Interview zum Gedenken an den Mauerbau : „Wir brauchen Regeln für die Bewältigung der Vergangenheit“

13.08.2010 11:03 UhrVon Elke Kimmel
Eingemauert. Zumal Berliner blicken am 13. August zurück. Foto: dpa
Eingemauert. Zumal Berliner blicken am 13. August zurück. Foto: dpa

Weltmeister im Erinnern: Die Historikerin Birgit Schwelling erklärt, wie die Deutschen mit ihrer Selbstkritik Vorbild wurden.

Frau Schwelling, das Gedenken an den Mauerbau heute vor 49 Jahren gehört zur intensiven Beschäftigung der Deutschen mit ihrer Vergangenheit im 20. Jahrhundert, mit dem Nationalsozialismus und der deutschen Teilung. Die Deutschen gelten als Weltmeister im Erinnern – zu Recht?

Jedenfalls hat der kritische Umgang der Deutschen mit Regimeverbrechen offensichtlich eine Signalwirkung für andere Länder. Manche finden das inzwischen übertrieben. Der britische Historiker Timothy Garton Ash hat kürzlich kritisch-humorvoll von einer „deutschen Industrienorm in Sachen Vergangenheitsbewältigung“ gesprochen. Bei aller Kritik – dies ist eine positive Entwicklung.

Welche Bedeutung besitzen Erinnerungen für ein Kollektiv?

Identitäten können über Territorien, Sprache und gemeinsame Werte, die Ethnie oder eben auch über Erinnerungen fundiert sein – meist über eine Mischung aus diesen Faktoren. Erinnerungen können dabei eine zentrale Rolle spielen, beispielsweise in Form von Gründungsmythen.

Gibt es im 21. Jahrhundert neue Formen kollektiver Erinnerung, wird diese europäischer oder gar globaler?

Die These von der Globalisierung der Erinnerung ist in den vergangenen Jahren sehr populär geworden und die Erinnerung an den Holocaust wird als europäische oder gar globale Erinnerung beschrieben. Ich bin skeptisch, was die tatsächliche Reichweite angeht. Wenn man sich das genauer anguckt, ist das in der Regel auf den Westen beschränkt. In weiten Teilen der Welt spielt die Erinnerung an den Holocaust überhaupt keine Rolle – etwa in Asien.

Und auf europäischer Ebene?

Auch Europa ist von zahlreichen Erinnerungskonflikten durchzogen. Die osteuropäischen Länder wollen stärker an die stalinistischen Verbrechen erinnern und die westeuropäischen haben sich eher der Holocaust-Erinnerung verschrieben. Es gibt Bemühungen, den Holocaust zum negativen Gründungsmythos Europas zu machen – ich bin mir nicht sicher, wie erfolgreich das sein wird. Ich weiß nicht, ob wir eine gemeinsame Erinnerung brauchen oder ob wir uns nicht eher auf Regeln des Umgangs mit schwierigen Vergangenheiten verständigen sollten als Inhalte vorzugeben.

Was bedeutet die Anerkennung von Geschichtstraumata für die Opfer?

Für die Opfer ist die Anerkennung ihrer Leiden ungemein wichtig. Es ist für sie unerträglich, wenn das, was ihnen angetan wurde, im Nachhinein heruntergespielt oder totgeschwiegen wird. Zumindest muss man anerkennen, was man den Opfern angetan hat. Es geht darüber hinaus um die Bestrafung der Täter und um Wiedergutmachung und Entschädigung. Anerkennung ist aber immer der erste Schritt, ohne den die anderen Schritte bis hin zur Versöhnung nicht möglich sind.

Ein europäisches Dauerthema ist die Integration der Türkei in die Gemeinschaft. Kritik gibt es auch wegen der Weigerung Ankaras, den Völkermord an den Armeniern einzugestehen. Warum wird hier so vehement nach einem Kurswechsel verlangt?

Die Politik des verordneten Vergessens war bis weit in das 20. Jahrhundert hinein die übliche, akzeptierte Strategie im Umgang mit Menschenrechts- und Regimeverbrechen. Inzwischen hat sich allerdings immer deutlicher der Imperativ des öffentlichen Erinnerns, des Aufarbeitens durchgesetzt. Staaten, die sich dem verweigern, setzten sich der Isolation, der Ächtung durch andere Staaten aus. Das hat viel mit der wachsenden Bedeutung der universellen Menschenrechte zu tun. Aber schon aus rein strategischen Gründen sollten Staaten lernen, für begangene Verbrechen geradezustehen.

Wie bewerten Sie Ansätze zu einem zivilgesellschaftlichen Umdenken in der Türkei?

Sehr positiv. Aufarbeitungsprozesse beginnen häufig auf der Ebene von zivilgesellschaftlichen Initiativen, die einen reflektierten Umgang mit problematischen Vergangenheiten einleiten. So gesehen ist in der Türkei zumindest ein Anfang gemacht. Ob sich eine Gesellschaft im Ganzen der Verbrechen der Vergangenheit stellt, ist entscheidend für die Qualität der demokratischen und politischen Struktur des Landes. Dieses Argument wirkt allerdings nur in Staaten, die demokratisch sind oder es werden wollen.

Historikerin Birgit Schwelling Foto: promo
Historikerin Birgit Schwelling Foto: promo

Kann die Erinnerungsforschung Einfluss nehmen auf das, was erinnert beziehungsweise vergessen wird?

Ja, aber sie sollte es nicht tun. Es gibt beispielsweise Bestrebungen, ein gemeinsames europäisches Schulbuch zu schreiben, in dem die Geschichte Europas praktisch abgeglichen erzählt wird. Eigentlich sollten solche Fragen von der Öffentlichkeit verhandelt werden und weniger von der wissenschaftlichen community. Wissenschaftler sollten sich als Bürger daran beteiligen.

Das Gespräch führte Elke Kimmel.

BIRGIT SCHWELLING (42) ist Leiterin der Forschungsgruppe Geschichte und Gedächtnis an der Universität Konstanz

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