Islamwissenschaften : Die zerrissene Bibliothek

Was wird in Berlin aus der Hamburger Orient-Bibliothek? Ob die Nahost-Sammlung mittelfristig wieder geöffnet werden wird, ist ohnehin fraglich.

Amory Burchard

BerlinDer Abtransport der Hamburger Orient-Bibliothek nach Berlin gibt weiter Rätsel auf. Veranlasst hat den Transfer wie berichtet (Tagesspiegel vom 23. August) der Nah- und Mittelostverein (Numov), der kürzlich von Hamburg nach Berlin umzog. Jetzt hat der Verein die 37.000- Bände-Bibliothek „unter anderem der der Berlin-Brandenburgischen Akademie“ angeboten, sagte die Numov-Vorstandsvorsitzende Helene Rang auf Anfrage.

„Ich habe viele Gespräche geführt, die Bibliothek wird in Berlin toll präsentiert werden“, so Rang. Die Akademie wollte keinen Kommentar abgeben. Ob sie die Nahost-Sammlung mittelfristig wieder öffnen könnte, ist ohnehin fraglich: Die in der Staatsbibliothek Unter den Linden beheimatete Akademiebibliothek muss wegen Sanierungsarbeiten demnächst in ein Übergangsquartier ziehen. Rang sagt, sie ließe derzeit prüfen, ob Numov die Orient-Sammlung in Hamburg überhaupt vollständig vorgefunden habe: „Es gab dort leere Regale.“

„Bibliotheken brauchen Platz und Personal“, sagt Karin Hörner, Islamwissenschaftlerin und Leiterin der Bibliothek des Asien-Afrika-Instituts der Uni Hamburg. Beides habe Numov nicht. Der Verein, der wirtschaftliche Kontakte zwischen Deutschland und dem arabischen Raum anbahnt, hatte das DOI einst gestiftet und ist bis heute rechtmäßige Eigentümerin der Bibliothek. Als kürzlich ein Rechtsstreit mit dem Nachfolgeinstitut des DOI, dem am Leibniz-Institut für Globale und Regionale Studien (Giga) angesiedelten Nahost-Institut eskalierte – Numov und die mit dem Verein verbundene Deutsche Orient-Stiftung wollten das DOI weiterführen, konnten aber die Mitarbeiter nicht bezahlen und mussten in Hamburg aufgeben – fuhren bei der Bibliothek die Lkw vor. Institutsleiter Udo Steinbach nahm dies und konzeptionelle Vorbehalte gegen das Giga zum Anlass, seine Position zum Jahresende aufzugeben. Rang sieht sich durchaus in der Lage, das DOI, die Bibliothek und auch die Zeitschrift „Orient“ in Berlin weiterzuführen – auch mit Unterstützung namhafter Vorstandsmitglieder der Stiftung wie Akademiepräsident Günter Stock und Christina von Braun, Kulturwissenschaftlerin an der Humboldt-Uni.

Für Hamburg sei der Verlust der Bibliothek „eine absolute Katastrophe“, sagt Bettina Dennerlein, neu berufene Professorin für Kultur und Geschichte der modernen arabischen Welt an der Uni Hamburg. Wissenschaftlern und Studierenden fehlt jetzt gewissermaßen die Hälfte des arabischen Raums. Wer zu modernen Themen aus Politik und Wirtschaft forscht, sei nun von der wichtigsten Informationsquelle abgeschnitten, klagt Karin Hörner. Die DOI-Bibliothek wurde in Hamburg seit den 60er Jahren parallel mit der Unibibliothek aufgebaut.

Die DOI-Sammlung, darunter viel „graue Literatur“ wie Broschüren und Behördenpapiere, wurden unter anderem bei nicht wiederholbaren, von der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanzierten Beschaffungsreisen besorgt. Einen vergleichbaren Sammlungsauftrag hatte nur die Orientbibliothek in Tübingen, die heute in Halle steht. Selbst wenn die Hamburger Bibliothek in Berlin wieder zugänglich sein sollte, bliebe der Schaden für die Hansestadt groß, sagt Bettina Dennerlein: Studierenden könne es nicht zugemutet werden, ständig nach Berlin zu reisen. Und das Giga büße durch den Verlust der Bibliothek vor allem für Gastwissenschaftler an Ausstrahlung ein.

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