Judenhass abwehren : Was wir aus der Geschichte des Antisemitismus lernen

Antisemitismus lässt sich abwehren. Wie - das lässt sich auch aus der Geschichte vor 1933 lernen, selbst wenn die damalige Aufklärungsarbeit von jüdischen Vereinen ein deprimierendes Ende nahm.

Stefanie Schüler-Springorum
Engagiert. Der Central Verein war die erste jüdische Selbstorganisation gegen den Antisemitismus. Hier Mitarbeiter der „C.V.-Zeitung“, darunter Herbert Sonnenfeld und Hans Oppenheimer.
Engagiert. Der Central Verein war die erste jüdische Selbstorganisation gegen den Antisemitismus. Hier Mitarbeiter der...Foto: Jüdisches Museum Berlin, Ankauf aus Mitteln der Stiftung deutsche Klassenlotterie Berlin

Es ist die Zeit der berühmten Berliner Salons. Gebildete jüdische Frauen der Oberschicht laden zu sich nach Hause ein, um eine geistvolle Geselligkeit zu pflegen, die tendenziell ständische, religiöse und Geschlechtergrenzen aufzuheben scheint. Einigen Zeitgenossen ist dies ein Dorn im Auge. Und so erscheint der Adlige Achim von Arnim an einem Maiabend im Jahre 1811 uneingeladen im Salon von Sara Levy. Er ist schlecht gekleidet und benimmt sich absichtsvoll daneben. Der Neffe von Sara Levy, Moritz Itzig, verlangt eine Entschuldigung. Andernfalls würde er Arnim – zur Verteidigung der Ehre seiner Tante – zum Duell fordern.

Dies lehnt Arnim höhnisch ab: Ein Jude sei nicht satisfaktionsfähig. Daraufhin schlägt Itzig Arnim bei einem Besuch im Badehaus. Er wird verhaftet, aber der anschließende Prozess endet mit einer milden Strafe. Während Arnim nun in der Berliner Öffentlichkeit als Feigling dasteht, gilt Moritz Itzig als männlich-mutiger Held.

Juden haben sich immer aktiv zur Wehr gesetzt

Die Geschichte macht zweierlei deutlich: Juden haben sich immer aktiv, öffentlich und zur Not auch mit Gewalt gegen antijüdische Angriffe zur Wehr gesetzt. Und sie hatten dabei – dies sei nicht vergessen – im 19. Jahrhundert oft die bürgerlich-liberale Öffentlichkeit auf ihrer Seite, vor allem wenn es gegen Adlige ging.

Doch sagt uns diese Episode tatsächlich heute noch etwas? Antisemitismus und die Strategien zu seiner Bekämpfung sind in jüngster Zeit kontrovers diskutiert worden. So wurde kürzlich gefordert, die Antisemitismusforschung möge endlich aus dem Schatten der Geschichtswissenschaft heraustreten, damit man sich mit ganzer Kraft den aktuellen Sorgen zuwenden könne.

Antisemitismus ohne historisches Wissen zu analysieren geht nicht

Der Ansatz aber ist falsch: Wer denkt, Antisemitismus ohne profundes historisches Wissen verstehen zu können, zum Beispiel ohne Kenntnisse seiner christlichen Wurzeln, dessen Analysen stehen auf tönernen Füssen. Und wer nicht glaubt, dass sich auch schon frühere Generationen Gedanken über mögliche Abwehrstrategien gemacht haben, läuft Gefahr, die gleichen Fehler in Endlosschleife zu wiederholen.

Moritz Itzig war nicht der Einzige, der im 19. Jahrhundert Kämpfen als Abwehrstrategie wählte. Die Akten des Universitätsarchivs von Berlin sind voll von Beschwerdebriefen wütender jüdischer Studenten, die vehement Duelle gegen antisemitische Kommilitonen einforderten.

Was die Mutter von Hannah Arendt sagte

Auch jüdische Frauen setzten sich zur Wehr, wenngleich mit anderen Waffen. So mahnte Martha Arendt, gutbürgerliche Ehefrau und Mutter, ihre kleine Tochter Hannah: „Man darf sich nicht ducken! Man muss sich wehren!“, berichtete die große Philosophin in der Rückschau: „Wenn etwa von meinen Lehrern antisemitische Bemerkungen gemacht wurden (…), dann war ich angewiesen, sofort aufzustehen, die Klasse zu verlassen, nach Hause zu kommen, alles genau zu Protokoll zu geben. Dann schrieb meine Mutter einen ihrer vielen eingeschriebenen Briefe (…). Wenn es aber von Kindern kam, habe ich es zu Hause nicht erzählen dürfen. Das galt nicht. Was von Kindern kommt, dagegen wehrt man sich selber.“

Aber auch intellektuell setzten sich Jüdinnen und Juden immer wieder mit dem Antisemitismus auseinander und legten so die Fundamente für das, was wir heute Antisemitismusforschung nennen. Der Berliner Professor für Völkerpsychologie, Moritz Lazarus, meldete sich 1879 zu Wort, als die Judenfeindschaft massiv in die gebildeten Kreise der Stadt vordrang. In einem viel beachteten Vortrag betonte er, dass es gerade der mangelnde Pluralismus sei, der die deutsche Gesellschaft gefährde: „Die wahre Kultur (…) liegt in der Mannigfaltigkeit“, so Lazarus. Dies beinhalte auch, dass es letztlich die Juden selbst seien, die sowohl ihre Zugehörigkeit als auch ihre „Eigenart“ bestimmen: „Was sind wir, Deutsche oder Juden oder beides? (…) Im letzten Grunde können wir allein es am besten wissen, ein anderer kann sagen, wofür er uns hält, wir allein können sagen, was wir sind.“

Selbstbewusstsein gegen nagende Selbstzweifel

Wie weit entfernt erscheint dieses selbstbewusste Postulat für die Beibehaltung einer differenten und eigenständigen jüdischen Kultur in Deutschland von den Berichten nagenden Selbstzweifels und der Apologetik der nächsten Generation!

Gerade dies, Zweifel und Defensivverhalten, wird gern dem Central Verein (CV) vorgeworfen, der ersten jüdischen Selbstorganisation gegen den Antisemitismus, die von 1893 bis 1938 aktiv war. Doch ganz so erfolglos war dieser größte jüdische Verein nicht. Seine Rechtsschutzabteilung etwa bearbeitete vor dem Ersten Weltkrieg ungefähr hundert Fälle pro Jahr und konnte dadurch vor 1914 der übelsten antisemitische Hetze durchaus juristische Grenzen setzen.

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