Interview mit Gunter Pleuger : "Schlummerndes Potenzial"

Integrativ: Wie Diplomat Gunter Pleuger die Universität Viadrina regieren will.

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Gunter Pleuger wurde an der Viadrina in Frankfurt (Oder) zum Nachfolger von Gesine Schwan gewählt. -Foto: dpa

Herr Pleuger, New Delhi, Washington, Berlin, New York – und jetzt Frankfurt (Oder). Warum kehren Sie nach einer überaus erfolgreichen diplomatischen Laufbahn aus dem Ruhestand zurück, um Präsident einer kleinen brandenburgischen Uni zu werden?

Im Denken dieser Universität gibt es eine Parallelität zu meinem früheren Beruf. Das internationale und interdisziplinäre Profil der Viadrina entspricht dem außenpolitischen Denken. Wir sind Multilateralisten, versuchen, globale Probleme interdisziplinär zu lösen. Denn viele Probleme der Globalisierung betreffen gleichermaßen Völkerrecht, Wirtschaft, Zivilgesellschaft und Kultur. Das gilt auch für die europäische Integration, die Probleme der Transitionsländer und die Beziehungen zu den osteuropäischen Staaten.

Wie wollen Sie die Viadrina als internationale Stiftungsuniversität europaweit bekannter und attraktiver für exzellente Wissenschaftler und Studierende machen?

Die Universität hat eine Reihe von Problemen, die externer Natur sind. Das schwerwiegendste ist die demografische Entwicklung. Viele junge Menschen in Ostdeutschland und auch in Osteuropa wandern in den Westen ab. Darauf müssen wir reagieren, indem wir ein Lehrangebot erarbeiten, das für westliche und mitteleuropäische Studierende attraktiv ist. Dabei bauen wir darauf auf, was Gesine Schwan geschaffen hat, dafür gebührt ihr allergrößter Respekt. Ich setze thematisch auf die europäische Integration: wie sie vorangetrieben werden kann, welche Rolle etwa das Gebiet Kaliningrad als Enklave in der EU spielen oder wie eine strategische Beziehung der EU zu Russland entwickelt werden kann.

Haben Sie dafür genug Zeit? Sie treten im Alter von 67 Jahren an – voraussichtlich für eine Amtszeit von sechs Jahren.

Ich fühle mich fit und gesund, freue mich auf die Herausforderung und werde meine ganze Kraft für die Viadrina einsetzen.

Noch hat das Stiftungskapital mit 200 000 Euro gegenüber dem Jahreszuschuss des Landes von 19,5 Millionen Euro einen symbolischen Wert. Wie wollen Sie das Kapital erhöhen?

Ich sehe eine Reihe von Möglichkeiten, aber das wird noch harte Arbeit. Wir werden mit der Wirtschaft in Kontakt treten und ein Lehrangebot ausarbeiten, an dem sie interessiert ist. Wenn die Unternehmen uns die Absolventen aus der Hand reißen, werden sie auch interessiert sein, diese Programme zu unterstützen. Außerdem werde ich an Stiftungen herantreten, die internationale Studiengänge fördern. Zunächst werden wir in der Viadrina unsere Hausaufgaben machen und Projekte ausarbeiten, die für potenzielle Stifter attraktiv sind.

Bedroht eine Ausrichtung auf die Wirtschaft die Kulturwissenschaften?

Überhaupt nicht. Die drei Fakultäten der Viadrina, die Kultur-, Wirtschafts- und Rechtswissenschaften, sind gleichermaßen gefragt. Ein Beispiel ist die besorgniserregende Entwicklung hin zur Regionalisierung in Europa: Sarkozy will die Mittelmeerunion, Polen konzentriert sich auf die östliche Dimension – da stellt sich die Frage nach einer gemeinsamen Perspektive. Wir brauchen eine alle Mitgliedsstaaten umfassende europäische Identität als Voraussetzung für die politische, ökonomische und soziale Integration.

Haben Sie einen Bezug zu Osteuropa?

Im Auswärtigen Amt habe ich an den Beziehungen zu Polen und Osteuropa im Zusammenhang mit der Erweiterung der EU gearbeitet. Mit Außenminister Joschka Fischer habe ich das Weimarer Dreieck wiederbelebt als Forum zur Förderung der europäischen Integration, aber auch zur Diskussion der polnischen Beitrittsprobleme. In Nizza haben wir dafür gesorgt, dass Polen bei der Sitzverteilung im EU-Parlament angemessen berücksichtigt wurde. Und seit meiner Rückkehr aus New York engagiere ich mich in der Stiftung Genshagen für die deutsch-polnisch-französische Zusammenarbeit.

Sprechen Sie – wie Gesine Schwan – auch Polnisch?

Ich komme in Osteuropa mit Englisch, Französisch und auch Deutsch gut zurecht. Und ich werde mich bemühen, ein bisschen Polnisch zu lernen.

Die Zahl der polnischen Studierenden in Frankfurt ist stark zurückgegangen. Wie wollen Sie gegensteuern?

Ich war in letzten Monaten drei Mal in Polen, den baltischen Staaten und Königsberg. Dort gibt es eine große Bereitschaft, mit Deutschland wissenschaftlich zusammenzuarbeiten, und ein großes Interesse, junge Leute zum Studium nach Deutschland zu schicken. Mit einem entsprechenden Programm können wir dort ein großes schlummerndes Potenzial wecken.

Die Viadrina gilt neben der Uni Potsdam als Überlaufbecken für Berlin: Wer dort am NC scheitert, versucht es an einer brandenburgischen Hochschule. Ist das eher ein Vorteil oder ein Nachteil?

Ich sehe die Viadrina als Universität mit einer ganz eigenen Anziehungskraft. Bei bislang zwei Besuchen habe ich eine sehr engagierte und außerordentlich initiative Studentenschaft kennengelernt.

Ein ehrgeiziges Projekt Ihrer Vorgängerin Gesine Schwan ist die Humboldt-Viadrina School of Governance, eine Kaderschmiede für den Nachwuchs in der internationalen Politik und Nichtregierungsorganisationen. Engagieren Sie sich auch dafür?

Natürlich. Ich hatte gleich nach meiner Wahl am Mittwochabend das große Vergnügen, die Abschiedsvorlesung von Frau Schwan zu hören. Da ging es um Governance im Spannungsverhältnis zwischen Wirtschaft, Regierung und Zivilgesellschaft. Wenn man nur an die Friedensmissionen der UN in Afrika denkt, wird klar: „Bad governance“, schlechtes Regierungshandeln, ist ein zentrales globales Problem. Die School of Governance ist eine sehr gute und wichtige Initiative, und ich freue mich darauf, sie mit Gesine Schwan weiterführen zu können.

Das Gespräch führte Amory Burchard.

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