Interview : "Jeder Todesfall wird genau untersucht"

Schweinegrippe: Der Impfstoff-Experte Johannes Löwer erklärt, wie Komplikationen überwacht werden - in Deutschland und weltweit.

Interview von Kai Kupferschmidt
Mediziner erwartet "zweite Welle" bei Schweinegrippe-Erkrankungen
Schutz aus der Spritze. Die Impfung gegen Schweingrippe hat begonnen. Noch hält sich das Interesse in Grenzen.Foto: ddp

Herr Löwer, seit einer Woche läuft in Deutschland die Impfaktion gegen die Schweinegrippe. Sind Sie bisher zufrieden?

Uns liegen noch keine Zahlen vor, wie viele Menschen sich haben impfen lassen. Aber es stimmt natürlich, dass in der Bundesrepublik die Impfung sehr zurückhaltend aufgenommen wird. Nach den Diskussionen der letzten Wochen verwundert das allerdings nicht.

Insbesondere die Sicherheit der einzelnen Impfstoffe ist viel diskutiert worden. Da sie nur an einigen tausend Menschen getestet werden, lassen sich seltene Nebenwirkungen, die zum Beispiel nur bei einem von hunderttausend Menschen auftreten, vorher nicht ausschließen. Was tut das Paul-Ehrlich-Institut nun, um diese Nebenwirkungen zu überwachen?

Die Nebenwirkungen werden nicht nur von uns, sondern weltweit beobachtet. In Schweden wird schon seit mehr als zwei Wochen geimpft und wir bekommen wöchentliche Berichte über die Beobachtungen. Genauso verfolgen wir natürlich die Meldungen über Nebenwirkungen, die bei uns eintreffen, und bewerten sie. Das veröffentlichen wir regelmäßig auf unseren Internetseiten. Aber wir sind auch selbst aktiv. Zum einen haben wir eine Studie zum Guillain-Barré-Syndrom (GBS) gestartet und schreiben nun regelmäßig alle neurologischen Kliniken an und fragen nach neuen Fällen von GBS. Das ist eine neurologische Erkrankung, die 1976 nach einer Influenzaimpfaktion in den USA vermehrt aufgetreten ist. Damals erkrankte eine von 100 000 Personen, nicht wie üblich eine von einer Million. Dort wurden damals ausschließlich Impfstoffe ohne Verstärker verwendet. Mit voller Antigenmenge. Außerdem ist die gezielte Grippe-Impfung von Schwangeren relativ neu. Wir untersuchen deswegen zusammen mit dem Pharmakovigilanzzentrum für Embryonaltoxikologie in Berlin, ob es durch den Impfstoff etwa häufiger zu Frühgeburten kommen kann.

Sie sind gerade aus Schweden wiedergekommen. Dort hat die Nachricht für Aufregung gesorgt, dass fünf Menschen kurz nach der Impfung verstorben sind. Nur Zufall oder lag es an der Impfung?

Jeden Tag sterben in Schweden zwischen 200 und 250 Menschen. Da ist es ganz klar, dass man mit Todesfällen auch bei Menschen rechnen muss, die sich gerade haben impfen lassen. Besonders weil ja Menschen mit chronischen Erkrankungen bevorzugt geimpft werden. Bei einem der Fälle ist bei der Obduktion auch deutlich geworden, dass in der Vergangenheit bereits schwere Herzinfarkte vorlagen. Die anderen Fälle werden zurzeit noch untersucht. Man muss da sehr vorsichtig sein und jeden Todesfall genau ansehen. Vor kurzem hat in Großbritannien der Tod einer jungen Frau für Schlagzeilen gesorgt, die sich zuvor gegen humane Papillomviren hatte impfen lassen. Später stellte sich heraus, dass sie einen äußerst seltenen Tumor im Brustbereich hatte, der zum Tod geführt hat. Man muss sich aber auch darüber bewusst sein, dass es zu allergischen Reaktionen auf den Impfstoff kommen kann. Er wird ja in Hühnereiern produziert. Wenn sich Menschen mit einer Eiweißallergie dennoch impfen lassen, sollten die Vorkehrungen getroffen sein, um eine allergische Reaktion behandeln zu können.

Wie können Sie unterscheiden, ob eine Erkrankung oder ein Todesfall zufällig nach einer Impfung geschehen ist oder durch sie verursacht wurde?

Das ist nicht einfach, weil es keinen Test gibt, der den Zusammenhang mit der Impfung nachweisen kann. Zum einen muss es biologisch plausibel sein. Man muss zumindest eine nachvollziehbare Brücke zur Impfung schlagen können. Außerdem kann man berechnen, wie häufig bestimmte Erkrankungen etwa in den vier Wochen nach einer Impfung ganz regulär auftreten sollten. Gibt es da einen Anstieg, ist das ein Hinweis. Dafür ist die Epidemiologie sehr wichtig, leider ist das Feld in Deutschland aber unterentwickelt, weil es nicht wirklich gefördert wurde. Deshalb liegen uns nur begrenzte Daten vor. Wie häufig bei jungen Frauen zwischen 20 und 25 im Herbst eine Fehlgeburt vorkommt, kann man zum Beispiel nicht ohne weiteres herausfinden. In anderen Ländern wie Großbritannien gibt es aber sehr ausführliche Daten, auf die wir zurückgreifen können.

Der neue Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler hat gesagt, die saisonale Grippe sei zurzeit gefährlicher als die Schweinegrippe. Hat er recht?

Das ist schon sehr verkürzt – er hat auch gesagt, dass er sich gegen die Schweinegrippe impfen lassen wird. Klar ist: Die Fälle mit dem neuen H1N1 nehmen deutlich zu und sie verdrängen mindestens einen Teil der saisonalen Grippeerreger. Wenn man bei Grippekranken den Influenzaerreger findet, ist es doch sehr häufig das neue H1N1-Virus.

Aber es heißt doch immer wieder, dass an der saisonalen Grippe jedes Jahr 8000 bis 11 000 Menschen sterben.

Mit dieser Zahl muss man sehr vorsichtig sein, denn im Grunde wird da die „Übersterblichkeit“ gemessen, also wie viele Menschen mehr sterben als erwartet. Außerdem betrifft die saisonale Grippe meist Menschen jenseits der 65. Während bei den Todesfällen durch das neue H1N1-Virus, die wir bisher in Deutschland hatten, Kinder und Erwachsene unter 60 Jahren betroffen waren. Die schweren Verläufe und auch die Todesfälle treten weltweit in der Mehrheit bei Personen unter 65 auf. Das ist ein ganz entscheidender Unterschied.

Es gibt viel Kritik an den Verbindungen der Pharmaindustrie zu Zulassungsbehörden und Gremien wie der Ständigen Impfkommission. Ist die Pandemie nur eine Inszenierung der Pharmaindustrie?

Nein, wir haben bei uns im Haus sehr strenge Regeln. Unsere Mitarbeiter müssen jedes Jahr genau angeben, ob es Interessenkonflikte gibt und auch ob nach ihrer Kenntnis ihre Kinder oder Lebenspartner solche Verbindungen haben. Sollte dann ein Interessenkonflikt bestehen, werden die betreffenden Personen von den Verfahren ausgeschlossen. Grundsätzlich ist es schwierig, externe Experten für Sachverständigenausschüsse zu finden. Sie brauchen Personen, die an den Universitäten forschen, und da bestehen natürlich viele Kontakte in die Pharmaindustrie. Dies gilt auch für Gremien wie die Ständige Impfkommission. Dort ist es aber auch so, dass Personen, die Interessenkonflikte angeben, an den entsprechenden Diskussionen und Abstimmungen nicht teilnehmen.

Haben Sie sich bereits impfen lassen?

Ja, vor zwei Stunden. Ich merke aber noch nichts. Viele meiner Kollegen haben mir allerdings von Reaktionen erzählt. Dass ihnen der Arm wehtat und sie eine Nacht nicht auf der Seite schlafen konnten, dass sie in der Nacht einen leichten Schüttelfrost hatten oder Kreislaufschwierigkeiten. Solche Reaktionen treten nicht selten auf.

Die Fragen stellte Kai Kupferschmidt.

Johannes Löwer (64) ist Präsident des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI) in Langen

und kommissarischer Leiter des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte.

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