Interview : "Im Wettbewerb ist Profilbildung zwingend"

Der zukünftige Präsident Jan-Hendrik Olbertz sieht die Berliner Humboldt-Universität auch vor unpopulären Entscheidungen – denn er will ihre Stärken weiter ausbauen.

Der zukünftige HU-Präsident Jan-Hendrik Olbertz, 55, will die Lehre flexibilisieren.
Der zukünftige HU-Präsident Jan-Hendrik Olbertz, 55, will die Lehre flexibilisieren.Foto: Mike Wolff

Herr Olbertz, was können die Humboldt-Universität und Berlin von Ihnen und von Sachsen-Anhalt lernen?


Vielleicht ein bisschen Selbstgewissheit und Vertrauen in die eigenen Kräfte.


In Sachsen-Anhalt gelten Sie als Vertrauter des Ministerpräsidenten Wolfgang Böhmer. Er kandidiert aus Altersgründen aber nicht noch mal. Als Parteiloser hätten Sie in der CDU daher kaum Chancen gehabt, noch einmal Kultusminister zu werden. War das eine wichtige Motivation für Sie, HU-Präsident werden zu wollen?


Nein, überhaupt nicht. Ich habe das Amt des Kultusministers in Sachsen-Anhalt acht Jahre lang mit Leidenschaft ausgeübt und dabei eine Menge gelernt. Aber irgendwann erschöpft sich das Potenzial an möglichen Erfahrungen in einer solchen Aufgabe und man fängt an, sich nach einer neuen umzusehen. Dass dies für mich nicht auf Dauer in der Politik sein würde, war von Anfang an klar. Die eigentliche Motivation, für die Humboldt-Universität zu kandidieren, liegt in der Aufgabe selbst, die mich sehr reizt. Das hängt mit der Humboldtschen Universitätsidee zusammen, die ich bis heute für einen modernen, entwicklungsoffenen Anspruch halte.


Sie haben bereits viele informelle Gespräche mit HU-Angehörigen geführt. Was sind Ihrem Eindruck nach die drängendsten Wünsche und Erwartungen an Sie?


Es wird vor allem erwartet, dass Partizipation stattfindet, dass die Mitglieder der Universität in wesentliche Entscheidungs- und Entwicklungsprozesse einbezogen werden. Ich hatte in diesen Gesprächen schon den Eindruck, dass an der Universität ein gewisser Mangel an Transparenz und Kommunikation herrscht.


Wie wichtig ist es für die HU, im nächsten Exzellenzwettbewerb bei den Zukunftskonzepten unter die Sieger zu kommen?


Das ist sehr wichtig, weil die Universität die Potenziale für ein exzellentes Zukunftskonzept ohne Zweifel hat. Also müssen sie auch zur Geltung gebracht und wirksam werden. Eine Schicksalsfrage würde ich daraus aber nicht machen. Auf jeden Fall sollten wir alles daran setzen, in der nächsten Runde erfolgreich zu sein.


Die HU-Basis hat den damaligen Exzellenzantrag nicht explizit unterstützt. Es herrschte die Sorge, dass damit mittelfristig dutzende von Professuren aus anderen Gebieten abgewickelt werden müssten, um die neuen Exzellenzbereiche später weiter zu finanzieren. Muss eine Uni zu so großen Umwälzungen bereit sein, um Erfolg im Exzellenzwettbewerb zu haben?


Wer im Wettbewerb bestehen will, muss sich zur Schwerpunktbildung bekennen. Dafür sind gewisse Konzentrationsprozesse unumgänglich. Ein klares Standortprofil muss Konturen haben, kann also nicht alles gleichermaßen einbeziehen. Allerdings können solche Strukturentscheidungen nicht einfach von oben nach unten verordnet werden, sondern sie müssen aus einem inneruniversitären Einvernehmen erwachsen. Dann gibt es auch die Bereitschaft, auch unpopuläre Entscheidungen mitzutragen.


In der dritten Säule des Exzellenzwettbewerbs waren zumal Anträge erfolgreich, die vorschlugen, Spitzenprofessoren weitgehend von der Lehre zu entlasten. Auch in den Clustern werden Professoren stark von der Lehre entlastet. Wird so nicht die Lehre weiter geschwächt und abgewertet?


Ich bin kein Freund der „reinen“ Lehrprofessur, auch nicht der völlig von der Lehre entlasteten Forschungsprofessur. Das widerspräche dem Berufsbild eines Universitätsprofessors beziehungsweise einer -professorin. Allerdings sollten die Regeln der Lehrverpflichtung flexibel gehandhabt werden, um zwischen Forschung und Lehre je nach Bedarf wechselnde Akzente setzen zu können. Wenn mit der Spitzenforschung die Nachwuchsförderung vernachlässigt wird, dann läuft etwas schief.

Der Kandidat für das Präsidentenamt der FU, Peter-André Alt, hat sich für einen Wechsel vom sechs- zum achtsemestrigen Bachelor ausgesprochen. Würden Sie mit ihm gemeinsam eine Offensive starten?


Nein, generell würde ich mich nicht für achtsemestrige Bachelorstudiengänge aussprechen. Das Ziel der Studienzeitverkürzung würde damit konterkariert werden, und es wäre eine Einladung, die alten Studiengangsstrukturen einfach beizubehalten und nur „Bachelor“ dazu zu sagen. Reform soll ja nicht simuliert, sondern mit ihren neuen inhaltlichen Ansprüchen an die Berufsvorbereitung ernsthaft umgesetzt werden. Aber ich bin dafür, dass die von der Kultusministerkonferenz angegebene Bandbreite von sechs, sieben oder acht Semestern jeweils begründet ausgeschöpft wird.


Auch an der HU fordern Studierende eine Überarbeitung der Curricula. Würde der neue Präsident diese Forderung nicht leichter unterstützen können, wenn die Kultusministerkonferenz dezidierte Vorgaben für Prüfungsbelastungen und Zeitfenster für das Selbststudium gemacht hätte?


Jetzt antworte ich nochmal als Minister: Es ist schon merkwürdig, dass der KMK auf der einen Seite immer wieder vorgeworfen wird, sie sei ein bürokratisches Monstrum, das alles mit Vorgaben überzieht, während von ihr auf der anderen Seite immer neue Regeln erwartet werden. Meiner Meinung nach sollte die Bologna-Reform auf der Grundlage der ländergemeinsamen Strukturvorgaben der KMK jetzt couragiert an den Hochschulen selbst umgesetzt werden, und zwar ohne weitere Vorgaben. Das Kriterium der Studierbarkeit kann doch am Ende nur im fachwissenschaftlichen Kontext vor Ort beurteilt werden, nirgends sonst.


Wie bewerten Sie die finanzielle Lage der Berliner Unis im bundesweiten Vergleich?


Als kritisch. Die Berliner Universitäten haben mit einer gravierenden Unterfinanzierung zu kämpfen. Es bleibt ihnen gar nichts anderes übrig, als ihre Angebote an die zugesagten Budgets anzugleichen, im höchstmöglichen Maße Drittmittel einzuwerben und Effizienzreserven zu mobilisieren. Dies ist allerdings eine Situation, die nicht nur die Berliner kennen. Sicherlich muss man künftig gemeinsam mit dem Bund über neue Formen der Hochschulfinanzierung nachdenken – auch in Gestalt von Gemeinschaftsprojekten.


Berlins Hochschulfinanzierung baut in den nächsten Jahren maßgeblich auf Mittel aus dem Hochschulpakt von Bund und Ländern. Halten Sie das für riskant?


Nein, darin stecken zunächst enorme Chancen, auch wenn deren Nachhaltigkeit noch nicht gesichert ist. Es entstehen dadurch auch neue Kooperationsformen zwischen Bund und Ländern. Ich begrüße diese Entwicklung, weil sie die Idee einer gemeinschaftlichen Verantwortung für die Entwicklung des deutschen Wissenschaftssystems voranbringen.


Umstritten ist auch Senator Zöllners neues Preismodell. Die Hochschulen bekommen nun zwei Drittel ihrer Grundfinanzierung nach Leistungsparametern.


Eine gewisse Skepsis kann ich hier nicht verhehlen. Aber die Hochschulen haben sich mit dem Senator auf dieses Modell verständigt, und entsprechend werde ich mich an seiner Umsetzung und gegebenenfalls Weiterentwicklung beteiligen. Ich werde mich jedenfalls nicht scheuen, es zu kritisieren, wenn es nicht funktioniert.


Zu Beginn der Amtszeit von Christoph Markschies hat es heftigen Streit im Präsidium über Zuständigkeiten gegeben. Die Verfassung der HU gewährt den Vizepräsidenten große Eigenständigkeiten. Kann das die Arbeit eines Präsidenten erschweren?


Nein, das glaube ich nicht. In der Verfassung steht ja auch etwas von der Richtlinienkompetenz des Präsidenten. Daran sind die Vizepräsidenten gebunden. +++an den Präsidenten, auf die ich in zahlreichen Gesprächen in der Universität gestoßen bin, nicht mit den Entscheidungs- und Handlungsspielräumen, die ihm in der Verfassung zugestanden werden. Ich finde das merkwürdig. Auf jeden Fall bin ich für reine Repräsentationsaufgaben nicht geeignet.


Sie wollen mehr Macht?


Jedenfalls mehr Entscheidungsspielräume. Es sollte in der Verfassung festgehalten werden, was mit der Richtlinienkompetenz des Präsidenten gemeint ist. So höre ich zum Beispiel aus den Fakultäten, dass es sehr schwierig ist, hervorragende Juniorprofessoren mit einer Dauerstelle zu halten, wenn gerade keine freie Stelle verfügbar ist. Hier könnte ich mir vorstellen, dass es einen Stellenpool beim Präsidenten gibt. Der Präsident würde dann nicht über den Fakultätsrat hinweg entscheiden, aber er hätte ein Vorschlagsrecht. Wissenschaft verlangt Flexibilität und manchmal Schnelligkeit. Darum würde ich einen Zuwachs von Entscheidungsbefugnissen des Präsidenten auch nicht als Entmachtung des Akademischen Senats verstehen, sondern als Verbesserung der Abläufe. Die Universität muss darauf vertrauen, dass der Präsident ihr Gesamtinteresse im Blick hat.


Die Fragen stellte Anja Kühne.

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