR für viele HU-Angehörige ein schmerzhafter Prozess.

Das erklärt sich aus dem Konflikt der Welten, dass viele die Jahre 1990/91 zwischen Entsetzen und Erstaunen erlebt haben. Wir aus dem Westen haben beim Evaluieren der Ostforscher nicht selten unterstellt, dass Einzelleistungen gar nicht existent waren. Meine erste Wahrnehmung war: Mein Gott, wie kann man so viel Geld verschwenden. An manchen Räumen standen 20 Namen. Und wenn man die Tür öffnete, war niemand da. Die kamen einmal die Woche, hielten ihre Veranstaltung, gingen wieder und bekamen ihr Gehalt. So entstand eine brisante Konfliktlage: Ostdeutsche Kollegen plädierten für eine Selbsterneuerung von innen. Wir sagten: Das geht nur von außen.

Ist das Kapitel abgeschlossen?

Es entstand doch relativ bald eine neue Humboldt-Identität. Wir waren uns, auch mit den Ex-DDR-Kollegen, in den neunziger Jahren einig, die beste deutsche Universität werden zu wollen. Daran haben wir gemeinsam gearbeitet. Von daher war und ist die Ost-West-Schematisierung nicht mehr relevant.

Der Aufstieg seit 1990 verlief tatsächlich beeindruckend schnell. Die Berliner Politik betrachtete die HU als erstes Haus am Platz. In der Exzellenzinitiative ist die Uni ihrem Ruf nicht gerecht geworden. Wie weit hat das die HU zurückgeworfen?

Ohne Zweifel war der Elitewettbewerb für die Selbstwahrnehmung eine ganz schwierige Situation. Die Schwierigkeiten fingen aber schon früher an. Die HU als Liebling der Politik – das endete schon 1996, 1997, als es die ersten Kürzungen gab, wie erneut 2004. Wir hatten noch nicht einmal alle Professuren besetzt, die für eine modellhafte Forschung vorgesehen waren. Dass wir – und das gilt genauso für die Freie Universität – nach diesen Kürzungsrunden überhaupt in die Endrunde des Exzellenzwettbewerbs gekommen sind, ist schon eine große Leistung.

Wie geht es wieder bergauf?

Wir müssen das Präsidium neu wählen, und zwar so schnell wie möglich. Von den Professoren, die 1991-93 gekommen sind, ist bald niemand mehr im Amt. Das ist eine Umbruchsituation, die sich auch in der neuen Hochschulleitung widerspiegeln muss.

Was ist von den Humboldtschen Ideen heute noch an der Universität gegeben?

Zum Geist der Humboldtschen Gründung gehörte, was er als die Gemeinschaft der Lehrenden und Lernenden bezeichnete. In den fast zwanzig Jahren, die ich inzwischen hier bin, hat das die Universität immer ausgezeichnet, intellektuell und politisch. Genauso wie der Forschungsanspruch und das Leistungsbewusstsein und ein Konsens, dass Humboldt nicht nur ein Name ist, sondern ein Anspruch, an dem man sich messen muss.

Heinz-Elmar Tenorth (64) ist seit 1991 Professor für Historische Erziehungswissenschaft an der Humboldt-Uni. Er ist Mitherausgeber einer neuen Geschichte der HU, die 2010 erscheint.

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