Kambodscha : Auf der Flucht mit den Trommeln der Ahnen

Deutsche Archäologen bergen in Kambodscha das reichste Gräberfeld der Vorgeschichte Südostasiens – und glauben, eine Exilkultur entdeckt zu haben.

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Reiche Beute. Bevor 2008 erstmals Bonner Archäologen in Prohear gruben, hatten Einheimische bereits Gold- und Silberschmuck sowie 60 Bronzetrommeln der Dong-Son-Kultur ausgegraben. „Für sie waren wir die Plünderer“, sagt Grabungsleiter Reinecke.
Reiche Beute. Bevor 2008 erstmals Bonner Archäologen in Prohear gruben, hatten Einheimische bereits Gold- und Silberschmuck sowie...Foto: DAI Bonn

Die allererste richtige Straße durchs Dorf war gerade ein Jahr fertig, da kamen Archäologen und rissen sie wieder auf. Die Straße war weit und breit das einzige Stückchen Boden, das noch nicht durchwühlt war: Die Straße ist Gemeindeeigentum, da dürfen die Bewohner des Ortes Prohear im Herzen Kambodschas von Amts wegen nicht graben. Das hatten sie zuvor in ihren angrenzenden Gärten und Äckern reichlich getan.

Die Funde aus ihren Raubgrabungen – Gold- und Silberschmuck, Keramik und Bronzetrommeln – alarmierten Andreas Reinecke von der „Kommission für Archäologie Außereuropäischer Kulturen“ (KAAK) in Bonn, einer Abteilung des Deutschen Archäologischen Instituts (DAI) in Berlin. Nach zwei Grabungen auf der Straße konstatiert der Bonner Archäologe: „Das Ganze ist völlig unnormal, hier kippt Geschichte.“ Prohear avanciert unversehens zur Region mit den kostbarsten Grabfunden Südostasiens und lässt ein Stück Geschichte aufblitzen, von der die Wissenschaft bislang nichts ahnte.

Mit Kambodscha verbindet man landläufig die glanzvollen Königreiche der Khmer und atemberaubende Tempelanlage wie Angkor Wat aus der Zeit vom 9. bis zum 13. Jahrhundert. Aus der Vorgeschichte des hinterindischen Landes zwischen Laos, Vietnam und Thailand hingegen ist wenig bekannt. Die internationale Archäologie interessiert sich nur mäßig für die Länder zwischen den auch historisch dominierenden Staaten China und Indien. Schriftliche Nachrichten aus der Region gibt es nicht, für die Chinesen hausten dort nur Barbaren. Die erste politische Gemeinschaft, die erwähnt wird, ist das nebulöse Reich „Funan“ ab dem dritten Jahrhundert n. Chr.

Andreas Reinecke arbeitet seit 17 Jahren in Südostasien und interessiert sich für jene Gemeinschaftsgebilde, die mangels eines richtigen Namens als „Prä-Funan“ bezeichnet und in die beiden letzten Jahrhunderte vor und das erste Jahrhundert nach unserer Zeitenwende datiert werden. Über seine Kollegen von der Universität in Phnom Penh erfuhr er von Raubgrabungen in einem ausgedehnten Gräberfeld im Dorf Bit Meas in der Nähe von Prohear. Dort kam Reinecke allerdings zu spät; nach den ersten Funden von antikem Schmuck und Keramik hatte der Großbauer seinen Acker für einen Dollar pro Quadratmeter vermietet. Innerhalb einer Woche waren 3000 einheimische Schatzsucher auf dem Feld und plünderten rund 1000 Grabstätten aus: Goldene und vergoldete Ohr- und Fingerringe, Bronzegeräte, Perlen, Keramiken, Silberschmuck und Bronzetrommeln wurden in den internationalen Kunsthandel eingespeist.

Auch in Prohear waren die Dorfbewohner schneller als die Behörden mit der Grabungsgenehmigung für Reinecke. Kong Song zum Beispiel, ein junger Dorfbewohner, hatte aus Bestattungsstätten auf seinem Acker sieben Bronzetrommeln herausgeholt und verkauft. Für die erlösten 300 Dollar kaufte er sich eine Wasserbüffelkuh, die ihm als Arbeitstier auf den Reisfeldern für die nächsten Jahre eine gewisse ökonomische Sicherheit bietet. Die Einwohner sehen sich im Recht, wenn sie Funde verkaufen und müssen in zeitaufwendigen Informationsveranstaltungen vom Sinn der wissenschaftlichen Grabung eingestimmt werden. „Für die waren ja wir die Plünderer“, sagt Reinecke. So konnte er erst 2008 mit dem Aufreißen der Dorfstraße von Prohear beginnen. Einige Männer aus dem Dorf arbeiten auf der Ausgrabung mit, andere verdienen ein paar Dollar durch die Umleitung des Verkehrs über ihre angrenzenden Äcker.

In bislang zwei Grabungskampagnen hat das deutsch-kambodschanische Team 52 Bestattungen unter der Dorfstraße ausgegraben. Bei den Arbeiten sackten Studenten und Helfer oft unvermittelt in den Untergrund. Dann waren sie in einen der zahlreichen Grabtunnel eingebrochen, die die Dorfbewohner bis zu zwei Meter von ihren Äckern unter die gemeindeeigene Straße getrieben hatten. „Die Hälfte ‚unserer’ Gräber war auf diese Weise angenagt“, berichtet Reinecke. Dennoch ist er mit der bisherigen Ausbeute zufrieden. Auch er fand noch reichlich Gold, Halsbänder und Fingerringe, Perlen, Töpfe und einige schlecht erhaltene Skelette. „Prohear ist trotz der Plünderungen mit seinen bislang insgesamt 250 Gräbern das gold- und silberreichste Gräberfeld der Vorgeschichte, das wir in Südostasien haben“, resümiert der Ausgräber und ergänzt: „Da muss man sich schon fragen, wie kommt das?“ Die Gegend zählt heute zu den ärmsten des Landes und gehörte auch früher nie zu internationalen Handelsnetzen.

Die Frage verschärft sich durch eine spezielle Fundgattung in den Gräbern: die Bronzetrommeln. Reinecke selbst hat nur eine intakte Trommel und einige Fragmente gefunden, die Dorfbewohner aber holten nach ihren Angaben ein halbes Hundert aus dem Untergrund. Die Instrumente sind bis zu einem Meter groß, aber durch ihre nur millimeterdicken Wände relativ leicht. Kunstvoll mit Ornamenten oder figürlichen Darstellungen geschmückt, geben sie Auskunft über ihre Herkunftsregion.

Im ersten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung tauchen diese Trommeln ziemlich unvermittelt in ganz Südostasien auf. Allerdings waren es bislang sehr sporadische Funde. Allein in den beiden Orten Prohear und Bit Meas wurden jetzt an die 60 solcher Geräte bei Raubgrabungen gefunden, das sei mehr als die Archäologie vor 15 Jahren aus der ganzen Region kannte, sagt Reinecke.

Die Bronzetrommeln lassen sich kulturgeschichtlich gut eingrenzen, sie sind das Flaggschiff der Dong-Son-Kultur in Nordvietnam und der Dian-Kultur in Südchina. Der Bonner Archäologe ist sich sicher, dass diese Trommeln kein Handelsgut waren, sondern quasi die Wappen einer Eliteschicht: „Die wurden nach der Fertigstellung extra geweiht, spielten eine große Rolle im gesellschaftlichen wie familiären Leben und wurden von Generation zu Generation weitergegeben. Nicht umsonst finden wir sie nur in Gräbern.“ Ein regionales Sprichwort lautet denn auch: „Wer keine Trommel hat, ist außerstande, seine Ahnen zu rufen.“

Reichlich Gold, Silber und mythisch aufgeladene Bronzetrommeln – warum gerade hier in Prohear? Hier kommt nun ein völlig neuer Aspekt ins Spiel, der nicht älter ist als die Reinecke-Grabung selbst.

Der Ausgräber bezeichnet ihn ausdrücklich als Spekulation, verweist aber dezidiert auf neue oder bislang nicht beachtete Funde und Befunde, die sein Gedankengebäude absichern: Gegen Ende des zweiten vorchristlichen Jahrhunderts wollten die Chinesen der Westlichen Han-Dynastie eine „eigene Seidenstraße“ (nach Indien) eröffnen. Dafür eroberten sie stetig und nachhaltig Nordvietnam mit seiner Dong-Son-Kultur und die heute südchinesischen Gebiete der Dian-Kultur. Einheimische Fürsten, die dabei kooperierten, wurden per Siegelring als Vasallen bestätigt. Wer Widerstand leistete, wurde vernichtet.

Die beiden Varianten sind in chinesischen Quellen überliefert. Als dritte Möglichkeit, über die nicht berichtet wird, blieb den einheimischen Eliten offenbar das Exil. Reinecke sieht eine „große Auswanderung samt Familie und Bronzetrommel“ nach Süden, in die Region Prohear: „Dies ist ein Friedhof der Eliten, die vor den Chinesen geflohen sind“, glaubt der Bonner Archäologe.

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