Interview : „Studiengebühren für Berlin“

Akademie-Präsident Stock zur Zukunft der Hauptstadt-Unis nach Karlsruhe

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Herr Stock, die Karlsruher Richter haben ihr Urteil auch damit begründet, dass Berlin mehr Ausgaben in der Wissenschaft hat als Hamburg. Muss Berlin tatsächlich noch einmal bei der Wissenschaft sparen?



Diesen Teil der Begründung kann ich am allerschwersten nachvollziehen. Es mag zwar nach einem eifersüchtigen Regionalprinzipdenken richtig sein, dass Berlin mehr ausgibt als Hamburg. Aber wenn wir bedenken, dass wir in Deutschland im internationalen Vergleich immer noch zu wenig Akademiker ausbilden, dann ist dieses Urteil sehr deutsch und nimmt zu wenig Rücksicht auf das, was im internationalen Maßstab nötig ist. Den Bildungsexport aus Berlin zu drosseln, ist das Letzte, was ich tun würde.

Welche Folgen hätte ein Sparkurs für die Wissenschaft?

Finanzsenator Sarrazin hat bisher Klugheit beim Sparen bewiesen. Ich vertraue darauf, dass so ein Kurzschluss nicht passiert. Wissenschaft und Kultur sind die entscheidenden Trümpfe Berlins. Allerdings werden wir uns fragen müssen, ob wir das Geld effizient ausgeben.

Wo könnte Berlins Wissenschaft denn effizienter sein?

Es könnte die Frage hochkommen, ob wir uns nicht einzelne Bereiche heraussuchen, in denen wir besonders exzellent sind, und uns auf diese konzentrieren. So ist mir nach diesem Urteil die Qualität unserer Studenten wichtiger als die unmittelbare Quantität. Also ist die Frage zweitrangig, ob jetzt an 80 000 oder 78 000 Studienplätzen festgehalten wird und ob es doch ein bisschen weniger sind. Entscheidend ist, dass unsere Studenten international kompetitiv sind. Ein Studium in Berlin als Markenzeichen, das ist wichtig. Wir müssen auch versuchen, intensiver europäische Studiengänge zu konzipieren und über diesen Weg Bundes- oder Europagelder in die Universitäten zu ziehen.

Auf welche Forschungsgebiete sollte sich Berlin konzentrieren?

Wir sind im Bereich der Biologie und der Lebenswissenschaften bereits sehr stark. Hier könnte man noch mehr konzentrieren. Zweitens sind wir bereits im Bereich der Geistes-und Regionalwissenschaften Spitze. Also bei spannenden Fragen wie: Was ist Europa? Welche Rolle spielt der Islam? Was kann die Konfliktforschung leisten? In diesem Spannungsfeld spielt Berlin schon heute eine dominierende Rolle in der bundesdeutschen Forschung. Das können wir ausbauen.

Kommt man jetzt um Studiengebühren nicht mehr herum?

Ich persönlich glaube schon seit zehn Jahren, dass wir um Studiengebühren nicht herumkommen. Wir müssen endlich weg von der Debatte, dass Studiengebühren unsozial sind. Das ist absurd. Wir brauchen in Berlin Studiengebühren.

Müssen sich die Hochschulen auf neue Fusionsdebatten vorbereiten?

Das glaube ich nicht. Die Rettung besteht nicht in Fusionen, sondern in intensiver und qualifizierter Kooperation. Gerade jetzt müssen wir in der Wissenschaft zeigen, was in uns steckt.

Steht zu befürchten, dass nach Karlsruhe die Chancen der Berliner Unis in der zweiten Runde des Elitewettbewerbs sinken?

Nein. Wenn wir uns so verhalten wie ich mir das wünsche, werden wir in der zweiten Runde zeigen, wie viel in Berlin steckt. Herr Wowereit hat glaubwürdig gesagt, dass die Anträge nicht an der Kofinanzierung des Landes scheitern werden. Solche Zusagen hat er bisher eingehalten.

Die Siegerunis im Elitewettbewerb haben offensichtlich trotz mittelmäßiger Anträge gewonnen – während andere, besser bewertete Vorhaben durchgefallen sind. Sie verteidigen dennoch das Auswahlverfahren. Warum?

Im Wettbewerb gab es ein gestuftes Auswahlverfahren. Ich kenne solche Verfahren zur Genüge. Es kommt ganz selten vor, dass es eine einheitliche Meinung von der ersten bis zu vierten Stufe gibt. Auch Wissenschaftler ringen miteinander. Sie sind nicht frei von wissenschaftspolitischen Überlegungen. Es muss also unterschiedliche Bewertungen gegeben haben. Die Wissenschaftler waren sich bei der Positivauswahl aber offensichtlich einig. Nicht einig waren sie, ob man die Quote der Eliteunis von drei auf fünf auffüllt oder nicht. Die hätte man nur auffüllen können, wenn man zum Teil auch nicht wissenschaftsimmanente Kriterien herangezogen hätte.

Über den Elitestatus der TU München soll es unter den Wissenschaftlern durchaus Streit gegeben haben. Offenkundig gab es in der entscheidenden Runde eine systematische Verschiebung Richtung München. Was die LMU München angeht, war das Gutachten über das Zukunftskonzept – das eigentlich für den Elitestatus entscheidend sein sollte – auch recht skeptisch formuliert. Wie kann man da davon sprechen, dass allein wissenschaftsimmanente Kriterien ausschlaggebend waren?

Ich kenne eine ganze Reihe von Menschen, die in dem Verfahren drin waren. Wenn die mir sagen, sie haben es nach diesen Kriterien beurteilt, dann tendiere ich dazu, denen zu glauben.

Sie sagen selber, dass Forscher auch nach wissenschaftspolitischen Aspekten entscheiden.

Natürlich. Wenn der Wissenschaftsrat und die Deutsche Forschungsgemeinschaft entscheiden, haben sie immer auch Zukunftsaspekte im Blick. Das widerspricht einer wissenschaftsimmanenten Entscheidung doch gar nicht, sondern gehört sogar dazu.

Ernst-Ludwig Winnacker, der DFG-Chef und Vorsitzende der Auswahlkommission, sowie Wedig von Heyden, der Generalsekretär des Wissenschaftsrats, haben bereits Tipps für die Siegerunis in der zweiten Runde abgegeben. Genannt wurden Heidelberg, Freiburg, Aachen und die Berliner Humboldt-Uni. Was sind Ihre Favoriten?

Tipps abzugeben halte ich für wenig hilfreich. Das hätte ich nicht gemacht.

Warum nicht?

Ich kann doch nicht sagen, dass ich das Verfahren jetzt für wissenschaftsbasiert und gut halte, und dann im zweiten Atemzug versuchen, ohne diese wissenschaftliche Basis Tipps abzugeben. Damit störe ich einen Prozess. Das ist nicht ehrlich. Natürlich habe ich Wünsche. Ich wünsche mir, dass eine Berliner Uni dabei ist. Aber das ist ja selbstverständlich.

Die Fragen stellte Tilmann Warnecke.

GÜNTER STOCK (62) ist Präsident der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. Zuvor war Stock 17 Jahre lang als Vorstandsmitglied bei Schering für Forschung zuständig.

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