IT-Standort Deutschland : Wo Berlin im Wettbewerb um die Digitalisierung steht

Wer führt in der deutschlandweiten Konkurrenz der IT-Standorte? Die Berliner Unis stehen bei der Forschung rund um die Digitalisierung schon gut da, aber andere Regionen sind mit der Förderung weiter.

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Zwei Männer stehen in einem farbigen, virtuell erzeugten Raum.
Virtuelle Räume. Berlin fehle ein großes digitales Forschungszentrum, sagt Nicolas Zimmer, Chef der Technologiestiftung.Foto: Ulrich Dahl/Technische Universität

Diabetiker messen ihren Blutzucker über das Handy. Der Thermostat einer Heizung informiert sich online über Wetter und Tageszeit, registriert, wie viele Personen im Raum sind und stellt die Wohnungstemperatur ein. Das sind zwei Beispiele von vielen, die vor nicht allzu langer Zeit undenkbar gewesen wären – und doch inzwischen Realität sind. Kleinste Computer unterstützen den Menschen im Alltag fast unmerklich. In rasantem Tempo revolutioniert die Digitalisierung Gesellschaft, Wirtschaft und Politik.

Hochschulen und Forschungsinstitute haben diese Entwicklung vorangetrieben, mal geplant, mal zufällig. Das zeigt schon die Geschichte des Internets. Dessen Vorläufer entstand in den Siebzigern, um die Großrechner der US-Unis zu vernetzen. Das World Wide Web erfand 1989 ein Forscher des Europäischen Kernforschungszentrums Cern quasi nebenbei.

"Einmalige Konzentration von Einrichtungen" im IT-Bereich

Ebenso wandelt sich die Wissenschaft durch die Digitalisierung, quer durch alle Fächer. Weil viel größere Datenmengen verarbeitet werden, können Sozialwissenschaftler gesellschaftliche Zusammenhänge neu erschließen. Die Medizin macht sich auf, Krankheiten passgenau auf den Patienten zu analysieren. „Die Verbindung der Internetwelt mit der physikalischen Welt ist eines der Großthemen der Zukunft“, sagt Jürgen Mlynek, Präsident der Helmholtz-Gemeinschaft. Als „Internet der Dinge“ hat der Informatiker Kevin Ashton vom MIT diese Verzahnung bereits 1999 vorhergesagt. Unter Schlagworten wie „Industrie 4.0“ – die Bundesregierung nutzt den Begriff für ihre Hightech-Strategie – rüsten sich Firmen, um „intelligente Fabriken“ zu schaffen.

Wie ist Berlin im Vergleich zu anderen Wissenschaftsstandorten für diese Revolution aufgestellt? Eine Kernwissenschaft für den digitalen Wandel ist naturgemäß die Informatik. Für Hans-Ulrich Heiß, Vizepräsident der TU Berlin und Vorstandsvorsitzender des Fakultätentags der Informatik, hat die Stadt hier bereits jetzt eine „einmalige Konzentration von Einrichtungen“. Alle drei großen Unis führen die Informatik, ebenso die beiden größten Fachhochschulen und mehrere außeruniversitäre Institute (hier eine Übersicht zur IT-Forschung in Berlin). „Wir haben einiges vorzuweisen, an Masse wie an Exzellenz“, sagt Heiß. Mlynek hält Berlin ebenfalls für gut aufgestellt – auch weil es in wichtigen angrenzenden Bereichen wie der Mathematik stark ist.

Bei der Zahl der Informatik-Professuren liegt Berlin vorn

Geht es allein nach der Gesamtzahl der Informatik-Professoren und -Professorinnen, ist Berlin tatsächlich schon heute führend (siehe Grafik). Im Jahr 2013 gab es an deutschen Hochschulen 2539 Informatik-Professoren. 154 davon forschen und lehren in Berlin, wie eine Sonderauswertung des Statistischen Bundesamtes für den Tagesspiegel ergibt. Es folgen München, Stuttgart, Karlsruhe und Hamburg. Für Stuttgart und Hamburg erklären sich die hohen Zahlen aber auch durch überdurchschnittlich viele Professoren an weniger auf Forschung orientierten Einrichtungen wie der Dualen Hochschule Stuttgart (42) beziehungsweise an den Fachhochschulen (in Hamburg 49).

Auf einer Deutschlandkarte sind die größten IT-Hochschulstandorte eingezeichnet.
IT-Stadt Berlin. Mit insgesamt 154 Informatik-Professuren liegt Berlin bundesweit vorn. München hat aber mehr Professuren an...Quelle: Statistisches Bundesamt/Tagesspiegel

Für Hans-Ulrich Heiß zählen denn auch neben Berlin eher München, Karlsruhe und Aachen zu den bedeutenden Informatik-Standorten. Vergleicht man nur die Unis, arbeiten in München (69) sogar mehr Professoren als in Berlin (64). München wurde in einer Studie der EU-Kommission unlängst zur europaweit besten Region der Informations- und Kommunikationstechnologie gekürt (Berlin kam auf Rang 15, hier kann man die gesamte Studie abrufen). Insbesondere die TU München ist forschungsstark, was man am Einwerben von Drittmitteln ablesen kann. Rechnet man die Förderung der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), des Bundes und der EU zusammen, lag die TU München laut DFG-Förderatlas in der Informatik zwischen 2008 und 2010 mit 51,1 Millionen Euro vorne. Es folgen die TU Dresden und die RWTH Aachen, vor der Uni Stuttgart, dem Karlsruher Institut für Technologie (KIT) und der TU Berlin. Neue Zahlen wird die DFG dieses Jahr vorlegen.

"Informatik-Zentren" im Saarland und der Region um Paderborn

Den expliziten Anspruch, ein „Informatik-Zentrum“ zu sein, erhebe in Deutschland indes nur das Saarland für sich, sagt Heiß. Die Uni Saarbrücken gewann in der Exzellenzinitiative mit zwei Vorhaben in der Informationswissenschaft. Zwei von drei Max-Planck-Instituten zur Informatik liegen im Saarland. Die Region um Paderborn versucht sich ebenfalls in die Richtung zu entwickeln. Die Uni nennt sich „Universität der Informationsgesellschaft“. In einem vom Bund geförderten Spitzencluster arbeiten 174 Hochschulen, Institute und Firmen an der Entwicklung softwaregesteuerter Maschinen.

Nun entstehen die wahren Innovationen meistens an den Schnittstellen von der Informatik zu anderen Fächern. „Wir müssen uns in Deutschland noch mehr als bisher von der klassischen Informatik lösen“, sagt Mlynek. Peter-André Alt, der Präsident der Freien Universität Berlin, hat daher bereits einen „Masterplan“ für die Digitalisierung der Stadt gefordert.

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