Jahr der Geisteswissenschaften : Der Schatz im Fürstengrab

Auf den Spuren des skythischen Totenkults: Ein Herrscherpaar, sein ermordetes Gefolge – und 20 Kilo Gold

Hermann Parzinger

Im Jahr der Geisteswissenschaften bittet der Tagesspiegel herausragende Vertreterinnen und Vertreter geistes- und kulturwissenschaftlicher Fachgebiete um kurze Aufsätze zu einem Forschungsthema, das sie gerade beschäftigt. Sie geben Einblicke in die Arbeitsweise von Geisteswissenschaftlern, in ihre Methoden und aktuellen Forschungsansätze. Diese Werkstattberichte sollen die Vielfalt geisteswissenschaftlicher Arbeit zeigen. Tsp



In der Grabkammer liegen ein älterer Mann und eine Frau mittleren Alters. Sie sind über und über mit Goldobjekten verziert, kein Kleidungsstück ist nicht durch Zierbleche, Perlen, Granulate oder Anhänger vergoldet, selbst die Waffen des Mannes sind mit goldenen Einlagen versehen, die sie zu Kunstwerken machen. Doch es ist nicht nur der materielle Wert von über 20 Kilo hier verarbeitetem Gold, der bemerkenswert ist. Fast sämtliche Arbeiten sind auch Meisterwerke der skytho-sibirischen Tierstilkunst.

Diese Fürstenbestattung war die Sensation einer Grabungskampagne, die das Deutsche Archäologische Institut in den letzten Jahren gemeinsam mit der Staatlichen Ermitage in St. Petersburg unternommen hat. Dabei ging es um monumentale Bestattungsplätze reiternomadischer Bevölkerungsgruppen, die den eurasischen Steppengürtel zwischen dem 8. und dem 3. Jahrhundert v. Chr. beherrschten. Schon vor 300 Jahren wurden Wissenschaftler in der sibirischen Steppe erstmals auf ganz besondere Denkmäler aufmerksam: Es handelte sich um riesige Grabhügel, die man Kurgane nannte. Erste Ausgrabungen unternahmen deutsche Universalgelehrte wie Daniel Gottlieb Messerschmidt oder Johann Georg Gmelin, die im Auftrag Peters des Großen Expeditionen nach Sibirien leiteten, um dort geologisch-naturkundliche, aber auch ethnographische und sprachwissenschaftliche Studien zu betreiben.

Bald lernte man, dass die Großkurgane Reiternomaden aus vorchristlicher Zeit zuzuschreiben sind. Einige dieser Verbände stießen bis in den Nordschwarzmeerraum vor und wurden dort zu Nachbarn der sich an der Küste niederlassenden Griechen. Eingehende Nachrichten über ihre Gebräuche und Lebensformen verdanken wir Herodot, der im 5. Jahrhundert v. Chr. über sie schreibt und sie Skythen nennt.

Bei unseren Expeditionen wollten wir das Totenritual der reiternomadischen Eliten genauer erforschen. Dies erforderte eine detaillierte Untersuchung ausgewählter Großkurgane und eine sorgfältige Dokumentation der Befunde. Angesichts des Ausmaßes der zu allen Zeiten durchgeführten Plünderungen war dabei mit reichen Grablegen kaum zu rechnen. Die Bauweise, die Bauentwicklung und damit verbundene Rituale sind bei diesen monumentalen Grabanlagen bislang dagegen noch kaum untersucht worden. Genau dieses Ziel stellten wir uns. Die Forschungen konzentrierten sich dabei auf eines der Zentren der frühskythischen Kultur in Südsibirien: Tuva, das Land an den Quellen des Jenissei. Schon im späten 9. und frühen 8. Jahrhundert v. Chr. entstand dort bei dem modernen Ort Aržan ein riesiger Fürstenfriedhof mit einer beeindruckenden Häufung von Großkurganen. Dieses Tal wird von der lokalen Bevölkerung auch heute noch dolina carej genannt, das „Tal der Könige“.

Wir wählten dort den sogenannten Kurgan 2 zur Untersuchung aus, eine flache Steinplattform von fast 80 Meter Durchmesser. Grabbauten dieser Art sind außerhalb Tuvas kaum bekannt. Die vollständige Freilegung dieser an das Ende des 7. Jahrhunderts v. Chr. datierenden Anlage gestattete völlig neue Einblicke in das Totenritual. Das fürstliche Grab war von zahlreichen Mitbestattungen des Gefolges umgeben, die dafür eigens getötet wurden. Männer und Frauen hatte man dabei in unterschiedlichen Teilen des Kurgans beigesetzt. Zu kultischen Zwecken ausgehobene Gruben, Steinstelen sowie Brandopferplätze lassen ein vielschichtiges und komplexes Ritual sichtbar werden, das in erster Linie der Inszenierung der fürstlichen Grablegung diente. Mit dem Fürstengrab konnten wir nach 300 Jahren archäologischer Forschungstätigkeit in Sibirien erstmals ein unberührtes Prunkgrab dieser Zeit freilegen, mit über 5600 Goldobjekten eines der reichsten Inventare in der Geschichte der eurasischen Archäologie überhaupt.

Der vom Mann des Doppelgrabes getragene und 1,8 Kilo schwere Goldhalsring gehört dabei zu den Prunkstücken des Inventars. Ein Viertel des Ringes wird von einem massiven Frontstück eingenommen, das die Form eines gebogenen Quaders besitzt. Zwei seiner vier Längsflächen sind mit unzähligen kleinen Raubkatzenfigürchen versehen, die getrennt hergestellt und anschließend angelötet wurden. Von bislang nicht gekannter Kunstfertigkeit zeugt auch die Ornamentik des rundstabigen Ringes. Dessen Verzierung besteht auf vier fortlaufenden und übereinander angeordneten Tierfriesen, die sich spiralartig um den Ringkörper wenden. Diese Friese sind im Wechsel links- oder rechtsläufig. Dargestellt werden Kamele, Wildschweine, Pferde, Ziegen, Schafe, Raubkatzen sowie ein Hirsch.

Die Umhänge der beiden Verstorbenen waren mit über 5000 goldenen Pantherfiguren bestickt, deren Anordnung auf dem Rücken einem angelegten Gefieder ähnelt. Wurden sie also bewusst als goldene und geflügelte Wesen dargestellt? Grablegen dieser Art zeigen, dass es nicht nur ausgeprägte Prunksucht war, die zu solchen Erscheinungen führte, sondern dass hier auch ein Status zum Ausdruck kommt, der den Zeitgenossen bereits entrückt und der Welt der Götter näher scheint. Es ist mehr als nur Charisma, auf das sich der Macht- und Herrschaftsanspruch der hier Bestatteten im Leben gegründet haben dürfte.

Es sind also verschiedene Teilaspekte, die die Entdeckung des Fürstengrabes von Aržan zu etwas Besonderem machen: Die Goldobjekte führen uns eine neue Qualität der skytho-sibirischen Tierstilkunst vor Augen, die sorgfältige Dokumentation der Befunde lässt zum ersten Mal das mit der Grablegung eines Fürstenpaares verbundene Ritual sichtbar und verständlich werden, und der Gesamtkomplex gestattet einen gänzlich neuen Blick auf den Status der reiternomadischen Eliten im Osten der eurasischen Steppe.

Überraschend ist die Tatsache, dass unter den Motiven der tierstilverzierten Arbeiten aus Aržan Mischwesen nahezu vollständig fehlen, obwohl sie in der skythenzeitlichen Kunst der eurasischen Steppe durchaus geläufig waren. Eine Ausnahme bildet die omegaförmige Schließe vom Tragegurt des Köchers mit zwei nach außen blickenden, vorzüglich ausgearbeiteten und fast bedrohlich wirkenden Greifenköpfen mit langen, gebogenen Schnäbeln. Der Greif ist eines der verbindenden Motive in der Tierstilkunst jener Zeit und begegnet uns insbesondere östlich des Urals auffallend häufig. Dies lässt an Herodots Überlieferung denken, der weit im Osten der eurasischen Steppe von einem „Land der goldhütenden Greifen“ spricht. Bei den Greifen könnte es sich um das Identifikationssymbol oder Abzeichen eines reiternomadischen Stammesverbandes dieser Region gehandelt haben.

Der Greif ist zum Symbol einer Veranstaltung geworden, der im Jahr der Geisteswissenschaften besondere Bedeutung zukommen wird. Es handelt sich um eine Ausstellung mit dem Titel „Im Zeichen des goldenen Greifen. Königsgräber der Skythen“, die am 4. Juli dieses Jahres im Martin-Gropius-Bau zu Berlin eröffnet wird. Sie wird vom Deutschen Archäologischen Institut in Zusammenarbeit mit den Staatlichen Museen zu Berlin – Stiftung Preußischer Kulturbesitz organisiert und steht unter der Schirmherrschaft von Bundespräsident Horst Köhler sowie der Staatspräsidenten von Russland, der Ukraine, Kasachstan und der Mongolei. Diese über 7000 Leihgaben umfassende Schau darf als die größte jemals gezeigte Präsentation skythenzeitlicher Reiternomaden gelten. Die Skythenzeit wird dabei als eine die Geschichte Asiens und Europas erstmals in ganz besonderer Weise verbindende Epoche verständlich.

Zur Person:

Mit der Entdeckung eines skythischen Fürstengrabes wurde Hermann Parzinger 2001 international bekannt. Studiert hat Parzinger (47) in München und Saarbrücken, er lehrte in München und Frankfurt/Main. 1995 wurde er Gründungsdirektor der Eurasien-Abteilung des Deutschen Archäologischen Instituts (DAI) in Berlin, dessen Direktor er seit 2003 ist. 2006 machte Parzinger in der Mongolei einen weiteren Sensationsfund: Die auf einer Eislinse konservierte Mumie eines Skythenkriegers. Über seine Funde hat Parzinger zahlreiche Bücher veröffentlicht, zuletzt „Der Goldschatz von Aržan. Ein Fürstengrab der Skythenzeit in der südsibirischen Steppe“. -ry

Die Serie im Internet:

www.tagesspiegel.de/geisteswissenschaften

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