Wissen : „Jetzt erst recht!“

Präsident Markschies ruft die Humboldt-Universität zu neuen Initiativen auf

Uwe Schlicht

Noch am Abend des 19. Oktobers hatte der Präsident der Humboldt-Universität (HU), Christoph Markschies, erklärt, er werde an dem Zukunftskonzept kein Jota ändern und es konsequent umsetzen. Gerade erst hatte Markschies erfahren, dass die Freie Universität (FU) den Elitestatus errungen hatte, während die HU gemeinsam mit der Universität Bochum in der Runde der letzten acht beim Elitestatus gescheitert war.

Die rigorose Zuversicht von Markschies war von HU-Angehörigen öffentlich in Zweifel gezogen worden. Vor allem die Begründung, dass die HU nach 1990 faktisch neu gegründet wurde und erst 17 Jahre Zeit für ihre Entwicklung gehabt habe, hatte für Irritationen gesorgt. Gestern musste Markschies vor dem Konzil, dem Parlament der HU, eine Regierungserklärung abgeben.

Markschies bekannte sich dazu, dass im Exzellenzwettbewerb gescheiterte Anträge der HU für Graduiertenschulen und Forschungscluster weiterverfolgt werden sollten. Auch am Zukunftskonzept, das als „mutig“ bewertet worden war, solle festgehalten werden. Teil dieses Konzepts ist das Institut für Lebenswissenschaften. Dieses integrative Konzept sei von den Gutachtern als „modellhafte Struktur“ bewertet worden, weil es Naturwissenschaftler, Mediziner und Geisteswissenschaftler zusammenführe. Die Gutachter hätten an dem Zukunftskonzept jedoch kritisiert, dass die HU nur Pläne für ein integriertes Forschungsinstitut ausgearbeitet habe.

Markschies betonte, mehr als dieses eine Institut im Detail zu entwerfen, sei in der Kürze der Zeit nicht möglich gewesen. Jetzt jedoch wolle die HU diesen Ansatz ausbauen. In Mitte soll ein disziplinübergreifendes Forschungsinstitut für die Geistes- und Sozialwissenschaften entwickelt werden, für die Naturwissenschaftler in Adlershof ein weiteres. Mit detaillierten Plänen dafür wolle die HU in die nächste Runde des Exzellenzwettbewerbs gehen.

Natürlich müsse sich die HU jetzt nach alternativen Finanzierungsmöglichkeiten umsehen, weil sie weit weniger Geld aus dem Exzellenzwettbewerb nach Berlin holen konnte als die FU, erläuterte Markschies. Er setze dabei auf die Zusage von Wissenschaftssenator Jürgen Zöllner, dass die im Exzellenzwettbewerb nicht ausgezeichneten Konzepte für Forschungscluster und Graduiertenschulen mit zehn Millionen Euro jährlich aus Berliner Mitteln gefördert werden sollten. Außerdem hat die HU positive Signale von Stiftern erhalten, die im November eine Humboldt-Stiftung ins Leben rufen wollen. Von Stiftern sei das Ergebnis im Exzellenzwettbewerb vom 19. Oktober mit dem Ausspruch kommentiert worden: „Jetzt erst recht!“

Dieses Motto empfahl Markschies auch Universitätsangehörigen. Auf keinen Fall dürfe die HU jetzt in eine Depression verfallen. In der Aussprache wurde keine Forderung nach Rücktritt des Präsidenten laut. Im Gegenteil. Der Germanist Werner Röcke erklärte: Nach seiner Kenntnis seien die ausgezeichneten Projekte der FU konventioneller als die nicht zum Zuge gekommenen hoch innovativen Projekte der HU. Der Historiker Johannes Helmrath sprach die Sorge aus, dass die FU sich jetzt zum „Protektor der Geistes- und Altertumswissenschaft aufschwingt“. Das sei doch eigentlich ein Charakteristikum der HU.

Röcke bezeichnete es als ausgesprochen problematisch, dass mit dem Scheitern im Elitewettbewerb das „Projekt Humboldt“ als Modell einer Ost-West-Universität beschädigt werde. Markschies entgegnete, die Ost-West-Integration sei bei der Entscheidung nicht berücksichtigt worden. Uwe Schlicht

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