Wissen : Juwel im Lebenslauf

Die Repräsentanz der Freien Universität Berlin in Peking vermittelt Praktika in China an Bachelor-Studierende

Ortrun Huber

Ein Praktikum in China ist vieles, aber eines nicht: langweilig. Das erleben Carsten Petersen und Alexander Ney jeden Tag. Die beiden Sinologie-Studenten der Freien Universität Berlin absolvieren seit September 2008 eine sechsmonatige Hospitanz beim amerikanischen Pharmakonzern Wyeth, Standort: Schanghai. Vermittelt hat das Praktikum Thomas Schmidt Dörr. Der Leiter der Repräsentanz der Freien Universität in Peking knüpft seit 2007 Firmenkontakte, um interessierte Studieren de für ein Semester als Hospitanten in China unterzubringen.

Carsten Petersen arbeitet bei Wyeth in der Strategie-Abteilung des Unternehmensbereichs Ernährung. Während des Praktikums beschäftigt sich der gebürtige Sylter vor allem mit kleineren Projekten, formuliert zum Beispiel Profile von Konkurrenten im Markt. „Man kann hier sehr selbstständig arbeiten“, sagt der 24-Jährige. „Erst wenn eine Arbeit komplett fertig ist, bespricht man Änderungen und Verbesserungen mit dem Vorgesetzten.“ Dafür reichen englische Sprachkenntnisse aus. Trotzdem ist die Kommunikation nicht immer einfach, denn nicht alle chinesischen Kollegen sprechen perfekt Englisch. Unklarheiten sind programmiert, doch Petersens Grundkenntnisse in Chinesisch machen vieles leichter.

Auch Alexander Ney findet sich bei Wyeth China gut zurecht. Zusammen mit Vertriebsmitarbeitern besucht er chinesische Krankenhäuser, wo Wyeth-Vertreter den Ärzten verschiedene Medikamente empfehlen. Der Praktikant lernt, wie Fragebögen für die Marktforschung entworfen werden und nimmt an Interviews mit Ärzten teil. In Sachen Sprachkenntnisse wünscht sich der 25-Jährige manchmal ein wenig mehr Neugier bei seinen chinesischen Kollegen. „Bisweilen kommt es zu witzigen Situationen, in denen ich versuche, meine ChinesischKenntnisse anzuwenden, während von chinesischer Seite her vehement Englisch gesprochen wird. Nicht selten ertappe ich mich am Ende eines Arbeitstages dabei, wie ich einen Mix aus Deutsch, Englisch und Chinesisch spreche.“

Chinesisch schreiben, sprechen und lesen haben Carsten Petersen und Alexander Ney binnen zwei Jahren während ihres Bachelor-Studiums „Chinastudien“ an der Freien Universität gelernt. Diese Grundkenntnisse reichen in der Regel, um sich zu unterhalten. Komplexen Gesprächen können die beiden aber noch nicht folgen. Carsten Petersen versucht deshalb, besonders häufig an Besprechungen seiner Abteilung teilzunehmen. „Außerdem sehe ich mir gelegentlich die Internetseite von Wyeth China an, um das Vokabular meines Arbeitsbereiches besser zu verstehen“, sagt der Student.

„Grundsätzlich sind vor allem größere, international agierende Unternehmen daran interessiert, unsere Bachelor-Studierenden für ein längeres Praktikum aufzunehmen“, erklärt Thomas Schmidt-Dörr. Der promovierte Biologe hat außer zu Wyeth China auch Verbindungen zu Siemens China, zur Deutschen Auslandshandelskammer Bejing, zu Lufthansa Beijing, Bertelsmann Asia in Schanghai und Allianz Schanghai aufgenommen. Besonders längere Praktika sind für diese Unternehmen attraktiv, denn die bieten ihnen die Gewähr, dass sie nicht nur in einen Praktikanten investieren, sondern dass man nach der anfänglichen Lernphase auch vom Nachwuchs profitieren kann. Eine Rechnung, die auch für die angehenden Akademiker aufgeht. Denn neben ihren praktischen Erfahrungen sammeln die Bachelor-Studierenden durch den Auslandsaufenthalt auch die notwendigen 30 Leistungspunkte für ihren Studienbereich „Allgemeine Berufsvorbereitung“.

Um den Unternehmen geeignete Kandidaten für ein Praktikum zu präsentieren, hat Thomas Schmidt-Dörr gemeinsam mit den jeweiligen Personalabteilungen Stellenprofile erarbeitet. Diese werden an die geeigneten Institute der Freien Universität – in erster Linie an Wirtschaftswissenschaftler und Sinologen – weitergeleitet, damit diese passende Interessenten auswählen können. Für viele Firmen sind neben Englisch- und Chinesisch-Kenntnissen vor allem gute Studienleistungen von Bedeutung. „Die Studierenden der Freien Universität stehen immer auch in Konkurrenz zu Interessenten, die sich auf anderen Wegen um ein Praktikum bei einem Unternehmen in Schanghai oder Peking bewerben“, erklärt der Leiter der China-Repräsentanz. „Letztlich entscheidet dann das Unternehmen, wer den Platz erhält.“

Im chinesischen Alltag stoßen Carsten Petersen und Alexander Ney immer wieder auf Überraschungen: „Seit unserer Ankunft in Schanghai ist wirklich viel passiert. Der Aufenthalt hat mich über den chinesischen Alltag mehr gelehrt, als es ein Studium in Berlin allein je könnte“, sagt Carsten Petersen. Vieles findet der 24-Jährige ungewöhnlich, etwa die Menschenmassen in der U-Bahn, wo man bisweilen jeden einzelnen Knochen des Nachbarn spürt. Sehr speziell erscheint ihm auch die Eigenart der Chinesen, ständig auf den Boden zu spucken. Und Alexander Ney konstatiert: „Mein bisheriger Eindruck von Schanghai reicht von phänomenal bis katastrophal.“ Ersteres betraf zum Beispiel die Bekanntschaft mit Jeffrey Wong, einem kanadischen Millionär, der seinen Konzern verkaufte, um nun in seiner Heimat klassische Architektur vor der Zerstörung zu retten. Oder auch ein zufälliges Treffen mit Ex-Kanzler Gerhard Schröder. Allerdings kämpften die beiden Berliner, die sich ein Appartement im 10. Stock eines Hochhauses am Schanghaier U-Bahn-Ring teilen, auch mit Wasserschäden, Strom- und Warmwasserausfall.

Ein Praktikum in China sei sicher nicht für jeden Studierenden geeignet, betont auch Thomas Schmidt-Dörr. „Eine stabile Persönlichkeit, gutes Kommunikationsverhalten und ein gewisses Maß an interkultureller Sensibilität sollte man schon mitbringen.“ Daher sei die Zusammenarbeit mit den Fachbereichen und deren Vertretern so wichtig, denn sie kennen die Kandidaten, die sie auswählen, persönlich. „Umgekehrt kann man aber auch sagen, dass der Nutzen eines erfolgreichen halbjährigen Praktikums in China sowohl auf fachlich-beruflicher als auch auf persönlicher Ebene nicht hoch genug bewertet werden kann. Diese Zeit kann für die spätere Arbeitsplatzsuche ein Juwel im Lebenslauf sein.“

Die Studenten sind mit ihrem China-Aufenthalt mehr als zufrieden. „Der Erfolg könnte nicht größer sein“, findet Alexander Ney. Der 25-Jährige hat seine Chinesisch- und Englisch-Kenntnisse aufgebessert und einiges über chinesische Marktforschung gelernt. „Ich habe gute Kontakte geknüpft, die bestimmt nützlich für meine berufliche Laufbahn sind. Und zu guter Letzt habe ich ein paar sehr gute Freunde gewonnen.“

Weiteres im Internet:

www.fu-berlin.org.cn

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