Interview : "Wikipedia ist in einer Sackgasse"

Am Samstag feiert das Online-Lexikon Wikipedia seinen zehnten Geburtstag. Martin Haase, der ehemalige Vorsitzende des Fördervereins Wikimedia, erklärt im Interview, warum die deutsche Version so anders ist.

Kai Biermann
Seit zehn Jahren sammeln und veröffentlichen freiwillige Autoren Wissen in der Online-Enzyklopädie Wikipedia.
Seit zehn Jahren sammeln und veröffentlichen freiwillige Autoren Wissen in der Online-Enzyklopädie Wikipedia.Foto: DPA

Was will der Verein Wikimedia?

In erster Linie ist es ein Förderverein, der Spenden sammeln will. Das ist auch die Aufgabe der Wikimedia Foundation in den USA. In Deutschland hat sich 2004 ein entsprechender Verein gegründet – allerdings nicht allein mit Bezug auf die deutsche Wikipedia. Bei der amerikanischen Stiftung geht es tatsächlich um die Betreuung der Wikipedia, das ist bei der deutschen Sektion nicht der Fall. Sie ist ein reiner Förderverein und will auch nicht nur das eine Projekt fördern, sondern alle möglichen. Laut Satzung ist es ein "Verein für freies Wissen".

So richtig erkennbar ist aber nicht, welche Projekte über die Wikipedia und ihre Ableger hinaus gefördert werden, oder?

Ursprünglich sollten auch andere Projekte gefördert werden, praktisch aber geschieht das kaum – abgesehen von Schwesterprojekten wie beispielsweise Wikipedia Commons. Der Verein entstand aus der Wikipedia-Community, weswegen es eine besondere Beziehung zur Wikipedia gibt. Daher ist das Interesse nicht sehr groß, Dinge zu unterstützen, die nichts mit der Enzyklopädie zu tun haben. Ich selbst habe es einmal versucht und gefragt, ob nicht das Public Art Wiki gefördert werden könne, das öffentliche Kunst dokumentiert. Die Antwort war, nein, das habe mit den Wikipediaprojekten nichts zu tun. Vielleicht ändert sich das eines Tages, im Moment sehe ich es aber nicht.

Das ist schade, oder?

Man kann ja trotzdem viel Gutes tun. Zumal der Verein engagiert ist und beispielsweise versucht, Material vom Bundesarchiv oder von der Stiftung Preußischer Kulturbesitz zu sammeln und über Commons allen zur Verfügung zu stellen. Er macht also auch Lobbying für freies Wissen.

Vor allem will der Wikimedia-Verein Spenden sammeln, gleichzeitig ist nicht wirklich transparent, was mit dem gespendeten Geld passiert. Zwar lässt sich einsehen, was der Verein an Miete zahlt, nicht aber, wie viel Geld in welche Projekte fließt...

Es gibt in der Tat eine gewisse Intransparenz. Das war nicht immer so, anfangs hat man sich sehr bemüht, alles offen zu legen, beispielsweise auch die Gehälter. Dann geschah das lange Zeit nicht mehr. Das wurde auch innerhalb des Vereins kritisiert und seit 2009 gibt es einen detaillierteren Tätigkeitsbericht, der auch aufführt, wofür das Geld ausgegeben wird.

Doch im Zusammenhang mit dem Geld gibt es noch ein Problem. Es wurde immer dafür geworben, für den Betrieb der Wikipedia zu spenden. Deren Server stehen aber in den USA. Aufgrund der deutschen Steuergesetzgebung können die deutschen Spenden dort nicht verwendet werden.

Ich spende also nicht an Wikipedia, wenn ich an den Wikimedia e.V. Geld überweise?

Nein, man spendet für "Aktionen rund um die Wikipedia", also für das Drumherum – und nicht eigentlich für die Seite.

Noch ein verwirrender Punkt: International gibt es in der Wikipdia zwei verschiedene Ansätze, wie das freie Wissen gesammelt werden soll, eher breit oder eher tief...

Der Unterschied besteht vor allem zwischen dem deutschen Angebot und dem ganzen Rest. Die deutsche Wikipedia ist schon sehr anders als die anderen. Die übrigen Sprachversionen sind gegenüber neuen Artikeln offener. Vor allem kleinere Wikipediaversionen sind interessiert daran zu wachsen. In der deutschen ist das anders.

Das hat historische Ursachen. In Deutschland war von Anfang an der Brockhaus der große Gegner. Das war ein Fehler, da der Brockhaus eine völlig andere Funktion hat als so eine Enzyklopädie. Aber es hat dazu geführt, dass mit dem Blick eines gedruckten Lexikons auf die Wikipedia geschaut wurde, bestimmte Relevanzkriterien wurden unreflektiert übernommen. Sie heute aufzubrechen, ist fast nicht möglich.

Dabei gibt es wohl gar keinen anderen Weg, als sich nach und nach dem Modell der englischen Wikipedia anzupassen. Denn sogenannte Interwiki-Links, also Verknüpfungen zwischen den einzelnen Sprachversionen, funktionieren mit der deutschen Version eher schlecht. Auch weil es in der deutschen Wikipedia die Tendenz gibt, Dinge in großen Artikeln zusammenzufassen.

Ist die deutsche Wikipedia in einer Sackgasse?

Ich glaube schon. Aber ich bin optimistisch, dass sie sich weiterentwickeln wird und aus dieser Sackgasse herauskommt.

Welche Rolle spielt der Verein dabei?

Er hat eine Informationsveranstaltung zu dieser Debatte organisiert – komischerweise nur eine, obwohl angekündigt war, dass man häufiger darüber reden wollte. Überhaupt ist seither nichts passiert. Insofern kann man wohl sagen, dass der Wikimedia-Verein dem Problem eher konservativ gegenüber steht, statt die Entwicklung des Projektes zu fördern.

Das Interview führte Kai Biermann. Er betreibt zusammen mit Martin Haase einen Blog über die deutsche Sprache.
Quelle: ZEIT ONLINE

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