Wissen : Karrieren mit Knick

Frauen kommen an Hochschulen kaum nach oben

Tilmann Warnecke

Eine Frau, die eine Universität leitet? Eine Forscherin, die die Geschicke eines außeruniversitären Instituts in einer Führungsposition maßgeblich bestimmt? Das klingt nach einem Normalfall, in Deutschland aber kommt das noch immer äußerst selten vor. Nicht einmal zehn Prozent aller Hochschulen werden von Frauen geleitet, an außeruniversitären Instituten sieht die Situation noch schlechter aus: Hier sind nur 7,2 Prozent der Führungspositionen von Frauen besetzt.

Das ist das Ergebnis der jüngsten Studie von Bund und Ländern zur Chancengleichheit in der Wissenschaft, die jetzt zum elften Mal veröffentlicht wurde. Die aktuellen Zahlen – herausgegeben noch von der Bund-Länder-Kommission für Bildungsplanung, die seit Januar als „Gemeinsame Wissenschaftskommission“ firmiert – beziehen sich auf das Jahr 2006. Innerhalb eines Jahres konnten die Statistiker nur marginale Fortschritte verzeichnen: Der Anteil von Frauen in Führungspositionen in der Wissenschaft stieg gegenüber 2005 um nicht einmal einen Prozentpunkt. „Das Ziel der gleichberechtigten Teilhabe ist noch nicht erreicht“, resümiert der Bericht.

Wie schwer sich die deutsche Wissenschaft noch immer mit der Gleichstellung von Frauen und Männern tut, zeigen auch Zahlen zur Professorenschaft. 14,9 Prozent der knapp 38 000 Professuren in Deutschland waren 2006 mit Frauen besetzt – nur ein halber Prozentpunkt mehr als 2005. Unter den Professoren mit der höchsten Besoldungsstufe sind noch einmal deutlich weniger Frauen als Männer. Dass sich dringend etwas ändern muss, haben auch die Wissenschaftsorganisationen erkannt. Der Wissenschaftsrat verabschiedete im letzten Sommer Empfehlungen, wie Frauen besser gefördert werden können. Die Spitzen der großen Forschungsgemeinschaften drängen zunehmend auf eine Quote. Auf Antrag der Grünen will auch der Bundestag im Februar Experten zum Thema Gleichstellung in der Wissenschaft befragen.

Die aktuellen Zahlen zeigen, dass Frauen im Wissenschaftsbetrieb frühzeitig auf hohe Hürden stoßen. Zu Studienbeginn sitzen noch fast genauso viele Frauen wie Männer in den Hörsälen – wobei der Anteil der Studentinnen in den letzten Jahren um einige Punkte auf jetzt 48,8 Prozent zurückgegangen ist. Das ist womöglich eine Folge der Einführung der Studiengebühren in mehreren Länder, wie eine Studie des Hochschulinformations-Systems zeigte: Demnach werden Frauen durch Gebühren mehr abgeschreckt als Männer.

Anteil der Frauen geht schon bei der Promotion zurück

Bereits bei der Promotion hat sich das Verhältnis dann aber zugunsten der Männer verschoben. Der Anteil der Frauen an den Promotionen lag im Jahr 2005 bei 39,6 Prozent, die Zahl stagnierte im Vergleich zum Vorjahr. Besonders gering ist der Frauenanteil unter den Promovierten in den Ingenieurwissenschaften (13,6 Prozent). In den Sprach- und Kulturwissenschaften liegt er dagegen bei 49,1 Prozent, in der Kunstwissenschaft sogar bei 63 Prozent.

Gleichwohl ist auch in den Geisteswissenschaften zu diesem Zeitpunkt ein deutlicher Karriereknick für Frauen zu verzeichnen. In den Sprach- und Kulturwissenschaften, wo im ersten Semester fast drei Viertel der Studierenden Frauen sind, sinkt etwa der Anteil bis zur Promotion allein um fast ein Drittel. Von den Professuren in diesem Bereich ist dann nur noch gut ein Fünftel von Frauen besetzt. „Fächer mit einem hohen Frauenanteil verlieren auch besonders viele Frauen im Laufe der wissenschaftlichen Karriere“, heißt es in der Studie.

Insgesamt habilitierten sich 2005 in Deutschland 460 Frauen, fast 60 weniger als im Jahr davor. Da sich auch weniger Männer in dem Zeitraum habilitierten, bleibt der Frauenanteil an den Habilitationen konstant bei 23 Prozent. Als positives Zeichen wertet die Studie, dass Frauen immer öfter in der Berufungsverfahren für Professuren vertreten und dort auch vergleichsweise erfolgreich seien: Im Durchschnitt ging jede fünfte Professur und jede dritte Juniorprofessur, die 2005 neu zu besetzen war, an eine Frau.

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