Interview : „Öfter Mut zur schrägen Idee haben“

Die Kieler Meeresforscherin Karin Lochte vom Wissenschaftsrat kritisiert den Mainstream im Elitewettbewerb.

Frau Lochte, Sie haben sich in der vergangenen Woche bei der Jubiläumsfeier des Wissenschaftsrats in Berlin sehr kritisch zum Auswahlverfahren des Elitewettbewerbs geäußert. Sie sagten, das Auswahlsystem sei nicht geeignet, Exzellenz zu identifizieren. Warum sind Sie so skeptisch?

Damit habe ich die Exzellenz des einzelnen Wissenschaftlers gemeint. Die Exzellenzinitiative richtet sich aber nicht auf Einzelpersonen, sondern auf Gruppen von Forschern und die Universität als Ganzes. Bei der Identifikation exzellenter Gruppen sind wir sehr gut. Wenn es aber um Einzelpersonen geht, die gegen den Strom schwimmen, sehe ich Verbesserungsbedarf, nicht nur bei der Exzellenzinitiative.

Sie haben auch gesagt, viele Wissenschaftler und Gutachter von Clustern im Elitewettbewerb würden Moden folgen, es gebe zu viel Mainstream, etwa aus den Nano- und Neurowissenschaften. Haben also Projekte im Exzellenzwettbewerb eine Chance, die nicht wirklich innovativ sind?

Diese Kritik zielt nicht nur auf die Exzellenzinitiative. Die Forschung und die Forschungsförderung in Deutschland stürzen sich allgemein häufig auf ein paar international sichtbare Themen. Man sollte aber vielmehr Themen anpacken, die auf den ersten Blick verrückt erscheinen. Die Frage ist doch: Wollen wir im Wettlauf mit den USA brillieren oder eigene Themen setzen, um nicht hinterherlaufen zu müssen? Ich bin für Letzteres, man sollte öfter den Mut haben, die schräge Idee, die Innovation zu fördern. Solche Ansätze hat es auch in Anträgen zur Exzellenzinitiative gegeben. Das hat mich sehr gefreut. Ich würde es begrüßen, wenn sich dies weiterentwickeln würde.

Schließlich haben Sie gefordert, der Wissenschaftsrat müsse überprüfen, „wie begutachtet wird“. Was genau meinen Sie damit?

Der Wissenschaftsrat und die DFG, in deren Händen die Begutachtung bei der Exzellenzinitiative liegt, werden wegen ihres Begutachtungssystems sehr geschätzt. Das hat die zweite Runde des Wettbewerbs wieder bestätigt. Aber natürlich werden wir darüber nachdenken, was wir gegebenenfalls noch besser machen können, wenn es zur Fortführung der Exzellenzinitiative kommen sollte.

Wie könnte das Verfahren verbessert werden, sollte der Wettbewerb wiederholt werden?

Das Verfahren ist sehr gut gelaufen. Aber im Zuge der ohnehin anstehenden Evaluierung werden Wissenschaftsrat und DFG überlegen, ob sie Bund und Ländern vorschlagen, die Förderkriterien gegebenenfalls zu modifizieren. Das heißt natürlich nicht, dass wir alle fünf Jahre umsteuern sollten. Aber es geht darum, Etwas zu lernen, um mit den Fördermitteln das Optimum zu erreichen.

Das Gespräch führte Anja Kühne.

KARIN LOCHTE, 54, ist Meeresforscherin in Kiel und Vorsitzende der Wissenschaftlichen Kommission des Wissenschaftsrats.


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