Interview : „Pädophile Priester sollten ihr Amt behalten“

Canisius und die Folgen: Der Charité-Mediziner Klaus Beier über Fantasie und Therapie von Pädophilen – und wie das Internet unsere Sexualität beeinflusst

Interview von Thomas Lackmann
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Helfen statt verurteilen. Mit Plakaten wie diesem macht das Institut für Sexualmedizin der Charité auf sein Projekt „Kein Täter...

Herr Beier, Sie wenden sich mit ihrem Projekt „Kein Täter werden“ an Pädophile, die – im Gegensatz zu den bekannt gewordenen Übergriffen zweier Lehrer am Canisius-Kolleg – nicht kriminell geworden sind. Was macht für Ihre Arbeit den Unterschied aus zwischen Ihren Patienten und überführten Triebtätern?



Bei justizbekannten Tätern kann man nicht sicher sein, ob eine Therapie nur aus strategischen Gründen angestrebt wird. Wer freiwillig zu uns kommt, ist viel wahrscheinlicher therapeutisch erreichbar.

Heißt „erreichbar“, dass die Pädophilie sich noch nicht verfestigt hat?

Nein, das ändert sich nicht mehr. Dass man von einem kindlichen Körper angesprochen wird, ist Teil der sexuellen Präferenz. Die Fantasien, welche die Präferenz zum Ausdruck bringen, entstehen im Jugendalter und verkoppeln sich mit sexueller Erregung, insbesondere bei der Selbstbefriedigung. Das hat eine bahnende Bedeutung: Mit jeder Masturbation, jedem Outlet –

Wie bitte?

… jedem Orgasmus werden die neuronalen Netzwerke ausgebaut. Begleitfantasien werden Teil dieser Verschaltungen. Insofern hat die Erreichbarkeit von Internet-Bildinhalten mit stark normabweichenden sexuellen Praktiken für Kinder und Jugendliche Folgen. Ich gehe davon aus, dass Bilder mit derartigen Inhalten, sofern sie mit sexueller Erregung verknüpft werden, in der sexuellen Präferenzstruktur des Gehirns verkabelt werden und eine dauerhafte Ausrichtung zur Folge haben können. Das ist ein Großversuch an unseren Kindern!

Ihre Plakate sprechen vor allem Männer an.

Die pädophile Präferenz, dadurch definiert, dass der kindliche Körper als sexuell erregend wirkt, entsteht fast nur bei Männern. Bei Frauen tritt das sehr selten auf. Die Ursachen dafür kennen wir – wie bei vielen anderen chronischen Erkrankungen – nicht, nehmen aber ein Zusammenspiel von biologischen und psychosozialen Faktoren an. Übrigens sind Täter, die Kinder sexuell missbrauchen, keineswegs alle pädophil. Viele begehen Ersatzhandlungen: Sie sind eigentlich auf Frauen oder Männer orientiert und wählen aus unterschiedlichen Gründen ersatzweise Kinder, würden aber einen erwachsenen Partner bevorzugen. Hier gibt es auch Frauen als Täter, gleichwohl deutlich seltener als Männer.

Wie finden Sie die sexuelle Präferenz überhaupt heraus?

Durch eine gezielte Befragung. Dabei interessieren uns drei Achsen, auf denen sich in der Pubertät die sexuelle Präferenzstruktur herausbildet: Erstens, das Geschlecht des bevorzugten Partners; zweitens, das körperliche Entwicklungsalter des bevorzugten Partners und drittens die Art und Weise der Interaktion mit diesem Partner. Solche Informationen erhalten Sie durch Analyse von Fantasie-Inhalten, im Zusammenhang mit sexueller Erregungssteigerung.

Wer meldet sich bei Ihrem Forschungsprojekt?

Männer aus allen sozialen Schichten und Berufsgruppen, meist um die 40 Jahre alt. Sie wissen seit ihrer Jugend, dass bei ihnen die pädophile Ausrichtung besteht und haben oft 20 Jahre inneren Kampf damit hinter sich. Wir bieten ihnen schweigepflichtgeschützt alle Hilfen an, um die Verhaltenskontrolle zu steigern, damit aus Fantasien keine Taten werden.

Bieten Sie Täter-Opfer-Gespräche an?

Nicht direkt, aber in der Behandlung spielt die Auseinandersetzung mit dem Erleben der Opfer eine große Rolle, weil wir die Fähigkeit zum Mitgefühl stärken wollen. Meist entstehen Übergriffe dadurch, dass der Täter sich einredet, das Kind suche selbst Körperkontakt, wolle mit ihm Sex haben. Das ist seine Wunschvorstellung. Diese verzerrten Wahrnehmung kann man beeinflussen.

Was macht die Kirche für einen Pädophilen attraktiv?

Wer aufgrund seiner sexuellen Neigung eine starke Faszination durch den kindlichen Körper empfindet, weiß zugleich, dass eine sexuelle Verwirklichung mit Frauen keine Option darstellt. Der Schritt ins Zölibat ist dann leichter – und mit hoher Anerkennung verknüpft. Aus der Angst vor Ablehnung wird ein Gefühl großer Akzeptanz. Damit ist aber nicht notwendig eine Verhaltenskontrolle über die pädophilen Impulse verbunden, die nur bei entsprechendem Problembewusstsein erreicht werden könnte. Nach meiner Erfahrung ist es bei betroffenen Geistlichen so: Sie suchen den Übergang in ein System mit klaren Regeln, das auch einen Bewältigungsmechanismus vorhält, nämlich einen großen Lenker, der Hoffnung gibt. Hochintelligente Pastoren Mitte vierzig hoffen da mitunter noch immer auf die Erlösung –

… dass der liebe Gott ihnen aus dem Dilemma hilft?

Ja. Sich im Gebet versenken, sich anderen nicht offenbaren. Wenn ein Klima bestünde, in dem kommuniziert würde, dass im Spektrum menschlichen sexuellen Erlebens auch die Pädophilie und die Hebephilie, die Präferenz für den jugendlichen Körper, vorkommt, dass man die Betroffenen aber nicht verurteilt, solange sie ihre Impulse kontrollieren, und ihnen gegebenenfalls hilft, dann würden mehr Geistliche Hilfe annehmen. Wenn Sie aber die Neigung und damit verbundene Fantasien verdammen, bringen Sie die Betroffenen in eine nicht lösbare Situation.

Melden sich Männer aus der Kirche bei Ihnen?

Leider nur vereinzelt. Bei der internen Problembewältigung in der Kirche geraten sie leicht an einen Glaubensbruder, der ihnen auferlegt, durch Reue und Glauben das Problem in den Griff zu bekommen. Meines Wissens werden in beiden Kirchen Präferenzstörungen und die Auswirkung der neuen Medien auf diesen Bereich nicht offensiv angegangen, da ich aus Begutachtungsfällen auch um die Nutzung von kinderpornografischen Materialien durch Geistliche weiß.

Steigt die Zahl pädophil motivierter Verbrechen?

Das ist nicht sicher, es könnte auch die Bereitschaft zur Anzeige gestiegen sein. In jedem Fall ist die Annahme gerechtfertigt, dass Pädophilie unter Geistlichen eher häufiger ist als in anderen Berufsgruppen. Legt man den Durchschnitt zugrunde, ein Prozent, kann man sich absolute Zahlen für einzelne Diözesen ausrechnen. Es gilt nun zu sagen: Wir wollen Menschen nicht ausstoßen aus der Gesellschaft aufgrund solcher Neigung, sondern helfen, dass daraus kein Verhalten wird. Die zweite Botschaft: Wer diese Hilfe nicht annimmt und Übergriffe begeht, muss mit allen Mitteln der Strafverfolgung an sexuellem Missbrauch von Kindern oder Jugendlichen oder der Nutzung kinderpornografischer Materialien gehindert werden.

Warum ist Pädophilie unser letztes Tabu?

Weil man Pädophilie gleichsetzt mit Missbrauch. Wenn ich bekannt machen würde, dass ich eine pädophile Neigung habe und deshalb Ihr Kind nicht betreuen kann, mich also total korrekt verhalte, wäre ich sozial erledigt. Doch uns muss klar sein: Wenn ein unbescholtener Betroffener nicht mehr auf seine Zugehörigkeit zur bürgerlichen Gesellschaft rechnen kann, wird er sich verstecken. Auch die Subgruppe, der er angehört, wird dann ein Interesse haben, dass er untertaucht. Das ist am Canisius-Kolleg passiert.

Könnten Ihre Patienten wieder im pädagogischen Bereich eingesetzt werden?

Ja. Wenn die Präferenz als Schicksal angenommen und in das Selbstbild integriert worden ist. Das heißt: Ich habe die Situationen, in denen ich sexuell erregbar bin, unbeschönigt durchdacht, kann mich kontrollieren, nutze gegebenenfalls die Möglichkeit, sexuelle Impulse medikamentös herunterzuregulieren. Wer verantwortlich mit dieser chronischen Erkrankung umgeht, macht von allen Optionen Gebrauch, um Opferschäden zu vermeiden. Auch Geistliche, wenn sie sicher sein können, nicht verstoßen zu werden. Es geht ja immer um Akzeptanz in der Gruppe. Insofern plädiere ich auch dafür, einen pädophilen Priester im Amt zu belassen. Da das Zölibat ja Verhaltensabstinenz verlangt, folglich Impulse auf Fantasieebene bleiben, wo sie andere nicht gefährden. Wenn potenzielle Täter wüssten, es gibt ein Netz, das einen auffängt, würden das viele in Anspruch nehmen.

Die Fragen stellte Thomas Lackmann

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