Jagd : Fette Beute - und unterschiedliche Motive

Rehe und Hirsche fressen junge Bäume kahl. Wie viele sollten gejagt werden – und vor allem wie?

Roland Knauer
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Zur Strecke gebracht. Um möglichst viel Wild erlegen zu können, wird die potenzielle Beute im Winter durchgefüttert. Foto: dpa

„Wenn der Jäger mit seinem Geländewagen in den Wald fährt, nach dem Anhalten die Tür zuschlägt und auf seine Abschussrampe klettert, weiß das Wild in der Umgebung genau, was er vorhat“, sagt Gregor Beyer von der Naturschutzorganisation Nabu. Der Leiter des Informationszentrums Blumberger Mühle im Norden Brandenburgs hält deshalb die hierzulande typische Jagd von Hochsitzen für wenig effektiv: „Ich habe selbst schon beobachtet, wie die Leitbache aus dem Unterholz kommt und kontrolliert, ob der Hochsitz besetzt ist. Sieht sie die Hände des Jägers dort oben, treibt sie ihre Rotte einfach außer Schussweite.“

Beyer ist Naturschützer und will, dass der ungleiche Kampf zwischen Mensch und Tier beendet wird, könnte man meinen. Ganz im Gegenteil, der Mann ist selbst Jäger und steht auch dazu: „Jagd kann eine legitime Form der Landnutzung sein.“ Allerdings meint er mit diesem Satz Kollegen, die Wildbret erbeuten wollen. „Aus ethischer Sicht ist ein Jäger nicht anders zu bewerten als der Käufer von Schweineschnitzeln und Rindersteaks im Supermarkt.“ Bei einer solchen Jagdethik spricht für Beyer auch nichts dagegen, das Geweih des erlegten Hirsches als Trophäe an die Wand zu hängen. Und tatsächlich blickt er in seinem Büro geradewegs auf den Kopfschmuck eines Hirsches, den er 2005 geschossen hat. Beyer hält es allerdings für problematisch, wenn Menschen nur noch jagen, um Trophäen zu sammeln.

Spätestens an diesem Punkt ist klar, dass es den Jäger in Deutschland so nicht gibt, sondern dass die 349 339 Menschen, die hierzulande nach Angaben des Deutschen Jagdschutz-Verbandes (DJV) einen Jagdschein haben, mitunter sehr unterschiedliche Interessen haben. Das sieht man unter anderem daran, dass es neben dem großen DJV, in dem rund 90 Prozent der deutschen Jagdscheinbesitzer organisiert sind, noch den viel kleineren Ökologischen Jagdverband ÖJV gibt. Dort sind die meisten Mitglieder Förster. Während diese eher nach dem Grundsatz „Wald vor Wild“ handeln, geht es vielen Mitgliedern des DJV vor allem um das Erlebnis der Jagd – und damit ist oft auch die Trophäenjagd gemeint. Der Konflikt ist programmiert.

Zudem darf in Deutschland nur jagen, wer ein größeres Stück Wald oder Offenland besitzt oder ein Revier pachtet. Für ein 500 Hektar großes Pachtrevier wird leicht ein fünfstelliger Eurobetrag im Jahr fällig. Obendrein muss ein Jagdpächter auch Schäden bezahlen, die etwa Wildschweine aus seinem Revier anrichten, wenn sie die Äcker von Bauern in der Nachbarschaft durchpflügen. Solche Zahlungen sind schnell höher als die eigentliche Pacht.

Wer so viel Geld ausgibt, will natürlich etwas davon haben. Die meisten Menschen, die fünfstellige Eurobeträge im Jahr für ihr Hobby ausgeben können, haben nicht viel Freizeit und schaffen es vielleicht drei Mal im Monat, im Revier zu sein. Weil das Wild schnell merkt, ob ein Gewehr droht, weicht es aus. Nur wenn viel Wild in der Gegend ist, kommt der Hobbyjäger auch zum Schuss. Daher versuchen Jäger oftmals, die Wildbestände hoch zu halten, in dem sie beispielsweise die Tiere im Winter füttern.

Die Förster sind von dem vielen Wild aber nicht begeistert. Je mehr Rehe und Hirsche durch den Wald streifen, umso mehr knabbern die Tiere im Winter an den kleinen Bäumchen. Ist die Wilddichte zu hoch, kommt kein Jungwald mehr hoch. Allerdings sind Hirsche und Rehe durchaus wählerisch. Weißtannen zählen zum Beispiel zu den Leckerbissen, amerikanische Traubenkirschen dagegen sind unbeliebt. „Bei Förstern dagegen steht die Weißtanne als einheimischer Baum hoch im Kurs, weil er mit dem Klimawandel vermutlich besser fertig wird als viele andere Arten“, sagt Andreas von Lindeiner, Artenschutzreferent der Naturschutzorganisation LBV in Bayern. Die aus Nordamerika eingeschleppte Traubenkirsche dagegen sei eine fremde Pflanze, die mitteleuropäische Bäume beim Wachsen behindere. Förster versuchen also die Wilddichte niedrig zu halten.

Wie viele Tiere sollten am Leben bleiben dürfen, um einen gesunden Mischwald wachsen zu lassen? Genaue Zahlen gibt es nicht. Denn nicht nur die Anzahl der Tiere beeinflusst die Stärke des „Wildverbisses“, sondern auch weitere Faktoren vom Winterwetter bis zur momentanen Waldstruktur, also der Mischung unterschiedlicher Gehölze. Der Naturschützer Beyer hat darüber eine Diplomarbeit geschrieben und meint pragmatisch: „Wenn auf einem Hektar Wald auf ostdeutschen Sandböden im Jahr 200 bis 300 Eichen aus der Reichweite des äsenden Wildes herauswachsen, verjüngt sich der Wald ausreichend.“

Wie sich die Wildbestände leicht dezimieren lassen, weiß Wlodzimierz Jedrzejewski vom Säugetier-Forschungsinstitut der polnischen Akademie der Wissenschaften. Im Bialowieza- Nationalpark an der Grenze zwischen Polen und Weißrussland rüstete er 18 Luchse mit einem Radiosender aus und kontrollierte regelmäßig, was sie erbeuteten. Er entdeckte fast ausschließlich die Kadaver von Rehen. Eine historische Analyse bestätigte seinen Verdacht: Als der Mensch um die Jahre 1880 und 1960/70 zweimal die Luchse im Bialowieza-Wald völlig ausrottete, verdoppelten sich die Rehbestände binnen weniger Jahre. Als die Luchse später wieder in das Gebiet zurückkehrten, halbierten sie die Zahl des Rehwildes wieder.

Ähnlich effektiv, wie Luchse den Bestand an Rehen klein halten, haben Wolfsrudel die Hirsche unter Kontrolle. Als der Mensch zu ähnlichen Zeiten wie den Luchs auch den Wolf zweimal im Bialowieza-Wald völlig ausrottete, verdoppelten sich die Rotwildbestände binnen weniger Jahre. Und als die Wölfe aus Sibirien in das Gebiet zurückkehrten, halbierten sie die Zahl des Rotwildes wieder.

In Deutschland jedoch hat der Mensch Wolf und Luchs längst ausgerottet, erst in jüngster Zeit sind einige dieser Raubtiere zurückgekehrt. Das sind aber viel zu wenige, um Hirsche und Rehe merklich zu reduzieren. Also müssen Jäger die Rolle der Raubtiere übernehmen, argumentieren ausgerechnet die Jäger, deren Vorgänger einst Wolf und Luchs ausrotteten. Einige Naturschützer vermuten, dass so mancher Jäger insgeheim auf einen Luchs anlegt, weil dessen Appetit die Rehe scheu werden lässt und so der Jäger schlechter zum Schuss kommt. Auch die seit Jahrhunderten ersten Wölfe in Deutschland fallen erstaunlich häufig Kugeln zum Opfer. In Naturschutzkreisen vermutet man, übereifrige Jäger hätten Angst um ihre Hunde, die relativ häufig in Wolfsmägen verschwinden.

Andererseits betonen Naturschützer wie Andreas von Lindeiner vom bayerischen LBV, dass sie mit vielen Jägern hervorragend zusammenarbeiten, zum Beispiel beim Schutz der Luchse.

Wenn statt eines Raubtiers der Mensch Rehen und Hirschen nachstellt, dezimiert er deren Bestand meist nur unwesentlich, glaubt Gregor Beyer: „Der Mensch ist einfach ein viel schlechterer Jäger als Wölfe oder Luchse.“ Um die Bestände zu reduzieren, schlägt Beyer daher die „Ansitz-Drückjagd“ vor, die Forstwissenschaftler wie Georg Sperber im Steigerwald schon seit Jahrzehnten praktizieren. Dabei geht eine Gruppe Jäger mit ihren Hunden in ein Revier und verteilt sich unauffällig auf verschiedene Ansitze. Nach einer vereinbarten Zeit von ungefähr einer halben Stunde, lassen die Jäger gleichzeitig ihre Hunde los. „Diese stöbern rasch das im Wald versteckte Wild auf und bringen es auf die Läufe", erläutert Beyer. Die Hunde sind darauf trainiert, das Wild nur kurz zu jagen und dann zum Hochsitz zurückzukehren. Nach wenigen hundert Metern Flucht beruhigt sich das Wild wieder. Während ein fliehender Hirsch ein schlechtes Ziel ist, kann der Jäger im benachbarten Hochsitz jetzt zielsicher auf das Tier anlegen, das sich gerade beruhigt hat und das nächste Versteck sucht.

Solche Drückjagden sind zwar sehr effektiv, aber erfordern geübte Jäger. Denn normalerweise wollen Hunde das Wild hetzen, bis sie es fassen können. Nur hartes und langes Training bringt sie dazu, ihre Beute nach kurzer Jagd ziehen zu lassen. Für ein solches Training hat der im Berufsleben oft vielbeschäftigte Jagdpächter meist keine Zeit – und das Problem zwischen Wald und Wild bleibt bestehen.

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