Interview : „Zeit, sich der Zukunft zuzuwenden“

Lässt die Aufmerksamkeit nach, wenn es sich die Gedenktage häufen? Der Essener Gedächtnisforscher Christian Gudehus plädiert für einen neuen Umgang mit der Vergangenheit.

Joachim Huber
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Jenseits des Offiziellen. Ob das neue Ehrenmal der Bundeswehr zu einer wirklichen Stätte des Gedenkens wird, hänge davon ab, ob...Foto: dpa

Herr Gudehus, am Freitag hat sich „9/11“ zum achten Mal gejährt. In den deutschen Medien fanden sich im Vergleich zu den Vorjahren so gut wie keine Beiträge zum Datum. Beginnen die Terroranschläge vom 11. September 2001 aus dem Gedächtnis der Deutschen zu verschwinden?

Das scheint ganz offensichtlich so zu sein, die Fakten sprechen ja für sich. Zumindest dann, wenn man das „Gedächtnis der Deutschen“ als ein öffentlich-offizielles begreift. Also jenes Gedächtnis, das in Politik, Medien, Kultur und Erziehung angesiedelt ist. Wie sich die Menschen diese Vergangenheitsbezüge in Filmen, Büchern, Zeitungsartikeln oder im Schulunterricht aneignen, das ist eine ganz andere Frage.

Sind wir möglicherweise überlastet? Die Gedenktage und Jubiläen prasseln nur so. Der 70. Jahrestag des deutschen Überfalls auf Polen, erste Bundestags-Sitzung vor 60 Jahren, 20. Jahrestag des Mauerfalls …

Wer ist „wir“? Diejenigen, die vielleicht als Akteure der Erinnerungskultur bezeichnet werden können, sind sicher nicht überlastet, es ist ihr Geschäft. Dieses Interview ist ja Teil dieses Geschäfts. Interessieren wird sich für all diese Tage nur eine Minderheit, das sind die Betroffenen und jene, die sich Zeit nehmen, ganzseitige Artikel in Zeitungen zu lesen. Die Frage ist doch, brauchen wir all diese Jubiläen? Hat die Vergangenheit noch Zukunft? Was meine ich damit: Die Vergangenheit ist eine Ressource, die Einzelnen aber auch Gruppen Erzählungen zur Verfügung stellt, aus denen sich erstens Orientierung ableiten lässt: So wollen wir handeln, so nicht. Zweitens bekommt die Frage eine Antwort, ob unser Handeln sinnvoll ist. Drittens lässt sich Kohärenz herstellen, sprich: Wir handeln nicht beliebig, sondern ausgehend von unserem Charakter, unserer Herkunft. All dies ist wichtig, um gegenwärtiges Handeln zu begründen.

Bedienen wir uns denn wirklich der Ressource Vergangenheit?

Angesichts der dramatischen Entwicklung des Weltklimas stellt sich schon die Frage, ob die Vergangenheit noch Erzählungen bereithält, die uns helfen, dieser Probleme Herr zu werden. Ich bezweifele das. Eine Lösung könnte sein, dass wir uns unsere Zukunft als eine Vergangenheit imaginieren: Wir stellen uns vor, wie wir von unseren Kindern und Enkeln erinnert werden. Entweder als die Generation, die die Welt noch mal gerettet hat oder als jene, die weiter auf Wachstum, Mobilität, Fleischkonsum etc. setzte und damit für die dann gegenwärtige dramatische Situation verantwortlich gewesen sein wird.

Der Erinnerungsraum wird voller und voller. Muss da ein kollektives Gedächtnis nicht immer nationaler, egoistischer werden?

Die Frage ist tatsächlich, ob wir als Gesellschaft und als Einzelne so viel Vergangenheit brauchen, und es nicht Zeit wird, sich der Zukunft zuzuwenden. Das Gedächtnis funktioniert ohnehin selbstbezüglich. Wenn etwas, vor allem langfristig, aufgenommen wird, dann deshalb, weil es Anknüpfungspunkte für Erzählungen über sich selbst bietet.

Was sind die unumstößlichen deutschen Gedenk-Marken?

In den letzten dreißig Jahren war das, wenn es um Geschichte geht, der Holocaust, zunehmend seit einigen Jahren auch wieder der Zweite Weltkrieg. Das war nicht immer so und wird auch nicht immer so bleiben. Gerade verlängert sich die deutsche Geschichte wieder nach hinten, mal um 1000, mal um 2000 Jahre. Mit andern Worten: Nichts ist unumstößlich. Gedächtnis ist eine Funktion der Gegenwart. Wenn diese sich verändert, geschieht Gleiches mit dem Gedächtnis.

Welche Abstoßungsmechanismen haben wir, wenn wir partout nicht gedenken, nicht erinnern wollen?

Wenn „wir“ das nicht wollen, liegt dem ja eine Entscheidung, mithin ein bewusster Akt zugrunde. Dann vermeiden wir entsprechende Kontexte ganz einfach, gehen also nicht in Gedenkstätten und schauen uns nicht die einschlägigen Filme an. Mit Blick auf den Holocaust und Zweiten Weltkrieg weisen Besucherzahlen solcher Orte und die Einschaltquoten entsprechender Sendungen allerdings in eine andere Richtung. Im Übrigen sind Gedenken und Erinnern nicht identisch. Das Erste ist bewusst, gewollt, demonstrativ und Teil des Zweiten. Erinnerung umfasst jedoch einen viel weiteres Spektrum. Dazu gehört das Geschichtsbuch, die Festrede, die Gedenkveranstaltung, der Historienfilm ebenso wie das Familiengespräch.

Erinnert sich das gute oder das schlechte Gewissen besser?

Individuell wird besonders gut erinnert, was stark emotional aufgeladen war und noch ist. Autobiografisch erinnern Menschen tendenziell lieber das Gute und Schöne. Auf der kollektiven Ebene hat sich aber gezeigt, dass die ausführliche Auseinandersetzung mit den deutschen Verbrechen, darauf spielt die Frage ja wohl an, sich für Deutschland in mehrfacher Hinsicht positiv ausgewirkt hat. Einmal natürlich nach außen, wo Deutschlands Umgang mit seiner verbrecherischen Vergangenheit sehr positiv aufgenommen worden ist. Aber auch nach innen, denn, trotz oder gerade wegen all der langen Auseinandersetzungen, scheint die Republik, was den Nationalsozialismus angeht, mit sich im Reinen. Folglich gibt es auch gar kein schlechtes Gewissen mehr.

Das klingt im ersten Moment sehr erschreckend …

Warum? Unser schlechtes Gewissen sollte sich auf Aspekte beziehen, für die wir tatsächlich verantwortlich sind, wie beispielsweise die Zerstörung der Umwelt, die Nichtverhinderung neuer Genozide oder die Verschlechterung der Lebenschancen unserer Kinder.

Lässt sich die These aufstellen: Wer in Ritualen gedenkt, ist nur zu faul zum Verarbeiten?

Gedenken ist Teil der Verarbeitung. Es ist eine offiziell-öffentliche Umgangsweise, eine andere ist Erziehung. Gäbe es nichts anderes, ließe sich das als Problem sehen, so ist es notwendiger Bestandteil des Gesamtprozesses.

Gerade ist in Berlin das Ehrenmal für getötete Bundeswehrangehörige eingeweiht worden. Was wird daraus werden? Nur eine weitere Kranzabwurfstelle oder eine wirkliche Stätte für Gedenken und Erinnern?

Das hängt davon ab, ob sich einerseits die Betroffenen, also Angehörige und Kameraden, und andererseits Bürger den Ort aneignen, dort hingehen, dort gedenken.

Das Gespräch führte Joachim Huber.

Christian Gudehus

ist wissenschaftlicher Geschäftsführer

des Zentrums

für interdisziplinäre Gedächtnisforschung

am Kulturwissenschaftlichen Institut Essen.

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