Japan : Medizin nach Preußenart

Vor 140 Jahren begann die Reform der Heilkunde in Japan. Deutsche Mediziner waren Vorbild und Lehrmeister.

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Kollegen. Sahachiro Hata (rechts) war als enger Mitarbeiter Paul Ehrlichs maßgeblich an der Entwicklung des Salvarsans beteiligt, des ersten Antibiotikums. Foto: bpk
Kollegen. Sahachiro Hata (rechts) war als enger Mitarbeiter Paul Ehrlichs maßgeblich an der Entwicklung des Salvarsans beteiligt,...Foto: bpk

Den beiden Ärzten bot sich ein für Mitteleuropäer ungewöhnliches Bild. Beim Besuch der Medizinschule Tokio im Jahr 1871 trafen sie 300 Studenten an, die in mehreren Sälen an großen Tischen versammelt waren, Pfeife rauchten und laut aus verschiedenen Büchern und Kapiteln lasen. „Alle gleichzeitig, in der bekannten, psalmodierenden Weise, so dass man etwa den Eindruck hatte, als träte man in eine Synagoge“, notierte der preußische Militärarzt und Chirurg Leopold Müller (1824–1893). Mit dem Marinearzt und Internisten Theodor Hoffmann (1837–1894) war Müller nach Japan geholt worden, um die Medizin nach deutschem Muster umzuformen.

Es war nicht selbstverständlich, dass ausgerechnet Deutsche den Zuschlag als Medizinalreformer erhielten. Das weitgehend isolierte Japan war Mitte des 19. Jahrhunderts gegenüber den politisch, wirtschaftlich, technisch und wissenschaftlich führenden Nationen Europas deutlich zurückgefallen. Nach der erzwungenen Öffnung des Landes begann eine Aufholjagd, bei der man sich des Rates der Besten versichern wollte. Als „erstklassige Staaten“ galten den Japanern die USA, Großbritannien und Frankreich, Deutschland dagegen war zweitklassig – mit Ausnahme der Medizin.

Bis weit ins 19. Jahrhundert dominierten spekulativ-magische Vorstellungen die japanische Medizin. Sie beruhten wesentlich auf der Gleichgewichtslehre des Yin und Yang, berichtete der Japanologe Frank Käser von der Freien Universität Berlin bei einer Tagung über „150 Jahre deutsch-japanische Beziehungen“ am Deutschen Historischen Museum. Der japanische Arzt absolvierte seine Ausbildung als Schüler im Haus des Meisters, dieser führte die geheim gehaltene Heilkunst schweigend am Patienten vor.

Eigentlich war eher zu erwarten, dass die Gunst der Japaner bei der Medizinreform wegen der engeren Kontakte den Niederländern oder Engländern gelten würde. Aber ihre Nachforschungen hatten unzweifelhaft ergeben, dass die deutsche Medizin in ihrer Verbindung von Klinik und Naturwissenschaft, wie sie der Münchner Hygieniker Max von Pettenkofer und der Berliner Physiologe Johannes Müller verkörperten, an der Spitze stand.

Und so wurde am 1. Oktober 1869 offiziell beschlossen, sich der deutschen Medizin zuzuwenden. Man bat die preußische Staatsregierung, zwei „Obermilitärärzte“ zu entsenden, weil diese als Angehörige der „Kriegerkaste“ höheres Ansehen genießen würden. 1871 machten sich die Militärärzte Hoffmann und Müller in Tokio ans Werk und hielten zunächst eine strenge Musterung ab. Die 300 Medizinschüler reduzierten sich im Lauf der Zeit auf 59 und das Diplom nach acht Jahren Ausbildung – angelehnt am Studium an der Berliner Universität – erhielten 1879 zunächst lediglich 18 Schüler.

Aber ihnen folgten noch viele, die nach deutschem Vorbild Medizin studierten, denn die Schlüsselpositionen für Innere Medizin und Chirurgie an der Medizinischen Fakultät Tokio waren bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts von deutschen Ärzten besetzt. Zudem brachen bereits um 1870 die ersten Japaner zum Medizinstudium gen Westen auf. Ein Studium in Deutschland war für Japaner Voraussetzung, um an der Tokioter Medizinfakultät Karriere zu machen, berichtete Käser.

Bald brachten die Japaner selbst namhafte Wissenschaftler hervor. Einer von ihnen war Shibasaburo Kitasato, der von 1885 an bei dem Bakteriologen Robert Koch in Berlin forschte, bahnbrechende Ergebnisse zu Wundstarrkrampf, Tetanus und Diphtherie erzielen konnte und 1892 nach Japan zurückkehrte. Sein Schüler Sahachiro Hata entwickelte als Assistent des Immunforschers Paul Ehrlich in Frankfurt am Main gemeinsam mit diesem Salavarsan, das erste Antibiotikum.

Den beiden knorrigen preußischen Militärärzten Müller und Hoffmann haben die Japaner bis heute ein ehrendes Andenken bewahrt. Ihre Bronzebüsten finden sich im Garten der Medizinischen Fakultät der Universität Tokio. Mit Pickelhaube, Schnurrbart und Ordensbrust. Hartmut Wewetzer

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