Investitionen in Flüchtlinge : Ein Fonds für Ausbildung und Studium

Über einen Investitionsfonds könnten Ausbildungsplätze und Studienplätze für Flüchtlinge und Einheimische finanziert werden. Der Vorschlag eines Bildungsökonomen.

Dieter Dohmen
Zwei Männer stehen in einer Backstube und arbeiten mit Teigstücken
Mit Perspektive. Bäckerlehrling Ghebru Aregay (li.), Flüchtling aus Eritrea, arbeitet mit Bäckermeister Marcus Staib in Ulm...Foto: Stefan Puchner/dpa

Nachdem bisher die Frage im Blickpunkt stand, wie der Flüchtlingszustrom bewältigt werden und untergebracht werden kann, nähern wir uns nun einer Kernfrage: Wie kann Integration erfolgreich umgesetzt werden und was würde das kosten? Der zentrale Schlüssel dabei sind Bildung und Qualifizierung – für die Flüchtlinge, aber auch für die Menschen, die hier aufgewachsen sind und mangels eigener Bildung und Qualifizierung kaum eine Chance haben, dauerhaft eine Stelle zu finden.

Drei Viertel der einheimischen 15- bis 25-Jährigen ohne Abschluss

Es kommen vor allem junge Menschen nach Deutschland, über die Hälfte sind unter 25, fast drei Viertel keine 30 Jahre alt. Dass große Teile noch keine berufliche Qualifikation haben, ist daher nicht überraschend. Dass sie aber über erhebliche Fähigkeiten verfügen, haben sie unter Beweis gestellt; sonst hätten sie es nicht bis hier geschafft. Zudem haben auch drei Viertel der einheimischen 15- bis 25-Jährigen noch keine abgeschlossene Berufsausbildung. Und ein Viertel der hier aufgewachsenen Erwachsenen sind funktionale Analphabeten, die kaum rechnen, schreiben und lesen können. Insofern sind die Unterschiede bei Weitem nicht so dramatisch, wie man glauben könnte.

Nur wenn die Bildung und Qualifizierung der Flüchtlinge und großer Teile der Einheimischen gelingt, kann die Integration der (heutigen) Flüchtlinge in Arbeit und Gesellschaft gelingen. Andernfalls dürfte der Widerstand in der Gesellschaft noch größer werden – und ohne mich damit zum Sachwalter der Angst vor Flüchtlingen machen zu wollen –, er wäre nicht einmal unberechtigt! Jahrzehntelang ist versäumt worden, eine angemessene Grundqualifikation für alle umzusetzen.

25 Milliarden Euro in diesem Jahr für Flüchtlingskurse

Beides zusammen wird aber teuer: Nach unseren Berechnungen dürften Integrations- und weitergehende Sprachkurse sowie die Grund- und Ausbildung allein der Flüchtlinge, die in diesem Jahr nach Deutschland kommen, über die nächsten Jahre bis zu 25 Milliarden Euro kosten. Für Unterbringung und Hartz IV sind weitere bis zu 15 Milliarden Euro erforderlich. Für die Qualifizierung der hier aufgewachsenen Analphabeten dürfte eine doppelt so hohe Summe nötig sein. Auch der weitere Kita-Ausbau, Höchststände bei den Studienanfängern und unversorgte Jugendliche, die keinen Ausbildungsplatz finden, kosten jedes Jahr etliche Milliarden – vor allem bei Ländern und Kommunen.

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Dieter Dohmen ist Gründer und Direktor des Forschungsinstituts für Bildungs- und Sozialökonomie (FiBS) in Berlin.Foto: Promo

Es liegt daher die Vermutung nahe, dass die öffentlichen Haushalte an die Grenzen der Finanzierungsfähigkeit kommen. Nicht umsonst wird etwa auf EU-Ebene über eine Flüchtlingsabgabe gesprochen. Mit Spenden und großem ehrenamtlichem Engagement alleine, auch wenn dieses wichtige Teile einer Lösung sind, werden wir die Herausforderung nicht bewältigen können. Was also tun?

Ein Fonds für Bildungsinvestitionen - mit Rendite

Die Lösung könnte in einem Bildungsinvestitionsfonds liegen, der privates Kapital, etwa von (Lebens) Versicherungen, Stiftungen, Kapitalgesellschaften, Privatpersonen, einsammelt und öffentlichen Institutionen (Bund, Ländern, Kommunen, der Bundesagentur für Arbeit und/oder dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge) zur Finanzierung von Bildungs- und Qualifizierungsmaßnahmen zur Verfügung stellt.

Als Gegenleistung wird der Fonds an den mittel- bis langfristig aus diesen Maßnahmen resultierenden fiskalischen Erträgen beteiligt. Finanziert der Fonds 100 000 Ausbildungs- oder Studienplätze, erhält er einen Anteil von einem Drittel der späteren Steuermehreinnahmen, die von diesen zusätzlichen qualifizierten Fachkräften gezahlt werden. Haben zehn Millionen Erwerbstätige einen Hochschulabschluss, dann entspräche dies rund einem Prozent der insgesamt von Akademiker/innen gezahlten Einkommensteuer und bei 20 Millionen beruflich Qualifizierten 0,5 Prozent der von diesen gezahlten Steuern. Idealerweise partizipiert der Fonds auch an den zusätzlichen Sozialversicherungsbeiträgen sowie den eingesparten Sozialleistungen.

Dass die Gesellschaft wie auch die öffentliche Hand – und nicht zuletzt natürlich auch die Wirtschaft – von entsprechenden Bildungsinvestitionen profitieren werden, ist unstrittig. Die Frage ist allenfalls, wie hoch die fiskalischen Erträge sein werden. Nach unseren Berechnungen liegen die fiskalischen Erträge zum Teil bei über 20 Prozent. Würde ein Drittel dieser Erträge an den Fonds gehen, wäre dies eine Rendite von sieben Prozent und mehr per annum – eine wahrlich attraktive Verzinsung, insbesondere im derzeitigen Umfeld. Dies gilt umso mehr, als das Risiko in Zeiten des demografischen Wandels beziehungsweise Fachkräftemangels sehr gering ist!

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