Jürgen Heschler, Stammzellforscher : "Wir haben viel Zeit verloren"

Maus aus Hautzelle: Der Stammzellforscher Jürgen Hescheler fordert, mit der Aufholjagd zu beginnen.

Hartmut Wewetzer

Zwei chinesischen Forscherteams ist es geglückt, aus genetisch umprogrammierten Hautzellen Mäuse zu züchten. Ist das der endgültige Beweis, dass China als Wissenschaftsnation ganz vorn dabei ist?



Ich bin seit 20 Jahren öfter in China. Was da entstanden ist, ist absolut beeindruckend. Die Forschung konzentriert sich in Peking in einem modernen Stadtviertel ganz in der Nähe zum Olympiazentrum, dort gibt es hochmoderne Labors, die international konkurrenzfähig sind.

Braucht man zur Forschung nicht auch den Mut, Neues auszuprobieren und Autorität infrage zu stellen? Ist dieser Drang in China ausgeprägt genug?

Die Chinesen sind sehr gut im Kopieren, im Studium wird gepaukt und auswendig gelernt. Aber die Wissenschaftler, die jetzt mit den umprogrammierten Zellen, iPS-Zellen genannt, ihre Ergebnisse veröffentlichten, gehören vermutlich zur Gruppe der jungen Forscher, die zurückgekehrt sind, nachdem sie in Ländern wie den USA ausgebildet wurden. Es gibt große Rückholprogramme. Wer nach China zurückkehrt, hat gute Verdienstmöglichkeiten in ausgezeichneten Instituten. Und ist dann auch in der Lage, hervorragende Forschung zu betreiben.

Sind die Ergebnisse auch stichhaltig?

Vor drei Jahren flog der Koreaner Hwang auf, weil er Stammzell-Studien gefälscht hatte.
Die Untersuchungen machen einen guten Eindruck. Die angewandte Technik der tetraploiden Komplimentierung, bei der Zellen mit doppeltem Chromosomensatz erzeugt werden, ist schwierig, aber beherrschbar. Und die Ergebnisse sind realistisch.

Wird durch dieses Verfahren nicht das Klonen erleichtert?

Es ist ähnlich aufwendig wie das Klonverfahren, mit dem 1996 das Klonschaf "Dolly" erzeugt wurde. Man muss zunächst eine künstliche Embryohülle erzeugen, in die dann die iPS-Zelle gespritzt wird. Und dabei hat man viele Fehlversuche. Das Verfahren ist also nicht praktikabel, ganz abgesehen davon, dass so etwas bei uns an menschlichen Zellen verboten wäre. Trotzdem verdeutlicht es, wie wichtig es ist, das reproduktive Klonen, also das "Kopieren" von Menschen, weltweit zu ächten.

Für das Klonschaf Dolly wurde eine entkernte Eizelle benötigt, in der noch Erbmaterial enthalten war. Bei der Maus benötigte man keine Eizelle. Ist sie nun das erste echte Klontier, das nur die Erbinformation aus einer Hautzelle enthält?

Nicht ganz. Zellen aus der Embryohülle gehen ebenfalls in den Embryo ein, wenn auch nur zum geringen Teil.

Sind die iPS-Zellen als gleichwertig mit embryonalen Stammzellen anzusehen?

Leider noch nicht. Was bislang fehlt, ist eine längerfristige Beobachtung der Mäuse. Haben sie bestimmte Krankheiten, weichen sie in Größe und Gewicht ab? Das wären Hinweise darauf, dass es noch ein epigenetisches Gedächtnis in der iPS-Zelle gibt. An sich wird beim Reprogrammieren der Hautzelle zu einer embryonalen Zelle das biochemisch gespeicherte epigenetische Gedächtnis im Zellkern gelöscht. Aber es kann sein, das Teile erhalten bleiben.


Bis zur Anwendung dauert es noch?
Auch deshalb, weil sich aus iPS-Zellen Krebsgeschwülste entwickeln könnten. Das gilt es zu verhindern, indem die Zellen ausgereift werden und dieses gefährliche Potenzial verlieren. In meinem Institut arbeiten wir an der Entwicklung von Herzmuskelzellen aus iPS-Zellen. Im Prinzip sind alle Schritte bekannt, die für eine Therapie erforderlich sind.

Sie können aber nicht sagen, wann es so weit sein wird?

Das hängt auch davon ab, wie stark die Forschung unterstützt wird. Wenn es so weitergeht wie bisher, mit der unkoordinierten Förderung einzelner Labors, dann kann das noch zehn Jahre dauern. Wenn es eine politische Entscheidung geben würde, nach der alle wichtigen Labors zusammengeführt werden, könnte es schon in wenigen Jahren so weit sein, dass wir mit Behandlungsversuchen am Menschen starten können. Wir brauchen auch in der universitären Forschung effiziente Strukturen, wie es sie zum Beispiel bei der Medikamentenentwicklung in der Pharmaindustrie gibt.

Was muss vor der Anwendung am Menschen noch gelöst werden?

Das Reprogrammieren mithilfe von Viren ist nicht ideal, aber jetzt hat Hans Schöler am Max-Planck-Institut in Münster gezeigt, dass das auch mit Eiweißmolekülen gelingt. Ein großer Schritt. Außerdem müssen die richtigen Zelllinien aus den Stammzellen entwickelt werden. Was uns vermutlich nicht mehr plagt, ist die Abstoßungsreaktion. Da die aus iPS-Zellen abgeleiteten organtypischen Zellen, die man einsetzt, genetisch identisch sein werden, dürfte dies gelöst sein.

Wo werden Therapien aus reprogrammierten Stammzellen eingesetzt werden?

Das Herz bietet sich an. Es ist ein vergleichsweise einfach aufgebautes Organ, ein Hohlmuskel, der sich zusammenzieht. Auch denkbar ist der Einsatz von insulinbildenden Zellen für die Zuckerkrankheit, von Leberzellen, Knochen, Knorpel und Haut. Im Gehirn dürfte die Behandlung schwieriger werden, weil die Nervenzellen hier über Kontakte kompliziert verschaltet sind.

Haben Sie schon von embryonalen Stammzellen auf iPS-Zellen umgestellt?

Das Schöne ist, dass wir unsere Erfahrungen mit embryonalen Stammzellen komplett auf iPS-Zellen übertragen können. Es handelt sich in beiden Fällen um stark wandlungsfähige pluripotente Zellen. Die embryonalen Stammzellen brauchen wir aber noch zum Vergleich, bevor wir völlig auf iPS-Zellen umstellen.

Wo steht Deutschland im Vergleich?

Durch die strenge Gesetzgebung haben wir viel Zeit verloren. Das hat die Forschung eingeengt. Wir sind eines der wenigen deutschen Labors, in dem intensiv mit humanen embryonalen Stammzellen gearbeitet wurde. Jetzt ist es schwer, für deutsche Forscher auf iPS-Zellen umzustellen, weil ihnen diese Erfahrung fehlt. Man braucht ein bis zwei Jahre, bis man die Technik beherrscht.

Aber ein Vertreter der katholischen Kirche könnte doch argumentieren: Seht ihr, es geht auch ohne embryonale Zellen, ohne dass Embryonen zerstört werden. Wir hatten also doch recht!

Es geht eben nicht ohne. Man braucht embryonale Zellen, um den Vergleich zu haben und die Technik im Prinzip zu entwickeln. In Zukunft wird man vielleicht ohne sie auskommen, aber im Moment ist das noch nicht möglich.

Vor kurzem wurden Spermien künstlich hergestellt und jetzt gar eine Maus aus einer Hautzelle. Ein unbeteiligter Beobachter könnte das alles für makaber halten.

All diese Entwicklungen sollen letzten Endes kranken Menschen zugute kommen. Denken Sie an den Herzinfarkt. Zwar können Sie die Durchblutung wiederherstellen, aber der Infarkt vernichtet nicht selten 20 bis 30 Prozent des Herzmuskels. Vielleicht können wir eines Tages das zerstörte Gewebe regenerieren. Auch die Spermienzellen sind für die Medizin von Nutzen. Man kann an ihnen studieren, wie Umweltgifte oder Medikamente auf die Fruchtbarkeit des Mannes wirken. Kein unwichtiges Thema.

Das Gespräch führte Hartmut Wewetzer.

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