INTERVIEW : „Wir sind nun einmal geborene Gläubige“

Herr Voland, woher kommt die Moral?

Nach allem was wir wissen, ist nichts vom Himmel gefallen: nicht unsere Intelligenz, nicht unsere Fähigkeit zu künstlerischem Schaffen und auch nicht unsere Moral. All diese Talente sind im Laufe der Evolution entstanden. Darwins Theorie wurde lange missverstanden. Die Evolution produziert nicht nur Egoisten. Im Gegenteil: Altruismus hat große Vorteile, und deshalb hat er sich auch behauptet in der Evolution.

Welche Vorteile hat Moral denn im Kampf ums Überleben?

Moral hat immer schon zu „Kooperationsgewinnen“ geführt. Denken Sie zum Beispiel an Solidargemeinschaften, in denen es sich zu teilen lohnt, weil man selbst bei Bedarf Unterstützung erfährt. Das kann sich für alle Beteiligten letztlich auszahlen, auch wenn es im Moment mit Nachteilen für den moralisch Handelnden verbunden ist.

Moral ist also eine evolutionäre Mitgift?

Die Bedeutung der Vernunft für die Moral wird systematisch überschätzt. Moralische Urteile sind stimmungsabhängig. Das haben zum Beispiel Experimente gezeigt, in denen Studenten moralische Urteile fällen mussten. Einige saßen an sauberen, aufgeräumten Schreibtischen und ihre Urteile fielen im Mittel milder aus als die von Studenten, die an schmutzigen Tischen mit klebrigen Flecken und abgekauten Bleistiften saßen und sich ekelten. Oder nehmen Sie Inzest. Warum lehnen wir einvernehmlichen, geschützten Sex unter Geschwistern intuitiv ab? Das ist nicht rational.

Aber sollte es dann nicht auch Vorläufer für unsere moralischen Intuitionen im Tierreich geben?

Die findet man auch. Vögel und Affen warnen ihre Artgenossen mit einem Alarmsignal und gehen dadurch selbst ein Risiko ein. Und für große Menschenaffen sind inzwischen drei Dinge klar: Erstens haben sie offenbar ein Konzept von Tauschgerechtigkeit und Fairness. Zweitens kennen sie auch Strafen. Die Affen, die in Experimenten zum Teilen weniger großzügig waren, wurden später durch leichte Schläge dafür bestraft. Und drittens haben sie auf jeden Fall in Ansätzen die Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen. Das sind alles wichtige Voraussetzungen für unsere Moral.

Trotzdem gibt es doch sehr unterschiedliche Moralvorstellungen in der Welt.

Im Kern sind Menschen auf der ganzen Welt sich recht ähnlich. Wir wissen intuitiv, was richtig und falsch ist, und wir finden diese Intuition in jeder Gesellschaft auf der Welt. Alle Menschen haben zum Beispiel eine Vorstellung von Tauschgerechtigkeit. Nur wann genau ein Tauschgeschäft von gerecht zu ungerecht umschlägt, das kann sehr unterschiedlich sein.

Die Natur bietet also nur das Gerüst?

Man kann sich das wie die Sprache vorstellen. Welche Sprache ein Mensch spricht, hängt natürlich davon ab, wo er aufwächst, da ist nichts Biologisches dran. Aber der Mensch verfügt eben über eine evolutionär entstandene Sprachfähigkeit. Genauso könnte es eine Art Universalgrammatik der Moral geben. Diese Moralfähigkeit gehört zum biologischen Menschsein.

Moral ist Teil der menschlichen Natur?

Deshalb kann Moral auch nicht die Natur des Menschen verbessern. Dazu müssten wir uns in Münchhausen-Manier am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen.

Warum glauben Menschen dann so häufig, Moral käme von Gott?

Wir sind nun einmal geborene Gläubige. Weil wir spontan denken, hinter allem stehe eine Absicht. Damit kommen wir auf die Welt, das müssen wir nicht erst entwickeln. Deswegen haben Menschen früher auch geglaubt, der Blitz werde von einer höheren Macht gemacht.

Gibt es dann überhaupt Gut und Böse?

Nein, jedenfalls nicht in einem absoluten Sinn. Das verträgt sich nicht mit evolutionärem Denken. Es unterliegt der Interpretation der Zeit, was gut ist und was böse ist. So wie wir neue Wörter erfinden können, können auch in die Moral neue Ideen einfließen. Das Moralsystem ist offen, in Grenzen. Es ist aber auch nicht alles möglich. Der Mensch ist zur Feindesliebe zum Beispiel nicht in der Lage, obwohl sie uns seit 2000 Jahren gepredigt wird, auch wenn man sich wünschen mag, es wäre anders.

Die Fragen stellte Kai Kupferschmidt.

Eckart Voland (62) ist Professor für Biophilosophie an der Uni Gießen. Er forscht auf dem Gebiet der Soziobiologie, die versucht, menschliches Verhalten biologisch zu erklären.

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