Kardiologie : Entwarnung für cholesterinsenkendes Medikament

Vollständige klinische Daten sowie eine Metaanalyse wiedersprechen anfänglicher Hysterie.

Alison Abbott

Für bestimmte cholesterinsenkende Medikamente, die in Zusammenhang mit einer Krebshysterie standen, ist durch Epidemiologen, die Resultate zweier laufender klinischer Studien verwendeten, Entwarnung gegeben worden.

Die Metaanalyse unter der Leitung von Richard Peto von der University of Oxford wurde online im New England Journal of Medicine (1) veröffentlicht, zusammen mit den Resultaten einer Studie, die zunächst Bedenken aufkommen ließ. Die Daten wurden ebenfalls auf dem Kongress der European Society of Cardiology in München vorgestellt.

Frühere Ergebnisse einer relativ kleinen Studie mit der Bezeichnung SEAS hatten im Juli eine Krebshysterie ausgelöst. Die Studie war darauf angelegt zu untersuchen, ob eine Kombination der beiden Cholesterinsenker Simvastatin und Ezetimibe in Fällen von Aortenstenose, wo eine Herzklappe teilweise blockiert wird, hilfreich ist.

Simvastatin, ein Statin, das bereits in anderen Medikamenten enthalten ist, hemmt die Cholesterinsynthese im Körper. Das neuere Ezetimibe wirkt, indem es die Aufnahme von Cholesterin hemmt. In einer unüblichen Verlautbarung vor Veröffentlichung der SEAS-Studie hieß es, dass bei den behandelten Patienten Krebs mit größerer Häufigkeit auftritt, während die Therapie keinen großen Nutzen bei Aortenstenose hat.

In der Studie wurden 1873 Patienten in sieben europäischen Ländern mit leichter oder moderater Aortenstenose entweder mit einer Kombination der Medikamente oder mit Plazebo behandelt und mindestens vier Jahre lang beobachtet. Der Progress der Stenose schien von der Behandlung unbeeinflusst, wenngleich weniger Patienten aus der Medikamenten-Gruppe in diesem Zeitraum eine Bypassoperation brauchten. Jedoch entwickelten 105 Patienten dieser Gruppe innerhalb von vier Jahren ein Krebserkrankung, hingegen nur 70 Patienten der Plazebo-Gruppe.

Wenn in einer klinischen Studie ernste Sicherheitsbedenken auftreten, sind die Sponsoren - in diesem Fall die Unternehmen Merck und Schering-Plough, die die Medikamentenkombination unter den Handelsnamen Vytorin und Inegy vertreiben - gefordert, die US Federal Drug Administration (FDA) und andere nationale Behörden innerhalb von 15 Tagen zu informieren. Die FDA und European Medicine Authority wurden daher am 21. Juli über die beobachteten Krebsfälle unterrichtet.

"Zufällig war dies auch der Tag, an dem Merck und Schering die Börse über den Fortgang der Studie informieren mussten", sagt Terje Pedersen, Kardiologe am Ulleval Universitätsklinikum in Oslo und einer der Leiter der Studie. "Wie entschieden daher, selbst mit den Daten an die Öffentlichkeit zu gehen, ohne die vollständigen Daten der Studie abzuwarten." Er sagt, er sei von dem folgenden Medienaufruhr nicht überrascht gewesen. "Krebs ist ein sensibles Thema."

Keine Überraschungen

Pedersen sagt jedoch auch, dass er nicht überrascht gewesen sei, als sich die scheinbare Assoziation als statistisches Leuchtfeuer (2) erwies, da die Stichprobengröße der SEAS-Studie zu klein gewesen sei, um geringe Risikozunahmen mit einiger Sicherheit aufzudecken.

Der Medienaufruhr und der damit verbundene politische Druck veranlasste die Verantwortlichen zweier großer laufender doppelblinder klinischer Studien, die Ezetimibe einbeziehen, zu dem unüblichen Schritt die Verblindung etliche Jahre bevor die Studien enden sollen aufzuheben. Sie stellten Daten zum Auftreten von Krebs für Analysen zur Verfügung.

Diese beiden Studien waren die in Großbritannien durchgeführte Study of Heart and Renal Protection (SHARP) mit 9264 Patienten und der Improved Reduction of Outcomes: Vytorin Efficacy International Trial (IMPROVE-IT) in den USA mit bislang 11.353 Patienten. Eine Verbindung zu Krebs wurde in diesen größeren Studien nicht beobachtet.

"Ich denke, viele von uns sind der Ansicht, dass die Dinge mittlerweile zu weit gehen", sagt Rory Collins, Epidemiologe aus Oxford und einer der Autoren des NEJM-Papers. "Noch vor ein paar Jahren hätten Aufsichtskomitees niemals zugestimmt, die Verblindung einer klinischen Studie aufzuheben." Er merkt jedoch an, dass klinische Studien immer ausgefeilter werden und die Verantwortlichen so viele Informationen aus ihnen ziehen wie möglich - und manchmal Opfer ihres eigenen Erfolgs werden. "Wenn man eine Studie hart genug in die Zange nimmt, wird sie sprichwörtlich gesagt unter Folter gestehen - doch das Geständnis ist das Papier nicht wert, auf dem es verfasst wurde."

In anderen kleinen Studien mit lipidreduzierenden Medikamenten kamen Bedenken hinsichtlich Krebs auf, sagt er, doch diese Assoziationen verschwanden in statistisch relevanten Studien.

Nichts desto weniger gibt ein Editorial im NEJM (3) keine umfassende Entwarnung für Ezetimibe. Es bringt zur Sprache, dass diese Medikamentengruppe theoretisch die Aufnahme weiterer Moleküle neben Cholesterin hemmen und Auswirkungen auf die Krebsentstehung haben könnte.

Dan Atar, Kardiologe am Aker Universitätsklinikum in Oslo, der nicht an der Studie beteiligt war, merkt an, dass lipidreduzierende Medikamente bei der Behandlung kardiovaskulärer Erkrankungen eine wichtige Rolle spielen, aber nicht jeder die gut untersuchte Medikamentengruppe der Statine, zu denen Simvastatin gehört, toleriert.

(1) Peto, R. et al. N. Engl. J. Med. published online 2 September 2008 (doi:10.1056/NEJMsa0806603).
(2) Rossebø, A.B. et al. N. Engl. J. Med. published online 2 September 2008 (doi:10.1056/NEJMoa0804602).
(3) Drazen, J.M. et al. N. Engl. J. Med. published online 2 September 2008 (doi:10.1056/NEJMe0807200).

Dieser Artikel wurde erstmals am 2.9.2008 bei news@nature.com veröffentlicht. doi: 10.1038/news.2008.1076. Übersetzung: Sonja Hinte. © 2007, Macmillan Publishers Ltd

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