Juristendeutsch : Deutsch-Nachhilfe für Studierende

Doppelte Verneinungen und Worthülsen: Juristendeutsch hat einen schlechten Ruf. Eine Professorin in Wismar verordnet Studierenden Deutsch-Nachhilfe.

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Eine Jura-Studentin schreibt einen Text.
Jura-Studierende ahmen oft das komplizierte Deutsch nach, das sie an der Uni lernen.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Juristendeutsch hat bei Laien einen schlechten Ruf. Wenn Schweriner Ministerialbeamte etwa in einem Gesetzentwurf schreiben, „die Aufgaben der Gewährung von Elterngeld einschließlich der Verfolgung und Ahndung der damit im Zusammenhang stehenden Ordnungswidrigkeiten“ müssten „zum Zwecke einer effektiveren Aufgabenwahrnehmung“ einer bestimmten Behörde überantwortet werden, verlieren ungeübte Leser schnell den Überblick. Die Wismarer Juraprofessorin Jantina Nord will jetzt in ihrer Zunft für besseres Deutsch sorgen.

"Eine rapide nachlassende Sprachkompetenz"

Damit ihre Studierenden an der Fachhochschule Wismar gar nicht erst einen Hang zu doppelten Verneinungen und unnützen Fremdwörtern entwickeln, lässt sie ihnen ab dem Wintersemester Deutschunterricht erteilen. Verunsicherte Studenten neigten dazu, die vielen Worthülsen zu übernehmen, sagt Nord. Und seit einigen Jahren beobachte sie bei ihren Studienanfängern „eine rapide nachlassende Sprachkompetenz“.

Auch für Wirtschaftsjuristen, wie sie an der FH Wismar ausgebildet werden, gehöre es zum soliden Handwerkszeug, Sachverhalte sprachlich detailliert darstellen und sauber argumentieren zu können, sagt Nord. Doch dazu seien immer weniger Abiturienten in der Lage.

Konjunktive bilden - das fällt schwer

Woran es genau hapert, hat die Fachhochschulprofessorin jetzt von dem Linguisten André Meinunger vom Berliner Zentrum für Allgemeine Sprachwissenschaft testen lassen. Unter anderem mussten die Wismarer Studierenden Konjunktive bilden, Negationen auflösen, Substantivierungen ersetzen und ein Interview zusammenfassen. Das Ergebnis der 70 Test-Teilnehmer war ernüchternd. Der Konjunktiv von „er misst“ war für einige „er misste“, für „es gelingt“ gaben sie „es gelingte“ als Konjunktiv an. Insgesamt hatte die Hälfte der Studierenden Probleme mit der Möglichkeitsform. Den Inhalt eines Interviews konnten zwei Drittel inhaltlich „gerade ausreichend“ wiedergeben, sagt Meinunger. Dabei sei bei vielen beispielsweise nicht deutlich geworden, dass es sich um die Aussagen eines Befragten handelte.

Der Sinn von Paragraphen bleibt verschlossen

Für Juristen sei das „eine Katastrophe“, sagt Jantina Nord. Sie müssten in der Lage sein, in einem Schriftsatz in indirekter Rede die Behauptungen eines Klägers wiederzugeben und dies durch den Konjunktiv klar von objektiven Gegebenheiten zu unterscheiden.

Defizite wurden auch beim Wortschatz deutlich. Manche Studenten brachten „verlustig werden“ mit „Lust“ statt mit „Verlust“ in Verbindung. Dadurch blieb ihnen der Sinn einiger Paragrafen des Bürgerlichen Gesetzbuches verborgen. Andere konnten „vermeintlich“, „mutmaßlich“ und „vorgeblich“ nicht unterscheiden – Wörter, mit denen Juristen alltäglich zu tun haben.

Vom nächsten Semester an soll deshalb an der Wismarer Fachhochschule Wirtschaftsjuristen zu Beginn ihres Studiums ein Blockseminar „Sprachkompetenz“ angeboten werden. Linguist Meinunger: „Die Studenten sollen lernen, mit dem Florett der guten Sprache fechten zu können.“

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