Islandpferde : Das Raubgut der Wikinger

Ein verändertes Gen ermöglichte es Pferden im Mittelalter, Passgang oder Tölt zu meistern. Wikinger nahmen sie nach Raubzügen in Nordengland mit nach Island.

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Schongang. Der Tölt der Islandpferde ist beinahe erschütterungsfrei für Reiter. Selbst in unwegsamem Gelände können sie lange bequem im Sattel sitzen.
Schongang. Der Tölt der Islandpferde ist beinahe erschütterungsfrei für Reiter. Selbst in unwegsamem Gelände können sie lange...Foto: picture-alliance

Tiefe Löcher haben die Pferdehufe in den Matsch gegraben, der schmale Weg schlängelt sich durch Wald und Weiden. Als die Reisenden an einer Furt den Fluss überqueren, reicht das Wasser bis an den Pferdebauch. Solche Pfade sind im Süden Chiles mitunter die einzige Möglichkeit, abgelegene Landgüter oder Dörfer zu erreichen. Ähnlich war es wohl im mittelalterlichen Europa. Bevor sich im 15. Jahrhundert Kutschen durchsetzten, ritten viele Reisende auf „Zelter“ genannten Pferden. Diese Tiere beherrschten mit dem Pass oder Tölt für den Reiter besonders bequeme, nahezu erschütterungsfreie Gangarten. Die Spur dieser Gangarten verfolgen Michael Hofreiter von der Universität Potsdam und Arne Ludwig vom Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) in Berlin gemeinsam mit ihren Kollegen in der Zeitschrift „Current Biology“ jetzt bis nach Island und England zurück.

Pass und Tölt waren geradezu eine Revolution des Reisens, denn im Mittelalter waren Wege oft erbärmliche Trampelpfade. Nur an besonders gefährlichen oder schwierigen Stellen befestigten Menschen diese mit Holz oder Steinen. Selbst erfahrene Reiter wurden derart durchgeschüttelt, dass bereits wenige Stunden im Sattel zur Tortur gerieten. Beim Passgang hingegen bewegen die Tiere das rechte Vorder- und Hinterbein nahezu gleichzeitig nach vorne, während die beiden linken Beine Halt auf dem Untergrund geben. Anschließend gehen die linken Gliedmaßen nach vorne. In diesem Modus schwanken die Menschen zwar im Takt der Hufe ein wenig zur Seite, sitzen aber deutlich bequemer.

Ein einzelner Gen-Baustein hatte sich verändert

Diese Gangarten beherrschen Pferde nicht von Natur aus. Sie waren erst möglich, als sich zufällig ein einziger Baustein in der Erbeigenschaft DMRT 3 veränderte. „Dieses Gen ist in den Nervenzellen der Wirbelsäule aktiv und spielt eine Rolle bei der Koordination der Gliedmaßen“, sagt Hofreiter. Im Mittelalter waren solche Tiere vermutlich begehrt. Doch seit die Pferdehaltung von Sport und Freizeit geprägt ist, legt man Wert auf andere Gangarten – und findet die DMRT-3-Veränderung seltener. In unwegsamem Terrain wie in den Anden, auf Kreta oder Island war diese Eigenschaft bis in die jüngere Vergangenheit nützlich.

Doch wo entstand die Mutation, wer züchtete diese Pferde zuerst? Um das zu ergründen, isolierten die Forscher Erbgut aus 92 Pferden, die vor 8000 bis vor etwa tausend Jahren in Regionen wie Island und England, Skandinavien und der iberischen Halbinsel, Mitteleuropa, Russland und China gestorben waren. „In dieser Zeit bestattete man Menschen oft mit ihren Pferden, die ja ein wertvoller Besitz waren. Daher können wir viele Skelette untersuchen, in deren Knochen mitunter noch größere Teile des Erbguts erhalten sind“, sagt Hofreiter.

Die Wikinger spielten eine entscheidende Rolle

Auf dem europäischen und asiatischen Festland entdeckte die IZW-Forscherin Saskia Wutke bei ihrer Suche im alten Erbgut keinen einzigen Hinweis auf den Passgang. Dagegen fand sie die Mutation im Erbgut der beiden Pferde, die zwischen 850 und 900 nach Christus in der Gegend um die heutige Stadt York in Nordengland lebten. Daneben analysierte Wutke das Erbgut von 15 Pferden, die zwischen 850 und 1000 nach Christus in Island gehalten wurden – die meisten dieser Tiere waren anscheinend Passgänger.

Das wirft ein Schlaglicht auf die Geschichte von Pass und Tölt bei Pferden. Die entscheidende Rolle spielten offensichtlich die Wikinger, die zwar als hervorragende Seefahrer, kaum aber als Reitervolk in die Geschichte eingegangen sind. Diese Wikinger hatten in der Mitte des neunten Jahrhunderts gerade die Gegend um York im Norden erobert und gleichzeitig begonnen, Island zu besiedeln. Ihre Kriegsbeute bestand nicht nur aus Kirchenschätzen und anderen unbelebten Wertgegenständen, sondern anscheinend auch aus Pferden und Frauen.

Vermutlich entstand die Mutation für den Passgang also in England und die Wikinger nahmen die Vierbeiner mit nach Island. Auf der großen Insel gab es keine anderen Transportmittel, der bequeme Pass oder Tölt wurde weiter gezüchtet. Erst später kamen die Pferde auf das europäische Festland, sowie nach der Entdeckung Südamerikas in die Anden.

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