Wissen : Kap der neuen Hoffnung

Immer mehr Aidspatienten in Südafrika bekommen Medikamente. Doch die Therapie ist bedroht

Kai Kupferschmidt[Kapstadt]
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Warten auf Besserung. Mncedisi Tola hat Aids. Vor wenigen Jahren wäre das sein sicherer Tod gewesen. Heute erhält er...

Mncedisi Tola hat Aids. Im Hospiz „Saint Luke“ nahe Kapstadt liegt er in einem kargen Raum, dessen Wände kränklich gelb leuchten. Unter der Bettdecke zeichnen sich seine abgemagerten Gliedmaßen ab. Auf seinem linken Arm hat sich eine Infektion ausgebreitet. Er kann kaum sprechen. Jede Bewegung bereitet ihm Schmerzen. Aber Tola kann sich glücklich schätzen. Noch vor wenigen Jahren wäre er vermutlich in diesem Bett gestorben.

Wenn das Immunschwäche-Virus HIV den Kampf gegen den Menschen erst einmal gewonnen hat, bröckelt es an allen Fronten. Eigentlich harmlose Erreger überrennen das hilflose Immunsystem, die Viren befallen die Nerven, es können Tumoren entstehen, manche Patienten leiden an einer Demenz.

„Früher hat man diese Patienten vor den eigenen Augen langsam verschwinden sehen“, sagt Bongi Sipamla, die einzige Ärztin im Hospiz. Sie belebt die triste Umgebung wie ein Farbklecks einen Schwarz-WeißFilm. Auf blauen Sandalen mit Absatz stolziert sie durch den Flur, ein Fußring glänzt an ihren Zehen. Aus ihrem Stirnband explodieren schwarze Haare. Ursprünglich habe man hier vor allem Sterbebegleitung angeboten, erklärt Sipamla. Inzwischen könne Menschen wie Tola aber mit Medikamenten geholfen werden. Manche nennen es den Lazarus-Effekt. „Die Menschen kommen hierher, um zu sterben, und zwei Wochen später können sie nach Hause gehen und wieder anfangen, zu arbeiten“, sagt Sipamla.

Als 1996 die Kombinationstherapie mit antiretroviralen Medikamenten verfügbar wurde, änderte das das Schicksal HIV-infizierter Menschen in reichen Ländern radikal. Aids wurde behandelbar, eine schwere Krankheit, aber kein Todesurteil mehr. „Es war klar, dass diese Medikamente auf lange Zeit nicht für Afrika zur Verfügung stehen würden“, sagt Christoph Benn vom globalen Fonds zur Bekämpfung von Aids, Malaria und Tuberkulose. „Dafür waren sie einfach zu teuer.“ Eine Solidaritätsbewegung entstand.

„Die Menschen im Westen, die mit HIV infiziert waren, sagten, wir fordern das gleiche Recht auf Leben, das für uns gilt, auch für Menschen in anderen Ländern“, erinnert sich Benn. Der HIV-infizierte Aidsaktivist Zackie Achmat verzichtete so lange auf seine eigene Behandlung, bis die Medikamente auch ärmeren Menschen zugänglich gemacht wurden. Der internationale Druck auf die Pharmaindustrie führte 2001 zur Aufhebung der Patente.

Inzwischen ist die antiretrovirale Behandlung in Südafrika weit verbreitet. Schätzungsweise 460 000 Menschen erhalten die Medikamente. Dadurch wird nicht nur das Leben der Patienten verlängert. Weil die Behandlung die Zahl der Viren im Körper drastisch senkt, verringert sich auch die Gefahr, andere Menschen zu infizieren. Außerdem gibt die Behandlung vielen Menschen überhaupt erst einen Grund, sich auf HIV testen zu lassen. „Früher haben viele Menschen in armen Ländern gesagt: Was habe ich denn davon, herauszufinden, dass ich HIV-positiv bin? Dann weiß ich nur, dass ich bald sterben werde“, sagt Jürgen Rockstroh, der Präsident der deutschen Aids-Gesellschaft. „Jetzt wissen die Menschen, wenn ein HIV-Test positiv ausfällt, kann ihnen auch geholfen werden. Es gibt wieder die Chance auf ein Weiterleben.“

Insgesamt ist Südafrika also einen guten Schritt vorangekommen, die Zahl der Neuinfektionen sinkt. Für Euphorie gibt es dennoch keinen Anlass. Dafür sind die Herausforderungen zu vielfältig, die Zahlen immer noch zu erschreckend. Nach wie vor wird die Welt von einer HIV-Epidemie erschüttert und Südafrika ist das Epizentrum. Sechs Millionen Menschen leben hier mit dem Virus, etwa jeder achte Bürger. In manchen Landesteilen sind 40 Prozent der Bevölkerung HIV-positiv. Jeden Tag stecken sich 1500 Menschen mit dem Virus an. 460 000 Menschen werden zwar behandelt, insgesamt benötigen aber etwa 1,7 Millionen Menschen die antiretrovirale Therapie. Sie wissen es nur nicht.

„Das größte Problem ist, dass die Leute sich nicht testen lassen“, sagt Sipamla. Die meisten Patienten kämen erst, wenn sie merkten, dass sie todkrank seien. „Daran ist vor allem die Stigmatisierung schuld. Die Stigmatisierung bringt die Leute um“, sagt sie.

Das hat inzwischen auch der südafrikanische Präsident begriffen. In einer viel beachteten Rede zum Weltaidstag in der vergangenen Woche sagte Jacob Zuma: „Es soll keine Schande mehr geben, keine Anschuldigung, keine Diskriminierung, kein Stigma.“ Gleichzeitig kündigte er an, noch mehr Menschen behandeln zu wollen. Bisher bekamen in Südafrika nur die Menschen Medikamente, die weniger als 200 T-Helferzellen (CD4-Zellen) pro Mikroliter Blut aufweisen. Gesunde Menschen haben in der Regel mehr als 800 dieser Immunzellen pro Mikroliter, aber HIV tötet die Zellen und verursacht so die Symptome der Aidserkrankung. Nun soll bereits bei 350 T-Helferzellen pro Mikroliter mit einer Therapie begonnen werden.

„Medizinisch ist das sicher auch sinnvoll“, sagt Carol Cragg. Sie arbeitet am größten Behandlungszentrum für Aidspatienten in Khayelitsha, einem Elendsviertel vor den Toren Kapstadts. Die meisten Menschen die in Südafrika an Aids leiden, haben sich auch mit Tuberkulose angesteckt. „Der Körper kann sich nur mit mindestens 350 CD4-T-Zellen pro Mikroliter Blut erfolgreich dagegen wehren“, sagt sie. Sie glaube aber nicht, dass die finanziellen Dimensionen den Verantwortlichen klar seien.

Denn zu den 1,7 Millionen kommen so noch einmal etwa eine halbe Million Menschen hinzu, die behandelt werden müssen. Dabei befindet sich Südafrika gerade zum ersten Mal seit dem Ende der Apartheid in einer Rezession. Viele Programme können ohnehin nur durch internationale Unterstützung finanziert werden. Die Mittel, die für den Kampf gegen Aids zur Verfügung stehen, haben sich in den letzten Jahren zwar vervielfacht. 2001 wurden weltweit etwa 1,5 Milliarden US-Dollar für den Kampf gegen HIV ausgegeben. Im Jahr 2008 waren es fast 14 Milliarden.

Aber ob dieser Trend in der Weltwirtschaftskrise anhält, ist ungewiss. Einer der wichtigsten Geldgeber ist der globale Fonds zur Bekämpfung von Aids, Malaria und Tuberkulose. Er wurde 2002 gegründet, um mehr Geld für den Kampf gegen Aids zu mobilisieren. Weltweit finanziert er unter anderem die Behandlung von 2,5 Millionen Aidspatienten. Schon jetzt sind aber die Projekte, die in der letzten Runde bewilligt wurden, um zehn Prozent gekürzt worden.

Hinter den Kulissen wird heftig darum gefeilscht, wie viel Geld der Fonds in den nächsten drei Jahren zur Verfügung haben wird. Im Oktober 2010 wird vermutlich im Hauptquartier der UNO in New York die entscheidende Konferenz stattfinden, bei der die Geber ihre Zusagen machen. Dabei sieht Benn Deutschland in einer entscheidenden Position. „Als Deutschland 2007 seinen Beitrag verdoppelt hat, hat das auch auf andere Länder einen großen Effekt gehabt“, sagt er. Es müsse in jedem Fall verhindert werden, dass Menschen die nun eine Therapie begonnen hätten, plötzlich wieder ohne Medikamente dastehen. „Das wäre eine Katastrophe“, sagt Benn.

Afrikas Kampf gegen Aids kostet aber nicht nur Geld. Die Beteiligten kostet er vor allem Nerven. Viele Ärzte wollen nicht in den Elendsvierteln des Landes wirken. „Wir sind alle überarbeitet und überfordert“, sagt auch Sipamla. Fortgehen wolle sie trotzdem nicht. „Ich will da arbeiten, wo ich auch gebraucht werde.“

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