Interview : "Was wir fürs Klima tun, bringt nichts"

Der Statistiker Björn Lomborg über Umwelthysterie, die wahren Probleme der Welt - und ihre Lösungen.

Bas Kast,Hartmut Wewetzer

Herr Lomborg, 1990 schrieben Sie der dänischen Zeitung „Politiken“ einen wütenden Leserbrief, sogar mit Fußnoten.



Ja, ja, ich war richtig verärgert über einen Artikel, in dem stand, an der globalen Erwärmung sei nichts dran.

Sie formulierten ein flammendes Kontra.

Ich schrieb: Wir wissen, globale Erwärmung ist ein ernsthaftes Problem, und wir sollten uns große Sorgen machen.

Damals waren Sie noch bei Greenpeace.

Ich war bereits ausgetreten, aber vor allem, weil ich kein Geld mehr hatte.

Da Ihr Brief Fußnoten enthielt, nehmen wir an, Ihre Sorge um die Klimaveränderung beruhte auf Fakten?

Oh ja, ja, ja. Natürlich.

In Ihrem neuen Buch „Cool it“ ist Ihre Sorge ums Klima nicht mehr ganz so groß.

Es gibt die globale Erwärmung. Das sage ich auch heute noch. Ich frage mich nur zusätzlich: Wie viel können wir zu welchen Kosten machen?

Dazu haben Sie 2004 eine Gruppe von Top-Ökonomen eingeladen, darunter vier Nobelpreisträger, um eine Prioritätenliste zu erstellen, welche Probleme die Welt zuerst angehen sollte. Die Bekämpfung von Aids und Malaria stehen ganz oben. Das Klima kommt auf den letzten Platz.

Es wäre schön, wenn wir alle Probleme dieser Welt lösen könnten, aber das können wir nicht. Wir müssen Prioritäten setzen. Wollen wir viel Geld ausgeben und wenig bewirken oder für wenig Geld viel Gutes tun? Bei Aids oder Unterernährung kann man eine Menge Gutes tun für relativ wenig Geld. Das Klima jedoch lässt sich selbst mit immensen Summen nur minimal beeinflussen.

Das sehen Hunderte von Klimaforschern ein bisschen anders – warum haben Sie die nicht eingeladen?

Wenn Sie einen Klimaforscher fragen, ist Klima das wichtigste Problem. Wenn Sie Lehrer fragen, sagen sie: Bildung. Fragen Sie einen Arzt, dann bekommen Sie als Antwort: Krankheiten. Alle Experten sagen: Bitte gebt uns mehr Geld für „unser“ Problem, und wir tun etwas dagegen. Ökonomen sind da neutraler.

Aber ist das Klima nicht ein absolut grundlegender Faktor?

All diese Probleme sind grundlegend. Wenn es auf Erden so heiß wäre wie auf der Venus, könnten wir darauf nicht leben. Aber wenn alle an Aids sterben oder wenn es kein sauberes Wasser gibt, dann würden wir hier auch nicht leben. Letztlich kommt es doch auf diese Frage an: Welche Probleme können wir lösen – und zu welchem Preis?

Dabei gehen Sie von der Vorstellung aus, dass es einen Topf gibt, aus dem wir entweder Geld zur Bekämpfung von Aids nehmen oder zur Reduzierung der Treibhausgase. Funktioniert die Welt wirklich so?

Im Grunde schon. Auf nationaler Ebene haben Sie auch einen Topf, und wenn Sie mehr Geld für Autobahnen ausgeben, haben Sie weniger für das Gesundheitssystem übrig. So sollten wir auch global vorgehen. Und wenn Sie zum Beispiel Organisationen wie den „Global Fund“ fragen, der sich um die Bekämpfung von Aids, Tuberkulose und Malaria kümmert, sagen die: Wir rechnen mit weniger Geld, weil die Menschen sich so stark fürs Klima engagieren. Je mehr wir uns für das eine engagieren, desto weniger Sorgen bleiben für anderes übrig. Deshalb ist die Prioritätenliste so wichtig.

Das Klima steht auf Ihrer Liste auch deshalb so weit unten, weil die Folgen der globalen Erwärmung in Ihren Augen so schlimm gar nicht sind. Im Gegenteil, wenn man Ihr Buch liest, bekommt man an manchen Stellen den Eindruck, die Wärme sei geradezu begrüßenswert ...

Wirklich? Ich sage aber ganz klar: Globale Erwärmung ist weitgehend negativ. Es gibt mehr negative Auswirkungen als positive. Die Erwärmung hat aber auch ihre guten Seiten.

Zum Beispiel?

In Europa sterben jährlich rund 200 000 Menschen in Zusammenhang mit erhöhter Hitze. Die Zahl der jährlichen Opfer bezogen auf große Kälte jedoch beträgt rund 1,5 Millionen. Steigende Temperaturen werden zwar einerseits mehr tote Menschen durch erhöhte Hitze im Gefolge haben. Andererseits wird es weniger Tote in Zusammenhang mit großer Kälte geben – und zwar viel weniger. Ich sage nicht, dass die globale Erwärmung etwas Tolles ist. Aber man muss beide Seiten sehen.

Der Weltklimarat IPCC sagt: Wenn wir so weitermachen, könnte es bis 2100 rund sechs Grad wärmer werden – mit verheerenden Folgen: Stürmen, Überflutungen, Dürrekatastrophen ...

Ich bin ja auch dafür, dass wir etwas tun. Das jedoch, was wir gegenwärtig machen, bringt fast nichts. Selbst wenn die EU erfolgreich wäre mit ihrem Vorschlag, bis 2020 den Kohlendioxidausstoß um 20 Prozent zu reduzieren, würde das die globale Erwärmung um gerade mal zwei Jahre verzögern. Die Länder halten sich aber nicht einmal an ihre eigenen Ziele. Mit jeder Konferenz verschärfen sie die Vorgaben und scheren sich dann nicht darum. Was soll das bringen?

Ist es etwa besser, gar nichts zu tun?

Nein, wir sollten unser Geld in die Entwicklung neuer Technologien stecken.

Wenn man den Kohlendioxidausstoß verringert, wird die Gesellschaft doch dazu gezwungen, sich auf neue Energietechnologien und –quellen einzustellen.

Das würde man denken, nicht? Tatsächlich gehen die Ausgaben für die Erforschung erneuerbarer Energie in allen OECD-Staaten zurück. Der Grund ist einfach: Wenn Sie jetzt den KohlendioxidAusstoß reduzieren müssen, können Sie es sich nicht leisten, in neue Technologien zu investieren, die erst in 40 Jahren zur Verfügung stehen. Sie müssen das nehmen, was jetzt da ist.

Sollten wir nicht zumindest anfangen, den Ausstoß zu verringern?

Wenn wir ihn jetzt ein bisschen verringern, fühlen wir uns zwar gut, aber es bewirkt nicht viel Gutes. Wir sollten das Geld lieber in neue Technik investieren und später für weniger Geld sehr große Einschnitte machen.

2050 wird dann ein neuer Lomborg kommen und sagen: Bitte jetzt noch nicht handeln, in Zukunft wird alles noch billiger!

Vielleicht wird er auch sagen: Wow, die Generation vor uns hat die Technik für die Reduzierung von Kohlendioxid so billig gemacht, dass es sich für uns wirklich rechnet! Heutige Solartechnik ist sehr ineffizient und zehnmal teurer als fossile Brennstoffe. Wohlhabende installieren sie auf ihrem Dach – aber die großen Umweltverschmutzer verzichten aus Kostengründen darauf. Wir sollten in die Forschung investieren, um eine effiziente Technik zu entwickeln, die, sagen wir, im Jahr 2050 billiger ist als fossile Energien. Die Menschen werden die Technik bevorzugen, nicht, weil sie Gutes tun wollen, sondern einfach, weil sie billiger ist. Nur so bekommen wir alle an Bord.

Wenn Sie drei Wünsche frei hätten, um die Welt zu verbessern, wie sähen die aus?

Ich würde viel Geld in die Bekämpfung von Aids, Malaria und Unterernährung investieren. Und ich würde Technologien vorantreiben, die saubere Energie billig zur Verfügung stellen. Damit bleibt sogar noch ein Wunsch übrig.

Das Gespräch führten Bas Kast und Hartmut Wewetzer.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben