Interview : "Wir segeln in unbekanntes Gewässer"

Der Wissenschaftler Jens Reich über Stammzellen, Religion – und die Zukunft der Menschheit.

Reich
Genetik und Ethik. Jens Reich hat die Diskussion um die Stammzellforschung mitgeprägt. Heute wird er 70 Jahre alt. -Foto: ddp

Herr Reich, vor ein paar Jahren wurde über die Chancen und Risiken der Gentechnik viel heftiger diskutiert als heute. Haben wir die damit verbundenen Ängste überwunden?



Im Moment ist die Unruhe wegen der Krise groß. Und wenn die Angst besteht, dass man seinen Job loswird oder dass das Konto auf null geht, was man jahrelang angespart hat, dann kann ich schon verstehen, dass man anderes nicht so wichtig findet.

In der Forschung geht es trotzdem unaufhaltsam weiter. Vor Jahren sagten Sie noch, die Heilung mit embryonalen Stammzellen sei eine „Vision“. Jetzt werden wir informiert, dass deren Einsatz in den USA erlaubt wurde.

Es gibt wohl dramatische Heilversuche bei schweren Krankheiten jenseits von medizinischer Bestätigung und wirklich exakt eingeführten Verfahren. Zurzeit arbeitet man aber daran, Körperzellen so umzuprogrammieren, dass sie dasselbe leisten können wie die Stammzellen, die aus menschlichen Embryonen gewonnen werden und deshalb problematisch sind. Wenn das gelingt, sind die Heilerfolge auch ohne ethische Bedenken erreichbar.

Sie vertreten die Auffassung, dass wir hierzulande nicht alle Experimente mitmachen müssen. Allerdings müssten wir es dann aushalten, dass woanders die Früchte geerntet werden.

Man kann nicht den Nutzen haben wollen, ohne die Risiken mitzutragen. Das ist die Konsequenz, wenn man zu seinen moralischen Überzeugungen steht. Dann muss man in Kauf nehmen, dass die Erfolge woanders stattfinden, dass andere die Patente haben und die Medikamente auf den Markt bringen. Das ist wie bei Produkten von Kinderarbeit: Wenn man dagegen ist, kann man diese Produkte eben nicht kaufen. Selbst wenn sie billiger oder sogar besser sind als andere.

Das klingt sehr rigoros.

Ich referiere das immer, als ob es meine feste Überzeugung sei, dass etwa die Verwendung von Embryonen für therapeutische Zwecke unmoralisch ist. Ich bin nicht fest der Überzeugung. Ich bin einfach unsicher, wie man mit diesen Dingen umgehen kann.

Wer einen religiösen Standpunkt einnimmt, kennt diese Verunsicherung wohl nicht.

Die katholische Kirche hat über die Jahre selbst einen Wechsel der Position vollzogen. Nachdem sie jahrtausendelang von der Beseelung des Menschen während der Schwangerschaft ausging, geht sie heute davon aus, dass das individuelle Leben mit der Befruchtung der Eizelle beginnt. Das ist ein biologistischer Standpunkt, den sie der naturwissenschaftlichen Forschung verdankt. Aber das grundsätzliche Problem besteht darin, ob man eine religiöse Überzeugung zur Grundlage eines Gesetzes für alle machen kann? Oder ob es sich dabei nicht doch um die Gewissensentscheidung eines Einzelnen handelt.

Wovon Sie selbst ausgehen?

Ja.

Sie argumentieren von einem religiösen Standpunkt aus, das aber ohne dogmatische Festigkeit?

Ich bin im katholischen Milieu aufgewachsen. Unsere Familie ist katholisch, die Kinder und Enkelkinder. Und – ja, Probleme mit Offenbarungsinhalten und Dogmen der Kirche habe ich. Zweifelsprobleme. Aus meiner Sicht gibt es da noch Ernsthafteres als die Frage, ob ein künstlich hergestellter Embryo vor oder nach seiner Implantation als Mensch zu betrachten ist. In dieser Hinsicht bereitet es mir keine Qualen, eine andere Meinung zu haben als der Papst.

Wie gelingt es Ihnen denn überhaupt, mit einem Bein in der religiösen Tradition zu stehen und mit dem anderen im Labor?

Ich habe den Beruf des Mediziners ergriffen, ohne Probleme mit meiner Zugehörigkeit zur Kirche. Später bin ich ein theoretischer Mediziner geworden, ein Forscher. Auch das lässt sich mit meiner religiösen Überzeugung vereinbaren: die Welt zu erkennen, um neue Methoden zu schaffen, die leidenden Menschen helfen. Wenn es dabei allerdings extrem materialistisch-mechanistisch zugeht, kann ich nicht mehr mitziehen.

Wie bewerten Sie die Wirtschaftskrise?

Eine vernünftigere, weniger durch ständiges zwanghaftes Wachstum getriebene Wirtschaft würde ich schon begrüßen. Aber die Auswege, von denen zurzeit die Rede ist, überzeugen mich nicht. Auf lange Sicht, das ist klar, segeln wir hier in unbekanntes Gewässer hinein. Es ist die Frage, ob der Planet noch mehr Generationen eines wild drauflos wachsenden Homo sapiens aushalten wird. Ich mache da ein großes Fragezeichen, aus meiner Lebenserfahrung, aus meinen Kenntnissen und Überzeugungen heraus. Ich sehe nicht, dass die gegenwärtige Krise einen Ausweg zu einem besseren Neuen hätte. Das habe ich aber im Herbst 89 auch nicht gesehen. Es gibt also Dinge, die man nicht vorhersieht und die trotzdem eintreffen. Das muss nicht immer eine Katastrophe, das könnte auch noch mal ein Glücksfall sein.

Das Gespräch führte Angelika Brauer.

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