Wissen : Kätzchen suchen, Köpfchen entwickeln

Das erste Buch gibt es beim Kinderarzt: Eine neue Kampagne will das Vorlesen mit Kleinkindern fördern

Dorothee Nolte

Wo hat sich das Kätzchen versteckt? Im Stroh, im Pferdestall, bei den Hühnern? Wer es wissen möchte, muss dicke Pappseiten umblättern und Bilderbuch-Türchen aufklappen. Derart idyllische Bauernhöfe mit vielen Tierarten gibt es zwar in Wirklichkeit kaum, aber dennoch: Kinder lernen viel durch das gemeinsame Anschauen von Büchern und das Vorlesen, und zwar schon im Alter von ein, zwei Jahren. Aha, so große Ohren hat ein Schwein! Und da ist ein kleines gelbes Vögelchen, wie heißt das? Küken!

500 000 Familien in Deutschland werden sich innerhalb der nächsten zwei Jahre auf die Suche nach dem Kätzchen begeben. Denn das kleine Bilderbuch aus dem Ravensburger Verlag ist Teil des „Lesestart-Sets“, das die Stiftung Lesen an gut ein Drittel aller Eltern von Einjährigen verteilen wird, um das Vorlesen schon früh in den Familien zu verankern. Sie werden das Set dort erhalten, wo 95 Prozent von ihnen auch tatsächlich auftauchen: bei ihrem Kinderarzt, zum Zeitpunkt der Vorsorgeuntersuchung U6. Auf diese Weise erreicht das Paket auch Familien, die von sich aus nicht auf die Idee kämen, Bücher zu kaufen oder vorzulesen.

Und das sind viele: 42 Prozent der Eltern von Kindern zwischen 0 und 10 Jahren lesen nur unregelmäßig oder gar nicht vor, hat die bundesweite Studie „Vorlesen in Deutschland 2007“ ergeben. Bei den Eltern mit türkischem Migrationshintergrund sind es sogar 80 Prozent, die ihren Kindern nicht regelmäßig vorlesen. Die Stiftung Lesen möchte mit der neuen, bundesweit größten Leseförderungsmaßnahme für Kleinkinder vor allem klarmachen, dass Vorlesen schon für Kinder im Alter von ein bis zwei Jahren wichtig ist. Denn hier können sie – anders als beim Fernsehen – ganz in ihrem eigenen Rhythmus Bilder begucken, nach Bezeichnungen fragen, Fantasie, Wortschatz und Konzentrationsfähigkeit erweitern.

Neben dem Klapp-Büchlein ist im Lesestart-Set ein Vorleseratgeber enthalten mit Tipps auch auf türkisch und russisch (siehe Kasten), ein Tagebuch „Mein Lesestart“, Buchtipps und Sticker mit dem Maskottchen der Kampagne, einer Känguru-Mama samt Baby und Buch. In Berlin beteiligen sich bislang 106 Kinderärzte. Ein ähnliches Projekt in Sachsen hat zehn Prozent der Eltern angeregt, mit dem Vorlesen anzufangen, und 30 Prozent tun dies nun öfter als vorher. Großes Vorbild ist das englische „Bookstart“-Programm: Dort erhalten alle Eltern neugeborener Babys ein Bookstart-Paket, weitere Pakete folgen zu späteren Zeitpunkten.

Unterstützt wird das Projekt „Lesestart“ von zahlreichen Unternehmen der Druck- und Papierbranche, sowie dem Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte und einer Vielzahl anderer Verbände und Unternehmen. Auch prominente „Botschafter“ wie Schauspieler Sky du Mont oder Boxerin Regina Hallmich hat die Stiftung Lesen um Unterstützung gebeten. Merkwürdig nur die Auswahl der Botschafter: Es sind ausschließlich Prominente aus Film und Fernsehen, Musiker, Models und Unternehmerinnen, die sich, durchaus glaubwürdig, für das Vorlesen stark machen. Kein einziger Autor, Wissenschaftler oder überhaupt Intellektueller war der Stiftung Lesen offenbar attraktiv genug, um an der Seite der telegenen Vorbilder zu werben. Steht es schon so schlimm ums Lesen, dass sich sogar die gleichnamige Stiftung der Buchmenschen schämt, nach dem Motto: bloß keine Brillenträger? Den Einjährigen ist das zum Glück alles egal.Dorothee Nolte

Informationen im Internet:

www.lesestart-deutschland.de

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