INTERVIEW : Wissenschaft muss verständlich sein

Das WZB ist entstanden in einer Zeit großer Erwartungen an die empirische Sozialforschung. Wie stellt sich ihre Rolle heute dar, 40 Jahre danach?

Damals war die Sozialforschung noch neu, und das bedeutete, sie hatte vor allem die Aufgabe, Tatsachen zu ermitteln, um den Informationshorizont der Handelnden zu erweitern. Heute ist diese Art von Sozialforschung selbstverständlich geworden – dauernd gibt es Sozialberichte aller Art, sie ist schlicht zum Teil des normalen politischen und gesellschaftlichen Lebens geworden.

Was bleibt dann für ein Institut wie das WZB?

Seine Aufgabe ist es, in dieser Situation Themen zu finden, die nach einer speziellen, eindringlichen und durchdringenden Untersuchung verlangen. Und die zu Ergebnissen führen sollen, die Einfluss haben auf wichtige Entscheidungen.

Der Ehrgeiz der Sozialforschung richtete sich ja durchaus auch auf die Politikberatung. Inwieweit ist diese Absicht in Erfüllung gegangen?

Da ist schon mancher Erfolg zu verzeichnen und zwar bis auf den heutigen Tag. Allerdings ist in Deutschland Sozialforschung zumeist auf Regierungshandeln bezogen gewesen, nicht auf Politik. Politik ist, jedenfalls für jemanden wie mich, der im angelsächsischen Bereich groß geworden ist, das Gewinnen von Unterstützung für bestimmte Programme. Das müsste also eher eine Beratung von Parlamenten sein, und davon hat es in Deutschland immer nur wenig gegeben. Vor allem wirft aber Politikberatung die schwierige Frage auf, wie man das eigentlich anstellt: wissenschaftliche Ergebnisse zu vermitteln, geschweige denn sie in Vorschläge für Parlamente und Entscheidungsgremien umzusetzen.

Sie haben in den 60er Jahren selbst – zusammen mit Hansgert Peisert – in Tübingen Sozialforschung betrieben, im Bildungsbereich. Daraus sind wichtige politische Anstöße erwachsen …

Da kamen uns zwei Momente zugute, die die Umsetzung betrafen. Zum einen hatten wir damals in Baden-Württemberg eine Regierung unter dem Ministerpräsidenten Kiesinger, die sich für diese neuen Dinge interessierte, zum Beispiel für meine Forschungen zu Arbeiterkindern an deutschen Universitäten. Zum anderen waren wir damals eine Zeitlang im Ministerium selber tätig. Da haben wir dann den so genannten Hochschulgesamtplan entwickelt. Da war also auf doppelte Weise eine Umsetzung von vornherein mitgedacht und auch realisiert.

Lässt sich davon etwas für heutige Verhältnisse lernen? Zum Beispiel für ein Institut wie das WZB, das auch noch gleichsam neben der Regierung platziert ist?

Es müsste vielleicht die Beziehung zwischen den Forschenden und den Agierenden etwas entspannter und enger sein. Es fällt mir auf, dass viele der heutigen Sozialforscher geradezu eifersüchtig darüber wachen, dass sie nicht vereinnahmt werden von der Politik, während wir diese Vereinnahmung eigentlich gesucht haben, wenn wir auch nicht diesen Begriff verwendet hätten. Und vielleicht gilt umgekehrt, dass allzu viele der Entscheidungsträger glauben, dass sie selber auch könnten, was Sozialwissenschaft leisten kann. Also da mangelt es an einer hinlänglich funktionierenden Beziehung zwischen beiden.

Könnten diese Probleme mit der Spezialisierung der Sozialforschung zusammenhängen? Und wenn: Muss man die Spezialisierung vorantreiben oder muss man sie zurücknehmen?

Also, ich bin der Ansicht, dass die Spezialisierung eher zu weit getrieben worden ist. Der Krankenhaussoziologe spricht gar nicht mehr mit einem Stadtsoziologen. Da sind Spezialgebiete entstanden, die zweifellos ihren Nutzen und ihre Wirkung haben, aber eben auch die Folge, dass zum Beispiel von den Sozialwissenschaften erstaunlich wenig zur gegenwärtigen Finanz- und Wirtschaftskrise zu hören war.

Vielleicht spielt auch die Sprache der Sozialwissenschaft eine Rolle…

Die Sprache der Sozialforschung und der Sozialwissenschaften überhaupt leidet darunter, dass sie sich an andere Sozialwissenschaftler und Sozialforscher wendet. Sie ist zu wenig öffentlichkeitsbezogen, überschreitet also die Barriere zwischen Forschungswelt und Lebenswelt nicht. Da ließe sich manches verbessern, denn eine der Wirkungen, auch der politischen Wirkung der Sozialwissenschaften muss sein, dass sie das Klima der öffentlichen Debatten beeinflusst und prägt. Und das geht nur, wenn sie auch verstanden wird, wenn sie also nicht eine Privatsprache von Experten ist.

Das WZB betreibt in der Hauptsache Groß- und Grundlagenforschung. Was können sich die Politik und die Öffentlichkeit davon erwarten?

Das WZB hat sich den Übergang von der klassischen Sozialforschung zur Grundlagenforschung, zur problemorientierten Grundlagenforschung, wie es dort im Hause heißt, zum Ziel gesetzt. Und hat ihn geschafft! Es ist insoweit gut vorbereitet, um sowohl Entscheidungsträger als auch eine breitere Öffentlichkeit zu informieren. Ich finde es auch sehr erfreulich, dass das Wissenschaftszentrum Makroforschung betreibt, das heißt, sich nicht nur auf Krankenhäuser und Städte konzentriert, sondern auf gesamtgesellschaftliche Entwicklung und das in Bezug auf Ökonomie und Politik und soziale Fragen im engeren Sinne. Das sind alles Bereiche, die Zukunft haben und die das WZB, wie ich hoffe, weiter erforschen wird.

Und was erwartet sich der Soziologe Ralf Dahrendorf von solcher Forschung – und also von den nächsten Jahrzehnten des WZB?

Das Institut hat mich auf eine Forschungsprofessur berufen. Das gibt mir die Möglichkeit, mich an den dortigen Diskussionen intensiv zu beteiligen. Was ich gerne tue und weiter tun möchte.

Das Gespräch führte Hermann Rudolph.

(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 17.02.2009)

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