Jugendsprache : Die Superdiversen

28.08.2012 00:00 UhrVon Sarah Schaschek
Bad in der Sprache. Großstädte sind Katalysatoren für neue Sprachvarianten wie das Berliner Kiezdeutsch. Es wird mittlerweile auch in Köln, München und Hamburg gesprochen. Die Jugendsprache verbreitet sich vor allem über das Internet, sagen Forscher. Foto: picture alliance / dpa
Bad in der Sprache. Großstädte sind Katalysatoren für neue Sprachvarianten wie das Berliner Kiezdeutsch. Es wird mittlerweile auch in Köln, München und Hamburg gesprochen. Die... - Foto: picture alliance / dpa

Englisch, Türkisch, Deutsch, Arabisch: Wie Jugendliche in Großstädten zwischen Sprachen hin- und herspringen und dadurch Sprache verändern, untersuchen Soziolinguisten. Einen großen Anteil an dem neuen Sprachengewirr haben soziale Netzwerke wie Facebook.

Zwei Däninnen unterhalten sich auf Facebook. Gülden hat ihrer Freundin Jonna versprochen, ein Geschenk zu basteln, ist aber noch nicht dazu gekommen. „Har købt the equipment“, schreibt Gülden („Ich hab schon alles dafür gekauft“). „Tje dig, morok, insAllah“ – „Nur für dich, meine Liebe, so Gott will.“ Zwei Sätze, die die Freundin genau versteht, obwohl darin neben Dänisch auch Englisch, Türkisch und Arabisch vorkommen. Die Antwort folgt prompt und ist ein ebensolcher Sprachcocktail. Allein, hier kommen noch Spanisch und Französisch hinzu. „Gracias, muchas gracias“, schreibt Jonna zurück. Sie warte gespannt. „Jeg wenter shpaendt, madame ;-)) love youuuuu.

Die Frauen selbst würden diese Variation des Dänischen wohl als „Perkersprog“ (Perkersprache) bezeichnen. „Perker“ ist eine in Dänemark oft in rassistischer Absicht gebrauchte Bezeichnung für Menschen aus dem Mittleren Osten, zusammengesetzt aus „Perser“ und „Tyrker“ (Türker). „Perkersprog“ wird aber von Jugendlichen verschiedener Herkunft analog zum deutschen Begriff „Kanak Sprak“ benutzt, um ihren eigenen Slang zu kennzeichnen.

Sprachwissenschaftler sind da genauer. Janus Møller von der Universität Kopenhagen behauptet zum Beispiel, dass die einzelnen Satzfetzen längst keiner Sprache mehr zugeordnet werden können. Manche Wörter, etwa das arabische „inshallah“, haben einen konkreten Ursprung oder gar eine globale Bedeutung. Andere, wie das türkisch-dänische „tje dig“, entstehen erst im mehrsprachlichen Kontext oder ändern dort ihre Bedeutung. „Morok“ nennt man im Arabischen einen alten Mann. Hier ist die Freundin gemeint.

Für Møller ist der Facebook-Dialog Ausdruck radikaler Vielsprachigkeit. Dass die Frauen zwischen Sprachen hin- und herschalten (code-switching), hält er für ihre Art, mit der pluralistischen Gesellschaft umzugehen. „Durch Sprache positionieren wir uns“, sagt er. „Die Sprecherinnen zeigen, wie sie mit ihrer hochpluralistischen Umgebung umgehen.“ In Zeiten von Globalisierung und sogenannter „Superdiversität“ fragen Soziolinguisten wie Møller, was überhaupt noch als Sprache zählt und wie man solche Sprachschöpfungen analysieren kann. Wenn etwa eine Frau in Japan aufgewachsen ist, in Deutschland studiert hat, mit einem finnischen Mann verheiratet ist und in Indien arbeitet: Wie spricht sie dann mit ihren Kindern?

Sprache war nie ein geschlossenes System. Streng genommen hat jeder Mensch seine persönliche Art zu sprechen, und die ändert sich mit jedem Gesprächspartner. Soziolinguisten interessieren sich dafür, welche soziale Bedeutung verschiedene Sprachvariationen haben. Sie tun dies gern anhand von Jugendsprache in großen Städten. William Labov, der als Begründer der Soziolinguistik gilt, hat in den 1960er Jahren in New York untersucht, wie man eine soziale Schicht an ihrer englischen Aussprache erkennt.

Mittlerweile wird in allen großen Städten der Welt Sprachvariation erforscht. Obwohl soziale Faktoren wichtig bleiben, interessieren sich Soziolinguisten im Augenblick besonders für Vielsprachigkeit, die mit der rasanten Migration seit 1990 zusammenhängt.

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