John C. G. Röhl : Kaiserbiograf

Zum 70. Geburtstag des Historikers John C. G. Röhl.

Bernhard Schulz

Das Erscheinen des ersten Bandes der Biografie Wilhelms II. war 1993 eine Sensation. Nie zuvor war der Problemgestalt des letzten deutschen Kaisers auch nur annähernd so viel Aufmerksamkeit zuteil geworden wie seitens des englischen Historikers John C. G. Röhl. Warum auch; galt doch der auftrumpfende Monarch lediglich als „Schattenkaiser“, wie Hans-Ulrich Wehler ihn bezeichnet und damit der Einschätzung einer ganzen deutschen Historikergeneration Ausdruck gegeben hatte. Und stattdessen nun Röhl, der bereits den Jugendjahren Wilhelms knapp 1000 Seiten angedeihen ließ! Acht Jahre später dann 1400 weitere Seiten über lediglich zwölf Jahre Regentschaft, und für den Herbst dieses Jahres ist vom Verlag C. H. Beck ein nochmals umfangreicherer dritter Band angekündigt, der immerhin die verbleibenden 41 Lebensjahre des Protagonisten beschreiben wird.

Was für eine Lebensleistung, was für eine Konzentration auf ein einziges Thema! Mittlerweile hat Röhl ein eigenes Lebensjubiläum erreicht: Morgen feiert er seinen 70. Geburtstag. Geboren in London als Sohn eines deutschen Vaters und einer englischen Mutter, wuchs er zweisprachig auf, zumal seine Eltern getrennt in beiden Heimatländern lebten und arbeiteten. In Cambridge studierte er Geschichte und fand alsbald sein Lebensthema, dem bereits seine erste Buchveröffentlichung 1967 galt.

Zahlreiche Gastprofessuren und Studienaufenthalte markieren eine akademische Karriere, deren Fixpunkt die Universität Sussex blieb, wo er von 1964 bis zur Emeritierung 1999 lehrte und weiterhin als Forschungsprofessor für Deutsche Geschichte geführt wird. Der immer weiter vertiefte Interessenkonflikt zwischen dem Deutschen Reich und der britischen Weltmacht bezeichnet, nicht überraschend, den besonderen Blickwinkel Röhls auf die wilhelminische Epoche.

Unumstritten ist die Lebensleistung Röhls, dessen schier überwältigendes Quellenstudium zahlreiche Legenden über den eigenartigen, womöglich erblich kranken Monarchen zurechtgerückt hat. Aus der Fülle seiner Fundstücke setzt Röhl das beklemmende Bild einer von keiner Instanz kontrollierten Autokratie zusammen, Wilhelms berüchtigtem „Persönlichen Regiment“. Röhls programmatische „Kernthese“, dass „Kaiser und Hof den Mittelpunkt des politischen Systems bildeten“, liegt quer zu den Schlussfolgerungen der hierzulande dominierenden Gesellschaftsgeschichte, die sich seit gut zwanzig Jahren der wilhelminischen Epoche und ihren bürgerlichen und modernen Aspekten angenommen hat. Röhl, der Quellenfanatiker, hat den unerschöpflichen Fundus der Tagebücher, Briefe, Memoranden auf seiner Seite, aus denen er stets ausführlich zitiert. Dem Rankeschen Ideal des „Wie es wirklich gewesen war“ jedenfalls kommt Röhl so nahe, wie es dem Historiker als Biografen überhaupt nur möglich ist.

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