Islam : Die Meinung der anderen

Freundlicher als gedacht: Was Moslems über den Westen denken – und was Umfragen nicht sagen. Die Anschläge auf das World Trade Center im September 2001 findet nur eine ganz kleine Minderheit gerechtfertigt.

Uwe Schlicht

Wie sehen die Moslems im Vereinigten Königreich die westliche Gesellschaft? Nicht immer liefern Meinungsumfragen so aufschlussreiche Ergebnisse wie die, die Colin Irwin von der University of Liverpool jetzt auf dem Jahrestreffen der Meinungsforscher der World Association for Public Opinion Research (WPOR) im Berliner Wissenschaftszentrum präsentierte. Nach den Angriffen auf das World Trade Center im September 2001 und den Bombenattentaten in den Londoner Untergrundbahnen von 2005 sind britische Meinungsforscher in Aktion getreten und haben in dichter Folge von 2001 bis 2006 die Einstellungen der in Großbritannien lebenden Moslems und die Ansichten der Bürger nichtmoslemischen Glaubens abgefragt.

Die Ergebnisse: Die Anschläge auf das World Trade Center findet nur eine ganz kleine Minderheit der Moslems gerechtfertigt. Nur sieben Prozent der Moslems zeigen für den Terror Verständnis. Die große Mehrheit lehnt ihn ab. Aber dass die militärische Intervention der Briten im Irak das Land verwundbarer für Attacken der islamischen Terroristen gemacht hat, meinen 75 Prozent der Engländer und 50 bis 53 Prozent der Moslems.

Eine beachtliche Mehrheit der Moslems (72 Prozent) lehnt es ab, die Verteidigung des Glaubens an Allah und den Propheten Mohammed als Rechtfertigungsgrund für die Anschläge von Al Qaida gelten zu lassen. Dieser Terror sei nicht Gottes Wille. Eher vermuten viele Moslems in den Attacken von Al Qaida eine Reaktion darauf, dass amerikanische Truppen Moslems getötet haben und dass die USA ihre Alliierten im Kampf gegen Moslems mit Waffen ausstatten. Das gilt besonders für Israel. Diese Sicht der Dinge mündet in der Aussage von 90 Prozent der befragten Moslems in Großbritannien: Der vom amerikanischen Präsidenten ausgerufene Krieg gegen den Terror habe die Bedrohung des Westens durch den Terrorismus verstärkt.

Noch erscheinen die Sichtweisen von Moslems und andersgläubigen Bürgern weitgehend unvereinbar, wenn es um tiefer reichende Fragen geht wie diese: Was sind die Ursachen der Krise mit dem Westen? Über 80 Prozent der Moslems stimmen folgenden Aussagen zu: Die britischen Journalisten zeichneten ein negatives Bild des Islam. Der Westen wünsche den Nahen Osten wegen des Ölreichtums zu kontrollieren. Die amerikanische Außenpolitik bedrohte Frieden und Sicherheit in der Welt. Mohammedaner würden kollektiv für Aktionen beschuldigt, die angeblich in ihrem Namen geschehen. Die Invasion im Irak sei verantwortlich für Probleme der Entfremdung von Moslems in Großbritannien. Die dänischen Karikaturen über Mohammed bedrohten alle Moslems. Über 70 Prozent Zustimmung zeitigen auch folgende Einschätzungen der Moslems: Der Krieg in Afghanistan habe ebenso zur Entfremdung beigetragen wie die israelische Politik gegenüber den arabischen Staaten und die Verhinderung eines eigenständigen Staates für die Palästinenser.

Über 80 Prozent fordern, die wahre Sicht auf den Koran solle in Großbritannien gelehrt werden. Die westlichen Staaten müssten die Bedrohung muslimischer Staaten beenden; die Bombenattentate in London sollten öffentlich untersucht werden. Das amerikanische Gefängnis in Guantanamo sei zu schließen.

Über 70 Prozent wünschen sich in Großbritannien Reformen. Moslemische Eltern sollten sich mit ihren Kindern dafür einsetzen, in den Schulen die Standards zu verbessern. Darüber hinaus wollen die Moslems für ihre Aktivitäten gesellschaftliche Anerkennung finden: Erfolgreiche Modelle für die Jugendarbeit von Moslems sollten verbreitet werden. Die Moslems fordern außerdem mehr Religionsfreiheit. Unter britischem Recht sollten alle Religionen gleich behandelt werden. Mit Hilfe effektiverer Gesetze könnte Hass gegenüber anderen Religionen unterbunden werden.

Die Meinungsforscher nutzten ihr Treffen auch zu einer Standortbestimmung. Kritik kam von Kurt Lang, der an der Universität von Washington Politikwissenschaften lehrt. Er hielt den Meinungsforschern vor, dass es außer den „Polls“ in einer Demokratie auch noch viele andere öffentliche Meinungsäußerungen gebe, ihre Umfragen griffen oft zu kurz. Denn im Kern seien Meinungsumfragen nichts anderes als individuelle Antworten auf vorgegebene Fragen des Interviewers, aus denen die Umfrager dann eine „öffentliche Meinung“ bildeten. Die Interviewer würden von Regierungen oder Interessengruppen beauftragt. Die Vielfalt der Themen und Meinungen werde so aber nicht erfasst. Im Grunde machten die Umfragen nur die Spitze eines Eisberges sichtbar.

Deshalb dürften die Meinungsforscher und die Politiker sich nicht allein auf Meinungsumfragen oder die Ergebnisse von Wahlen verlassen. Auch Massendemonstrationen, Streiks oder Aufstände könnten dem Volk eine Stimme geben. Lang erinnerte an den Ungarnaufstand von 1956, an die Unruhen der chinesischen Studenten auf dem Tiananmen-Platz in Peking 1989 und an die Leipziger Montagsdemonstrationen im Oktober 1989, die den Auftakt zum Untergang der DDR bildeten. Auch in Demokratien seien Massenproteste Ausdruck zumindest eines Teiles der Bevölkerung, der sich nicht genügend repräsentiert fühlt. Lang nannte den Aufstand der Studenten und Arbeiter von 1968 in Frankreich gegen de Gaulle.

Alle diese Aktionen seien Zeichen für einen mangelhaften Dialog zwischen dem Volk und der Regierung. Insofern sei eine zusammenfassende Sicht auf alle Formen der öffentlichen Meinung notwendig. Die Meinungsforscher honorierten diese Relativierung ihrer Umfragen mit viel Beifall.

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