Jugendpsychologie : Lernen für heute

Kinderpsychiater sind immer öfter mit Schulproblemen konfrontiert. Die Lehranstalt prägt fürs Leben. Muss man daher die Schule "behandeln"?

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Die Einführung der allgemeinen Schulpflicht war eine große soziale Errungenschaft. Kinder müssen seitdem nicht arbeiten, sondern dürfen zusammen mit ihren Altersgenossen aus allen sozialen Schichten Kulturtechniken und ein beträchtliches Faktenwissen erwerben. Doch der Ort, der so segensreiche Wirkung entfalten soll und kann, ist seit Jahrhunderten auch Schauplatz von viel seelischem Leid. „61 von 100 Heranwachsenden, die in der letzten Zeit zu uns in die Ambulanz kamen, hatten ein Problem im Erlebnisraum Schule“, berichtet Matthias von Aster, Kinder- und Jugendpsychiater am Bezirkskrankenhaus Landshut. Insgesamt suchen in der dortigen Ambulanz dreimal so viele Kinder und Jugendliche Hilfe wie noch vor zehn Jahren. Die Schule sei dabei oft Ursache einer seelischen Fehlentwicklung und nicht nur mit deren Folgen befasst, sagt der Kinderpsychiater.

Längst ist sie ein Thema, das nicht nur Eltern und Lehrer, sondern auch Ärzte, Psychologen und Sozialarbeiter beschäftigt. So passte es ganz gut, dass in der letzten Woche eine Tagung über Schule und psychische Entwicklung in einem Krankenhaus, nämlich den DRK-Kliniken Berlin-Westend, stattfand. In unmittelbarer räumlicher Nähe zur Ambulanz der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, die Matthias von Asters Zwillingsbruder Michael leitet, ist dort die Schule am Westend entstanden, in der 21 Kinder zwischen sieben und 14 Jahren unterrichtet werden. Die Kinder, die die staatliche genehmigte Ersatzschule besuchen, hatten vorher meist Einzelunterricht, weil sie wegen ihrer psychischen Probleme in Regelschulen nicht zurechtkamen. Das Ziel ist jedoch, sie dorthin zurückzubegleiten.

Auch wenn die Probleme nicht so massiv sind wie in diesen Fällen, können sie die Biografie eines Menschen und sein Selbstbild entscheidend prägen. Der französische Schriftsteller (und zeitweilige Lehrer) Daniel Pennac kann in seinem kürzlich auf Deutsch erschienenen Buch „Schulkummer“ ein Lied davon singen: „Ich war ein Schulversager“, schreibt er, „und ich war nie etwas anderes gewesen.“ An der Stelle dieses ebenso pauschalen wie brutalen Etiketts steht heute glücklicherweise oft eine differenzierte Diagnose, Lese-Rechtschreib-Schwäche (Legasthenie), Rechenschwäche (Dyskalkulie) oder Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitäts-Syndrom (ADHS).

„Wir vermitteln damit einen schulischen Nachteilsausgleich und erleichtern die Integration“, sagt Matthias von Aster. Als Kind mit Lese-Rechtschreib-Schwäche könnte Daniel Pennac heute eine mildere Bewertung erhoffen.

Zahlreiche Studien weisen darauf hin, dass solche Teilleistungsschwächen, aber auch ADHS eine genetische Grundlage haben. Für von Aster ein zweischneidiges Schwert: „Die Betonung genetischer Ursachen kann entlasten, fördert aber nicht unbedingt die Motivation zur Veränderung.“ Doch Fatalismus wäre fatal, denn man kann durchaus etwas tun: Kinder, bei denen eine Rechenschwäche diagnostiziert wurde, haben zwar im „Hirnscanner“ im Vergleich zu Altersgenossen eine schwächere Aktivität in den Regionen des Frontalhirns, die beim Rechnen besonders gefordert sind. Doch sie können ihre Leistungen durch regelmäßiges Training deutlich verbessern.

Michael von Aster und seine Arbeitsgruppe vom Zentrum für Neurowissenschaften der Uni Zürich haben das mit dem Rechenspiel „Rette Calcularis“ bewiesen, mit dem Grundschüler mit Dyskalkulie fünf Wochen lang täglich 20 Minuten übten. Wie in diesem Alter geistig trainiert wird, das ist für das Gehirn prägend. Nervenverbindungen, die sich als „überflüssig“ erweisen, weil sie nicht benutzt werden, fallen von sechs Jahren an dem Vorgang zum Opfer, den Neurobiologen „Pruning“ (Heckenschneiden) nennen. Umgekehrt werden bestimmte Gene nur „angeschaltet“, wenn die Umweltbedingungen dafür günstig sind. „Die neuronalen Strukturen für unsere Kulturtechniken werden im Grundschulalter ausgebildet“, sagt Michael von Aster. Und folgert: „Der Lehrerberuf ist für die Zukunft unserer Gesellschaft der wichtigste.“

Doch in der Schule sollten nach Ansicht des Bildungs- und Erziehungsforschers Klaus Hurrelmann von der Hertie School of Governance in Berlin nicht nur Lehrer arbeiten. „Wir brauchen mehr als nur die heutigen Fachkräfte an den Schulen. Sie sollte zum Beispiel kein arzt- und pflegefreier Raum sein.“

Sorgen macht Hurrelmann das Fünftel der wirtschaftlich und sozial benachteiligten Schüler. Die von Hurrelmann betreute World-Vision-Kinderstudie, eine repräsentative Befragung von 2500 Kindern zwischen sechs und zwölf Jahren, deren Ergebnisse erst vor wenigen Tagen publiziert wurden, bestätigt: Diejenigen Kinder, die angeben, unter den wirtschaftlichen Schwierigkeiten ihrer Eltern zu leiden, haben in der Schule schlechtere Leistungen und haben eingeengte Freizeitaktivitäten. Bei ihnen spielen elektronische Medien die größte Rolle. „Diese Kinder sehen ganz realistisch, dass sie auf der sozialen Leiter unten stehen. Sie geben sich auf, was die Bildungslaufbahn betrifft. Und wir haben den Eindruck, das hat sich seit unserer ersten Befragung aus dem Jahr 2007 verstärkt.“

Wo die Zuversicht fehlt, durch Lernen das Fundament für ein gutes Erwachsenenleben legen zu können, ist die unmittelbare Motivation umso wichtiger. „Kinder müssen hier und jetzt Erfolge in der Schule erleben, die beflügeln, etwas für heute zu lernen“, folgert Hurrelmann. Er denkt dabei auch an die privilegierten Kinder aus Familien, in denen Bildung einen hohen Stellenwert hat, die sich aber oft unter Druck fühlen, gute Noten nach Hause zu bringen. Das Belohnungssystem des heranreifenden Gehirns mag es dabei viel direkter. Es läuft auf Hochtouren, wenn ein Kind sich sagen kann: Ich hab’s verstanden! Ich kann es allein!

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