Interview : „Wir können doppelt so viele Menschen ernähren“

Der Potsdamer Pflanzenforscher Lothar Willmitzer über die Zukunft der Landwirtschaft und die Rolle der Gentechnik.

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Hungerkrise: Experten schlagen Alarm. -Foto: dpa

Der Weltagrarrat der Vereinten Nationen hat angesichts der Nahrungsmittelkrise in seinem ersten Bericht vorgeschlagen, dass die Entwicklungsländer zu traditionellen Anbaumethoden zurückkehren sollen. Die grüne Gentechnik wird eher kritisch gesehen. Ist die Gentechnik das Problem oder die Lösung?

Die Gentechnik kann zur Lösung der Probleme beitragen. Deshalb fällt es mir schwer, die Auffassung des Weltagrarrates nachzuvollziehen. Gerade traditionelle Produktionsformen zeichnen sich durch einen niedrigen Ertrag pro Fläche aus. Das ist genau das Gegenteil dessen, was man zur Bekämpfung des Hungers anstreben muss. Es gibt inzwischen eine ganze Reihe von Beispielen aus Indien und China, dass gerade Kleinbauern durch den Einsatz von gentechnisch veränderten Pflanzen (GV-Pflanzen), insbesondere wenn diese insektenresistent sind, bessere Ernten erhalten und ökonomisch wie ökologisch besser dastehen.

Die Gentechnik wird eher mit großen Saatgutfirmen in Verbindung gebracht, die Kleinbauern abhängig machen können.

Richtig ist, dass die grüne Gentechnik vor 20 Jahren von großen Unternehmen vorangetrieben wurde. Zudem wurden die technischen Innovationen durch Patente abgesichert, wie das bei anderen Innovationen auch der Fall ist. Aber die Patente wurden in vielen Ländern der Dritten Welt nicht angemeldet, so dass dort auch keine Abhängigkeit besteht.

Kann man gentechnisch veränderte Nutzpflanzen an die Bedürfnisse von Entwicklungs- und Schwellenländern anpassen?

Das geschieht gegenwärtig sehr intensiv in Lateinamerika und Südostasien, vor allem in Indien und China. In der Pflanzenforschung hat China in den letzten fünf, sechs Jahren stark aufgeholt und fast europäisches Niveau erreicht. Die Chinesen sind gar nicht mehr auf die großen Saatgutmonopolisten angewiesen.

Wer entwickelt in China Saatgut und vermarktet es?

In China wird nicht so sauber wie bei uns zwischen Grundlagen- und angewandter Forschung getrennt. Oft sind es dann Universitäten oder Züchtungsstationen, die das Saatgut herstellen.

Wie viele Menschen kann die Welt ernähren?

Unter optimaler Ausnutzung aller Ressourcen können wir sicher doppelt so viele Menschen ernähren, wie heute leben. Aber nur, wenn die genetischen Ressourcen in der Züchtung entsprechend genutzt und Probleme wie die Versorgung mit Wasser und Düngemitteln optimal gelöst werden.

Warum setzt der Agrarrat dann nicht auf moderne Technik?

Der Agrarrat tut das durchaus. Er fordert in seinem Bericht eine Hinwendung zu nachhaltigen Produktionsmethoden. Dabei erwähnt er explizit eine dringend nötige Verbesserung der Nährstoffnutzung durch die Pflanzen wie auch eine erhöhte Widerstandsfähigkeit gegen Trockenheit und Schädlinge. Diese Ziele sind ohne modernste Züchtungsmethoden, wie etwa die Gentechnik oder „smart breeding“, nicht zu erreichen.

Der Biosprit wird inzwischen fast durchweg in Bausch und Bogen verdammt. Hat Energie aus Pflanzen noch eine Zukunft?

Energie aus nachwachsenden Rohstoffen muss man in zwei Kategorien unterteilen. Da sind Bioethanol und Biodiesel der ersten Generation. Forscher haben früh darauf hingewiesen, dass die Energiebilanz schlecht ist, wenn aus Maiskolben oder Raps Treibstoff gemacht wird. Das einzige Verfahren, das von der Energieausbeute her günstig ist, ist die Gewinnung aus Zuckerrohr, aber die ist ökologisch fragwürdig. Es ist viel zu früh, jetzt schon Biotreibstoff auf den Markt zu bringen.

Und wie sieht es mit der zweiten Generation von Energiepflanzen aus?

Dabei wird die gesamte Pflanze benutzt, um Methan oder Ethanol zu gewinnen. So entwickelt die Firma KWS eine konventionell gezüchtete Maispflanze, die später blüht, bei der sich kein Kolben entwickelt und bei der die ganze Energie in Blätter, Stiel und Stängel geht. Dieser Mais wird vier bis sechs Meter hoch, der Energiegewinn kann sich sehen lassen. Das Ganze ist auch ökologisch verträglich, weil die Überreste der Biogasproduktion reich an Stickstoff und Phosphat sind und wieder aufs Feld ausgebracht werden können.

Wenn es um gentechnisch veränderte Pflanzen geht, befürchten viele Kritiker, dass sich deren Gene auf andere Nutzpflanzen ausdehnen können.

Natürlich können transgene Pflanzen über Pollenflug andere Pflanzen befruchten, die sie normalerweise auch befruchten. Deshalb gibt es die Abstandsregeln zwischen gentechnisch und herkömmlich gezüchteten Pflanzen. Über die Größe des Abstands kann man streiten, aber das Grundkonzept ist sinnvoll. Was auf Seiten der Ökologie eher diskutiert wird, ist die Auskreuzung auf verwandte wild lebende Pflanzen.

Das Super-Unkraut.

Da muss man immer den Einzelfall anschauen. Mais hat in Europa und in den USA keine wild lebenden Verwandten, die für eine Kreuzbefruchtung infrage kommen. In Mexiko ist das anders. Für Kartoffeln, Tomaten und Soja gibt es bei uns auch kein entsprechendes Risiko, anders ist es bei Raps und Zuckerrübe.

Wie groß ist das Risiko bei Raps?

Entscheidend ist, ob ein Gen der Pflanze in freier Wildbahn einen Überlebensvorteil verschafft: Verstärkte Samenbildung oder ein veränderter Blühzeitpunkt – doch das steht derzeit nicht zur Debatte.

Vor kurzem ist das deutsche Gentechnik-Gesetz novelliert worden. Wie bewerten Sie als Forscher die Veränderungen?

Mit sehr gemischten Gefühlen. Als „Inverkehrbringen“ gilt bereits, wenn unabsichtlich eine Kreuzbefruchtung in einem Nachbarfeld stattfindet. So etwas kann man nie ausschließen, doch auf diese Weise wird die Möglichkeit von Freilandversuchen eingeschränkt. Auch wenn es geradezu albern ist, hier von einem Risiko zu sprechen. Das zweite Problem ist die damit einhergehende Haftung. Da gibt es zwar Fortschritte, aber es werden immer noch viel zu große Abstände zu konventioneller Züchtung verlangt. Aus zahlreichen staatlich finanzierten Untersuchungen an Mais wissen wir, dass Abstände von 30 Meter ausreichen.

Welches Gesundheitsrisiko gibt es durch gentechnisch veränderte Produkte?

Das Risiko bei zugelassenen GV-Produkten ist gleichwertig mit dem nicht veränderter Produkte. Im Gegenteil, GV-Pflanzen sind die mit Sicherheit bestuntersuchten Pflanzen weltweit, so dass hier das Risiko sogar geringer als bei Pflanzen aus „klassischen“ Produktionsformen ist.

Wohin bewegt sich die Pflanzenforschung im Moment?

Das große Thema sind Biomasse und Ertrag. Die Ernährung steht groß auf der Tagesordnung. Selbst in Zeiten des Überflusses reichten die Weizenreserven nur acht bis zwölf Wochen, doch jetzt sind es nur noch sechs Wochen. Wenn nichts produziert würde, wäre der Weizen nach dieser Zeit aufgegessen. Es geht unter anderem darum, Pflanzen gegen Trockenheit und Salz zu wappnen und die Ausnutzung des Phosphats und Stickstoffs zu verbessern.

Das Gespräch führte Hartmut Wewetzer.

Lothar Willmitzer (56) ist Direktor des Max-Planck-Instituts für Molekulare Pflanzenphysiologe in Potsdam-Golm. Er studierte Chemie und habilitierte sich in Genetik.

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