Katastrophenschutz : Rechtzeitig alarmiert

Früher gab es überall Sirenen - doch die sind inzwischen an vielen Orten wieder abgebaut worden. Bei Gefahr soll nun per Rundfunk, Rauchmelder, Handy oder Hupe gewarnt werden.

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Brandgefährlich. Im Katastrophenfall muss die Bevölkerung rasch gewarnt werden, Forscher arbeiten an verschiedenen Alarmsystemen. Das Foto zeigt einen Brand bei einer Chemiefirma nahe Rotterdam.
Brandgefährlich. Im Katastrophenfall muss die Bevölkerung rasch gewarnt werden, Forscher arbeiten an verschiedenen Alarmsystemen....Foto: picture alliance / dpa

Es ist keine Nacht wie jede andere. Kurz nach Mitternacht kommt es in der Chemieanlage zu einem Unfall, giftiges Gas entweicht und wird in Richtung Stadt geweht. Die Bevölkerung muss gewarnt werden. Aber wie, zu nachtschlafender Zeit? Da könnten Sirenen helfen, wie sie während des Kalten Krieges zu Zehntausenden aufgebaut wurden. Doch der Großteil davon wurde nach der Wende, auch aus Kostengründen, stillgelegt – anders als etwa in Österreich oder der Schweiz.

Doch nach wie vor gibt es auch in Deutschland Gefahrensituationen, in denen die Menschen gewarnt werden müssen: Großbrände, Hochwasser, auch terroristische Anschläge sind denkbar. Experten arbeiten daher an Systemen, mit denen die „letzte Meile“ zwischen gut informierten Katastrophenschützern und der nichtsahnenden Bevölkerung überbrückt werden kann.

Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe setzt vor allem auf elektronische Medien. Über einen Satelliten werden Nachrichtenbänder an Fernsehsender und Durchsagen an den Hörfunk gesendet, die ins Bild eingeblendet oder im laufenden Programm übermittelt werden müssen. Bei diesem mit „Satwas“ abgekürzten Satelliten-Warn-System sind auch die Deutsche Bahn und der Internetanbieter T-Online beteiligt, so dass eine umfassende Warnung der Bevölkerung anscheinend gesichert ist. Allerdings nur für den, der Fernseher oder Radio angeschaltet hat, gerade im Internet surft oder am Bahnhof auf seinen Zug wartet. Nachts, wenn die meisten schlafen, funktioniert das nur schlecht. Und was passiert eigentlich, wenn ein Blackout wie am 15. November 2012 große Teile Münchens für beinahe eine Stunde von der Stromversorgung abschneidet? Dann bleibt der Bildschirm schwarz. Aus solchen Gründen gibt es weitere Überlegungen, wie die Bevölkerung besser gewarnt werden könnte.

Ein Vorschlag zielt auf die Rauchmelder, die in einigen Bundesländern bereits für alle Haushalte verpflichtend sind. In diese Geräte lässt sich einfach ein Funkempfänger einbauen, der wiederum auf ein Alarmsignal der zuständigen Behörde reagiert und Tag und Nacht mit einem Warnton die Bewohner alarmieren kann. Im Prinzip funktioniert das Ganze also wie eine Mini-Sirene, die in Haushalten warnt.

Allerdings kann es gut sein, dass die Rauchmelder nicht alle betriebsbereit sind, vermutet Guido Huppertz, der sich am Fraunhofer-Institut für Naturwissenschaftlich-Technische Trendanalysen in Euskirchen mit Warnsystemen beschäftigt: „Nicht immer tauscht der Besitzer rechtzeitig die Batterie aus, die Energie für solche Rauchmelder liefert.“ Hinzu kommt, dass bislang nur jede dritte Wohnung damit ausgestattet ist.

Für eine flächendeckende Warnung sind eher Mobiltelefone geeignet. So könnten Katastrophenwarner eine SMS an alle Mobiltelefone schicken, die sich innerhalb einer gefährdeten Region befinden. Über eine bloße Warnung hinaus könnten Verhaltensregeln wie „Fenster schließen“ bei einem Chemiegasunfall oder „Stromkästen im Untergeschoss bei drohendem Hochwasser vom Netz trennen“ übermittelt werden. Abgesehen davon, dass viele ihr Mobiltelefon nachts nicht auf den Nachttisch legen, gebe es noch ein weiteres Problem, sagt Huppertz: „Für einen Massen-SMS-Versand reichen die Kapazitäten einfach nicht aus“, fasst er eine Studie zusammen.

Immerhin hat sein Kollege Ulrich Meissen vom Fraunhofer-Institut für Offene Kommunikationssysteme (Fokus) in Berlin bereits ein „Katwarn“ genanntes System aufgebaut. Da sich die Teilnehmer dafür anmelden müssen und aller Erfahrung nach allenfalls zehn Prozent mitmachen, ist die Kapazität der Netze dafür ausreichend. Die Idee: Die teilnehmenden Nutzer informieren im Katastrophenfall ihre Nachbarn oder Arbeitskollegen.

Der Fraunhofer-Forscher Huppertz verfolgt allerdings noch ein anderes Konzept, das seiner Meinung nach die Betroffenen gut erreicht und dennoch verhältnismäßig geringe Kosten verursacht. Von 2015 an soll in der Europäischen Union die Rettung von Autounfallopfern mit einem „eCall“ genannten Notrufsystem verbessert werden. Dazu wird in jeden Neuwagen ein kleines Gerät eingebaut, das ein einfaches Satellitenortungssystem und eine Funkeinheit besitzt. Wird bei einem schweren Unfall ein Airbag ausgelöst und reagiert der Fahrer nicht auf eine Anfrage des Geräts, wird automatisch die Position des Autos und seine ursprüngliche Fahrtrichtung an die nächste Rettungsleitstelle übermittelt.

Neben diesem Gerät will Huppertz zusätzlich einen Funkempfänger ohne Sender einbauen und eine vorhandene Steuereinheit verändern. Bei einer drohenden Katastrophe kann diese Einheit über das vorhandene Warnsystem „Satwas“ der amtlichen Katastrophenschützer aktiviert werden und die Hupe des Fahrzeugs starten.

„Damit die Fahrer hinterm Steuer nicht erschreckt werden, sollen nur parkende Autos alarmiert werden“, erläutert der Forscher. Um Verwechslungen mit einem Autokorso bei einer Hochzeit oder nach einem gewonnenen Fußballspiel zu vermeiden, steuert das Modul die Hupe so, dass nicht die normale Hupe, sondern der auf- und abschwellende Ton einer Sirene ertönt. „Wenn dann überall in der Straße parkende Autos losheulen, werden sicher viel mehr Menschen als über das Handy alarmiert“, sagt Huppertz.

Er hat das Konzept auf alle denkbaren Einwände hin untersucht. So müssen laut Statistik gerade einmal 14 Prozent aller zugelassenen Autos den Alarm weitergeben, um Schlafende besser als mit dem früher verbreiteten Sirenensystem zu wecken. Da auf dem flachen Land viel mehr Menschen ein Auto fahren als in der Großstadt und die Dorfbewohner ihr Auto auch zwangsläufig zu den meisten täglichen Aktivitäten vom Job übers Einkaufen bis zum Waldspaziergang mitnehmen oder es zumindest in Hörweite steht, funktioniert der Alarm auch in dünn besiedelten Gegenden.

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