Jahr der Geisteswissenschaften : Wau, wie schlau

Folgen Tiere nur ihren Instinkten, oder können sie Reize auch kognitiv verarbeiten? Ein Fall für die Philosophie des Geistes.

Dominik Perler
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Linus und Snoopy aus "A Boy Named Charlie Brown", USA 1969 -Foto: Cinetext

Im Jahr der Geisteswissenschaften bittet der Tagesspiegel herausragende Vertreterinnen und Vertreter geistes- und kulturwissenschaftlicher Fachgebiete um kurze Aufsätze zu einem Forschungsthema, das sie gerade beschäftigt. Sie geben Einblicke in die Arbeitsweise von Geisteswissenschaftlern, in ihre Methoden und aktuellen Forschungsansätze. Diese Werkstattberichte sollen die Vielfalt geisteswissenschaftlicher Arbeit zeigen.



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Stellen Sie sich folgende Szene vor: Ein Hund jagt einer Katze hinterher. Diese rettet sich auf einen Baum und verschwindet im dichten Laub. Der Hund rennt mit Volldampf auf den Baum zu, bleibt aber unten stehen und bellt zu den Ästen hoch. Denkt er, dass die Katze sich dort versteckt hält? Will er sie fangen? Ist er gar verärgert, dass er sie nicht erwischen kann?

Natürlich nicht, könnte man sogleich antworten. Wir vermenschlichen den Hund, wenn wir ihm geistige Tätigkeiten wie Denken und Wollen zuschreiben. Er folgt einfach seinen Instinkten und verhält sich gemäß teils angeborenen und teils erworbenen Reiz-Reaktions-Mustern. Von Denken kann nur die Rede sein, wenn ein Lebewesen auch über eine Sprache verfügt. Nur wenn der Hund imstande wäre, den Satz „Die Katze ist auf dem Baum“ irgendwie zu erfassen, könnte er auch denken.

Das ist doch Unsinn, könnten Sie sogleich protestieren. Warum sollte nur ein sprechendes Lebewesen denken können? Der Hund ist offensichtlich imstande, sich auf die Katze zu beziehen und sie von anderen Objekten zu unterscheiden. Er spult nicht einfach ein Reiz-Reaktions-Muster ab, sondern kann die Reize auch kognitiv verarbeiten. Dadurch gelingt es ihm, so etwas wie eine kognitive Landkarte von seiner Umgebung anzulegen und sein Verhalten eigenständig zu steuern. Warum sollte Denken mehr sein als das Verfügen über eine innere Landkarte? Wer von Anfang an Sprachfähigkeit fordert, orientiert sich einseitig am menschlichen Denken.

Sollen wir nun sagen, dass ein Hund denken kann oder nicht? In der Schwierigkeit, diese Frage zu beantworten, zeigt sich die Grundstruktur eines philosophischen Problems. Ein solches Problem taucht nicht erst auf, wenn wir mit einem vollständig neuen Phänomen konfrontiert werden. Ganz simple und scheinbar vertraute Phänomene werfen bereits philosophische Probleme auf, weil es häufig unklar ist, wie wir sie beschreiben sollen. Mit Ludwig Wittgenstein könnte man sagen: „Ein philosophisches Problem hat die Form: ‚Ich kenne mich nicht aus’.“ Wir kennen uns nicht aus, weil sich unsere Intuitionen widersprechen und wir nicht so recht wissen, wie wir scheinbar Vertrautes begrifflich fassen sollen. Mal scheint es selbstverständlich, dass Hunde und andere Lebewesen nicht denken können, weil sie über keine Sprache verfügen. Mal scheint es ebenso selbstverständlich, dass sie sehr wohl denken können, weil sie eine kognitive Landkarte verwenden.

Hier setzt nun die philosophische Arbeit an. Wir müssen die Begriffe schärfen, mit denen wir Phänomene beschreiben. Doch was heißt das? Sollen wir uns in Philosophie-Seminaren einfach darüber austauschen, was jeder von uns unter Denken oder Kognition versteht? Dies würde sogleich den Verdacht wecken, dass hier reine „Lehnstuhl-Philosophie“ betrieben wird, die keine empirische Grundlage hat. Und natürlich würde einmal mehr das Vorurteil gestärkt, dass geisteswissenschaftliche Arbeit außerhalb der geschützten Seminarräume keine Bedeutung hat, weil die „harte“, methodisch solide Arbeit ohnehin von den Naturwissenschaften geleistet wird.

Philosophische Begriffsklärung muss aber keineswegs ein Mauerblümchendasein fristen, wie die Forschungsentwicklung in den letzten Jahren gezeigt hat. Drei Ansätze haben sich als besonders fruchtbar erwiesen. Erstens verlassen Philosophen den behaglichen Lehnstuhl, indem sie sich zusammen mit Psychologen, Linguisten und Biologen an kognitionswissenschaftlichen Debatten beteiligen und die begrifflichen Grundlagen dieser Debatten klären. Ein Beispiel: „Repräsentation“ ist zu einem Zauberwort geworden, mit dem alle möglichen Verhaltensweisen und Fähigkeiten erklärt werden – von der Orientierungsfähigkeit eines Adlers bis zur Sprachfähigkeit eines Kleinkindes. Hier bohren Philosophen nach: Was verbindet den Adler mit dem Kleinkind? Welche Minimalbedingung muss erfüllt sein, damit wir beiden eine Repräsentationsleistung zuschreiben? Reicht sie für das Denken aus? Oder muss noch etwas hinzukommen, etwa die Fähigkeit, Repräsentationen als wahr oder falsch einzustufen und falsche Repräsentationen zu korrigieren? Diese Fragen lassen sich natürlich nicht im abgeschotteten Philosophie-Seminar beantworten. Sie müssen ausgehend von konkreten empirischen Untersuchungen erörtert werden.

Zweitens knüpft philosophische Arbeit an empirische Studien an, indem sie konkrete Ergebnisse näher betrachtet und nach den Konsequenzen fragt. Wiederum ein Beispiel: Vor mehr als 30 Jahren führten Verhaltenswissenschaftler ein Experiment durch, in dem sie vor einer Schimpansin namens Sarah einen mit Futter gefüllten Behälter und einen leeren Behälter aufstellten. Sarah konnte im Gegensatz zu dem anwesenden Tierwärter aber nicht selber an die Behälter herankommen. Was tat sie? Sie lenkte den Wärter mit gezielten Bewegungen zum gefüllten Behälter und winkte ihn zu sich heran. In einer zweiten Phase wurde das Experiment sogar mit zwei Wärtern durchgeführt, von denen der eine den gefüllten Behälter brachte, der andere hingegen den leeren. Nach einigen Anläufen führte Sarah gezielt nur noch den ersten Wärter zum gefüllten Behälter. Was ist daran philosophisch interessant? Zunächst zeigt das Experiment, dass die Schimpansin über die Fähigkeit zur gezielten Bezugnahme auf Gegenstände – über Intentionalität – verfügt. Einige meinen sogar, sie sei zu höherstufiger Intentionalität fähig, denn sie beziehe sich nicht nur auf Futterbehälter und Wärter, sondern auch auf die Gedanken der Wärter. Das heißt: Sie glaubt, dass der erste Wärter glaubt, dass er ihr das Futter bringen soll. Dies wäre natürlich äußerst raffiniert und würde zeigen, dass Glauben und andere kognitive Zustände nicht an Sprache gebunden sind.

Drittens schließlich verlassen Philosophen den bequemen Lehnstuhl, indem sie sich mit wissenschaftshistorischen Befunden auseinandersetzen und feststellen, dass die ganze Tierdebatte eng mit umfassenden Theorien über das Verhältnis Mensch-Tier verknüpft ist. Diese Theorien sind keineswegs rein philosophische Produkte, sondern vor dem Hintergrund naturwissenschaftlicher Entwicklungen entstanden. Auch hier wiederum ein Beispiel: Als sich im 17. Jahrhundert die mechanistische Physik immer mehr durchsetzte, wurden sämtliche natürlichen Vorgänge – auch jene in den Tieren – gemäß den Prinzipien dieser Physik erklärt. Wahrnehmung, Orientierungsfähigkeit und Emotionen der Tiere waren dann nichts anderes als mechanische Vorgänge, die streng von den kognitiven Leistungen der Menschen unterschieden wurden.

Das mechanistische Weltbild ist heute natürlich nicht mehr aktuell, aber die kategorische Gegenüberstellung von Mensch und Tier prägt immer noch zahlreiche Diskussionen. Daher gilt es kritisch zu fragen, wie sich bestimmte Theorien und Weltbilder verfestigt haben und auch dann noch wirkungsmächtig bleiben, wenn sie scheinbar überwunden sind. Diese Frage lässt sich nur beantworten, wenn Philosophen und Wissenschaftshistoriker gemeinsam die Entstehung und Tradierung von Weltbildern in konkreten Kontexten untersuchen.

Worin besteht also die Aufgabe der Philosophie? Sicherlich nicht darin, dass sie den Anspruch auf Begriffsklärung aufgibt und selber nach empirischen Daten jagt. Aber auch nicht darin, dass sie im Elfenbeinturm bloß über die eigene Verwendung von Begriffen nachdenkt. Philosophische Analysen sind dann spannend und innovativ, wenn sie von empirischen Befunden der Nachbarwissenschaften ausgehen, Begriffe mit Blick auf diese Befunde testen und innerhalb von historisch gewachsenen Theorien situieren.

Zur Person:

Dominik Perler (42) forscht zum Skeptizismus, zu Emotion und Kognition – und zum Geist von Tieren. Dabei nähert sich der Schweizer großen und kleinen Tieren mit überragendem wissenschaftlichen Erfolg: Schon für seine Promotion erhielt er an der Universität Fribourg einen Preis. Nach Stationen an US-Unis habilitierte er sich in Göttingen über „Repräsentationen bei Descartes“. Von der Stelle als Lecturer in Oxford wechselte er auf einen Lehrstuhl in Basel und 2003 auf eine Professur für Philosophie an der Humboldt-Uni. Perler erhielt 2006 den mit 1,5 Millionen Euro dotierten Leibniz-Preis, mit dem er die Forschungsgruppe „Transformationen des Geistes“ gründete. Daneben ist er Mitbegründer der Graduiertenschule „Mind and Brain“. -ry

Die Serie zum Jahr der Geisteswissenschaften erscheint monatlich. Zuletzt schrieben Christina von Braun über das Unbewusste in der Wissenschaft (6. August), Gudrun Krämer über einen islamischen Feminismus (2. Juli) und Wolfgang Kubin über die Wurzeln des chinesischen Theaters (1. Juni).

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