Kinderbetreuung : Mengenlehre im Matsch

Ein- bis Dreijährige außer Haus betreuen lassen? Gut muss die Kita sein, dann lernen die Kleinen fürs Leben.

Adelheid Müller-Lissner
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Kleinkinder buddeln nicht nur - sie entwickeln auch ein Gefühl für Mengen. -Foto: dpa/pa

„Kitazeit ist in Berlin Bildungszeit, unsere Jüngsten brauchen nicht nur Betreuung, sondern auch Bildung“, ist im „Berliner Bildungsprogramm für Kitas“ zu lesen. Das klingt anspruchsvoll. Aber was soll man unter „Bildung“ verstehen, wenn von Kindern die Rede ist, die noch weit von der Schulreife entfernt sind? Was steht auf dem „Lehrplan“ der Kleinkinder, die erst ein, zwei oder knapp drei Jahre alt sind ? Fragen, die sich nach dem jetzt von Bund und Ländern beschlossenen massiven Ausbau der Betreuungsplätze dringender als je zuvor stellen.

Zunächst sollte man feststellen, was „Bildungsprogramm“ nicht heißt: einem geregelten Unterricht zu folgen, bei dem man still sitzen muss und dem Lehrer zuhören oder bei dem man gar angehalten würde, Kulturtechniken wie Lesen, Schreiben und Rechnen zu erlernen. So war das in Frankreich zu Beginn des 19. Jahrhunderts in den „Salles d’asile“, in denen schon arme Zweijährige stundenlang in Bänken hocken und einer Art Frontalunterricht folgen sollten, während ihre Mütter als Wäscherinnen ihr Brot verdienten.

Dass solche Unterrichtsformen bei Kleinkindern keine Chance haben, gehört heute gewissermaßen zur entwicklungspsychologischen Allgemeinbildung: Kleine Kinder bleiben bekanntlich nicht lang bei einer Sache, und sie brauchen viel Bewegung. Eine gute Kita-Erzieherin sollte, so der Entwicklungsbiologe Joachim Bensel von der Forschungsgruppe Verhaltensbiologie des Menschen im baden-württembergischen Kandern, „die richtige Mischung zwischen Impulsen von außen und Unterstützung der eigenen Ideen des Kindes geben“. Das heißt: Sie (oder er) macht Angebote, stellt Materialien zur Verfügung. Und vor allem beobachtet sie, was das Kind von alleine anfängt und wofür es sich interessiert. Für eine strukturierte Beobachtung stehen den Erzieherinnen inzwischen Instrumente wie die „Engagiertheitsskala“ des Leuvener Pädagogen Ferre Laevers zur Verfügung. Anhand verschiedener Merkmale des kindlichen Verhaltens wird damit eingeschätzt, wie sehr sich das Kleinkind in seine Tätigkeit vertieft hat.

Dabei kann es sich um so etwas Einfaches wie das Umfüllen einer Sand-Wasser-Pampe in zwei verschieden große Eimer handeln. Man kann es nämlich durchaus als Forschung bezeichnen, wenn ein zweijähriges Kind beim unermüdlichen Umschaufeln allmählich ein Gefühl für die Mengen gewinnt, die verschiedene Gefäße fassen. Erzieherinnen, die an die Arbeit mit Vorschulkindern gewöhnt sind und unverhofft in einer Kleinkindgruppe landen, aber auch manche Eltern hätten abends allerdings lieber ein „Werk“ in der Hand, als handfesten Beweis dafür, was das Kind an diesem Tag denn so getrieben hat.

„Manche wollen abends ein Resultat sehen, ein Bild, einen nachgemalten Buchstaben“, erzählt Patrizia Kaben, die im hessischen Schwalbach am Taunus eine private Kita für Kinder ab sechs Monaten betreibt. „Wir müssen ihnen dann erklären, dass die ganz Kleinen besser gefördert werden, wenn man kein so verschultes Angebot macht.“ Wenn man es so betrachtet, dann ist eher die schlammverschmierte Hose des Kleinkinds ein Qualitätsbeweis für die Kita: Man hat es in Ruhe mit dem Stöckchen in der Pfütze spielen lassen. Anders gesagt: Es durfte seine naturwissenschaftlichen Experimente ordnungsgemäß durchführen.

Im Bildungsprogramm werden sieben Bereiche frühkindlicher Bildung aufgelistet: Zuallererst Bewegung, körperliches Geschick. Dann die soziale und kulturelle Umwelt, drittens Kommunikation und Sprache. Dazu kommen bildnerisches Gestalten, Musik, mathematische und naturwissenschaftliche Grunderfahrungen. Die Bereiche sind selbstverständlich nicht getrennt: Man kann schließlich gleichzeitig singen, sich bewegen und körperlich die Erfahrung einer geometrischen Form machen, indem man dabei einen Kreis bildet. Und während man das alles tut, lernt man, auf Altersgenossen zuzugehen. „Lernanreize für die soziale Kompetenz“, nennt das Frank Jansen, Geschäftsführer des Verbandes Katholischer Tageseinrichtungen für Kinder. Jansen ist dafür, dass alle Kinder unter drei die Chance bekommen, zeitweise in einer Kita oder bei einer Tagesmutter betreut zu werden.

Aber lernt man das alles als Kleinkind dort wirklich besser als zu Hause? Seit 1991 läuft in den USA auf Initiative des National Institute of Child Health and Human Development die Study of Early Child Care, ein Langzeitprojekt, für das 1364 Kinder aus zehn Gegenden der USA bis in die Pubertät hinein beobachtet werden. Ziel des aufwendigen Unternehmens ist es herauszufinden, wie sich die Art der Betreuung in den ersten Lebensjahren auf die Entwicklung der Kinder und Jugendlichen auswirkt. Hauptergebnis ist, dass die Eltern dafür die wichtigste Rolle spielen – selbst wenn das Kind zehn Stunden am Tag außer Haus untergebracht sein sollte. Trotzdem zeigen sich kleine, aber signifikante Unterschiede. Für die Sprachentwicklung scheint es zum Beispiel durchaus günstig zu sein, in der Kleinkindzeit zumindest für ein paar Stunden des Tages eine gute Kita zu besuchen. Was für den statistischen Durchschnitt der Kinder gilt, gilt besonders für diejenigen unter ihnen, in deren Familie eine andere Sprache gesprochen wird. „Eine gute Tagesbetreuung erhöht die Bildungschancen vor allem für die Kinder, die zu Hause weniger gefördert werden“, resümiert Pädagogikprofessor Wolfgang Tietze, der an der Freien Universität Berlin den Arbeitsbereich Kleinkindpädagogik leitet.

Tatsächlich lassen aber heute auch besonders viele gut qualifizierte Eltern ihre Kleinkinder schon früh von Tagesmüttern oder in Kitas betreuen. „Die Krippe ist heute keineswegs der Arme-Leute- Ort, das Gegenteil ist der Fall“, sagt Tietze. Eltern, die selbst gut ausgebildet sind, nutzen die Kitas dabei keineswegs nur, um für sich Beruf und Familie vereinbaren zu können. „Sie sagen auch: Wir möchten, dass unsere Kinder Erfahrungen mit anderen Kindern machen“, berichtet Tietze.

Dass es diesen Eltern keineswegs nur um ihre eigene Karriere zu tun ist, zeigt sich nach seinen Beobachtungen an den vielen Angeboten, die sie schon vorher, während der Elternzeit, zusammen mit ihren Säuglingen wahrnehmen: Gruppen, die Säuglinge nach dem Prager Eltern-Kind-Programm (PEKiP) fördern, Babyschwimmen, Spielgruppen für Mutter und Kind.

Wenig später, in der Kita oder bei der Tagesmutter, muss dann eine andere wichtige Voraussetzung erfüllt sein, damit ein kleines Kind überhaupt etwas lernen kann: Es muss sich auch an neue Bezugspersonen binden können. „Dass Bildung und Erziehung in einer Einrichtung eine Chance haben, in der das Kind sich nicht wohlfühlt, kann man sich wirklich abschminken“, sagt Entwicklungsbiologe Joachim Bensel. Kleinkinder sind begierige, aber besonders sensible Lernende: Ohne Bindung keine Bildung.

Von der Autorin erscheint im September im Ch. Links Verlag (Berlin) das Buch „Unter drei schon aus dem Haus? Erfahrungen mit Tagesmüttern, Krippen und Kitas“.

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