Italienische Wissenschaft in Deutschland : Zu viel Hierarchie, zu wenig Geld

Was exzellente Forschung ins Ausland treibt: In der italienischen Botschaft in Berlin sprachen drei Naturwissenschaftlerinnen und ein Historiker über ihre menschlichen und akademischen Erfahrungen in Deutschland.

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Glücklich im Exil: Italiens Botschafter Pietro Benassi begrüßt seine Gäste Alessandra Buonanno, Elena Torlai Triglia, Massimo Moraglio und Eleonora Rivalta (von links nach rechts, in der Mitte Moderator Matteo Pardo)  
Glücklich im Exil: Italiens Botschafter Pietro Benassi begrüßt seine Gäste Alessandra Buonanno, Elena Torlai Triglia, Massimo...Foto: Ambasciata d'Italia Berlino

Wer in Italien über Wissenschaft redet, denkt  meist „Brain Drain“ mit, oder italienisch „La fuga dei cervelli“. Die (wissenschaftlich gebildeten) Hirne des Landes sind auf der Flucht.  Langjährige Unterfinanzierung der Wissenschaft und ein überlanges Überwintern junger Nachwuchskräfte  im akademischen Prekariat treiben sie in Scharen ins Ausland. Was dem Land da verloren geht, machte die Potsdamer Geophysikerin Eleonora Rivalta diese Woche auf einem Podium der italienischen Botschaft  deutlich: Italienische Forscherinnen und Forscher bekämen zusammen mit deutschen  am meisten Geld aus den Töpfen des ERC, der europäischen Spitzenforschungsförderung. „Aber während Deutschland viele Leute ins Ausland abgibt, gewinnt es auch viele Ausländer für sich. Italien verliert fast nur.“

 Nach USA und England am liebsten nach Hamburg

Die Vulkanspezialistin Rivalta ist eine der verlorenen Köpfe: Seit 2012 forscht sie am Potsdamer Helmholtz-Zentrum, dem Deutschen Geoforschungszentrum. Für Deutschland, dessen Sprache sie statt Englisch schon in der Mittelstufe büffelte („Alle schüttelten den Kopf über mich“),entschied sie sich  nach Erfahrungen in Stanford und an der englischen Universität Leeds.  Nach drei Jahren Leed s und im siebten Monat schwanger war die junge Physikerin erschöpft vom  Übermaß an Lehrverpflichtungen für fordernde, weil zahlende Studierende, die „der Herr Professor gut auf uns Junge abzuwälzen verstand“. Sie träumte von Deutschland und der Möglichkeit,  mit mehr Ruhe und Sicherheit forschen, wie sie es schon einmal in zwei Post-Doc-Jahren in Hamburg hatte tun können. Und schaffte es auch dorthin. Als ihr Professor zwei Jahre später nach Potsdam ging und sie mit der Aussicht auf eine feste Stelle lockte, ging sie mit. „Gestern habe ich unterschrieben“, sagt Rivalta lachend.

 Ob Deutschland oder Italien: Man schmort im nationalen Saft

Traumland Deutschland? „Ein reines Zuckerschlecken ist es auch hier nicht“, sagt  der Kollege  neben ihr auf dem Podium. Massimo Moraglio ist Historiker, hat seinen Doktor am Turiner Politecnico gemacht und arbeitet seit vier Jahren am Zentrum Technik und Gesellschaft der Technischen Universität  Berlin. Dort ist er aktuell mit der  Geschichte der Zukunft beschäftigt: Er spürt Verkehr und Mobilität in Europa im Jahre 2050 nach. Auch er habe sich mit Drei-, Sechs-Monats- und Ein-Jahres-Verträgen herumschlagen müssen, erzählt Moraglio.  Und dann seien die Humanwissenschaften eben deutlich konservativer und befangener im Nationalen. Gerade  die  Geschichtswissenschaft in Deutschland mache es Ausländern nicht gerade leicht.  Wenn er auf Englisch veröffentliche, werde schon  mal nachgefragt, ob das wirklich sein müsse. Auch sonst  hingen alte Zöpfe schwer an der Zunft: „Als ich auf geschlechtergerechte Sprache pochte, wurde ich gefragt, was das denn sei.“ Kulturelles Einigeln, das kennt die Astrophysikerin Alessandra Buonanno auch aus Italien. Buonanno, jahrelang Professorin in den USA, mit Stationen am Kernforschungszentrum Cern in Genf, am berühmten CalTech und in mehreren Einrichtungen des nationalen französischen Forschungszentrums CNRS, ist seit 2014 Direktorin am Max-Planck-Institut für Gravitationsphysik in Potsdam-Golm und erinnert sich:  Zu ihrer Zeit – sie hat in Pisa promoviert -  hätten alle Bewerbungen auf Italienisch stattfinden müssen, anders als sogar  in Frankreich, wo sie  Englisch sprechen konnte. „Das schließt Nichtitaliener weitgehend aus.“

 Ordinarienseligkeit und kein Geld

Buonanno will denn auch weniger einen Italien-Deutschland-Vergleich ziehen als  einen zwischen den USA und Europa. Der fällt einigermaßen klar zugunsten der USA aus: „Es gibt dort  praktisch  keine Hierarchien. Auch junge Leute können schon ihren eigenen Forschungsinteressen nachgehen, sie haben viel mehr Raum. Das System ist hochkonkurrent, aber frei. Und das ist sehr sehr positiv. Man muss dort nicht erst fünfzig werden.“

Hierarchien, das war auch ein Punkt für  Eleonora Rivalta. Bevor sie, wie sie sagt,  in Leeds  „verzweifelte“,  hatten sie die Feudalstrukturen an ihrer Heimatuni aus Bologna vergrault. „Die Ordinarien dachten nur an ihre Karriere und wollten Schulen um sich scharen.“  Aber das große Thema ist Geld, „der springende Punkt“, sagt Massimo Moraglio. Und zwar keineswegs nur das vom Staat: Er sieht  Abgründe zwischen den Summen, die etwa die VW-oder die Thyssen-Stiftung in die Wissenschaft pumpten und dem, was Italiens Privatstiftungen  bestenfalls hineinträufelten: „Das ist dann kein Problem des Staates, sondern eines bestimmten Bürgertums“, sagt der Sozialwissenschaftler.

 Auch ohne Vulkane lieber in Berlin

Ob sie zurück nach Italien wollten, fragt ein junger Doktorand aus dem Publikum im mit etwa 120 vor allem jungen Italienerinnen und Italienern gut gefüllten großen Saal der Botschaft die vier auf dem Podium. Für Alessandra Buonanno scheidet das schon deswegen aus, weil es in Italien, wie sie sagt, anders als in Deutschland, Frankreich oder den USA Keine wissenschaftliche Community für ihr Fachgebiet gebe,  die Gravitationswellenforschung. Und  die Aussichten in Italien seien auch „nicht sehr anziehend“, sagt sie.  Wer von außen komme, werde eher mit Misstrauen empfangen. Die junge Biologin Elena Torlai Triglia, Doktorandin am Max-Delbrück-Zentrum für molekulare Medizin, die demnächst ihr Doktorat abschließen wird, will vielleicht noch ein Post-Doc dranhängen und Berlin danach verlassen. Richtung Italien? „Ich schließe nichts aus.“

Ganz anders Massimo Moraglio und Eleonora Rivalta. Moraglio schätzt nicht  nur Deutschlands protestantische Prägung, wo man von Familie "weniger redet als in Italien aber viel mehr für sie tut“. Ihm gefällt, dass sein Sohn schon mit neun Jahren  in Berlin mit der U-Bahn zu Schule fahren kann – „“anderswo würden Eltern dafür wegen Vernachlässigung vor Gericht gestellt“ - dass es funktionierende Krankenkassen gibt und kostenlose, zweisprachige Staatsschulen, „auch wenn Schule hier stark eine Klassenfrage ist  – das begabte Kind unserer Putzfrau hatte Schwierigkeiten, aufs  Gymnasium zu kommen“. Die Heimat habe ihn ausreichend schlecht behandelt, um ihn vor Nostalgie zu bewahren, sagt Moraglio. Nur begraben sein möchte er nicht unterm bleiernen preußischen Himmel:  „Wer in Italien von Berlin schwärmt, den frage ich immer: Im Sommer ja, aber hast  du schon mal einen Winter dort erlebt?“

Eleonora Rivalta hatte bereits die Chance zurückzugehen. Sie habe die Stelle abgelehnt. „Und das, obwohl es in Italien Vulkane gibt und hier nicht.“

 

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