Kinderbulletin: Schule als Kinder- und Jugendförderung : Schule neu denken

Die Bildungschancen eines Kindes bestimmt in Deutschland noch immer dessen soziale Herkunft. Ärzte, Pädagogen und Psychologen fordern jetzt ein neues Schulkonzept, mit dem die Förderung aller Kinder gelingen kann.

Veronika Völlinger

Regelmäßig bescheinigen Studien Deutschland, dass der Bildungserfolg hierzulande zu sehr von der sozialen Herkunft abhängt. Ärzte, Pädagogen und Psychologen wollen jetzt die Bildungspolitik in die Pflicht nehmen und fordern ein neues Schulkonzept. Die Schule soll keine reine Institution der Bildungsvermittlung mehr sein, sondern eine inklusive, ganztägige Einrichtung der Kinder- und Jugendförderung.

Probleme mit Medikamenten nicht lösbar

Immer mehr verhaltensauffällige Schüler landeten bei Psychologen und Medizinern, sagen die Experten, die sich in der Initiative „Deutsches Kinderbulletin“ zusammengeschlossen haben. Doch ihre Probleme mit Medikamenten oder Therapien zu lösen, funktioniere nicht. „Was genau an Schulen die Kinder krank macht, wissen wir noch nicht“, sagt Wolfram Hartmann, Präsident des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte. „Aber wir wissen, dass es heute schlimmer ist als in den früher streng reglementierten Schulen.“ Also muss sich die Schule ändern. Sie soll vor allem stärker den Lebenswelten der Schüler entsprechen, kindgerechter sein. „Die Schule versteht sich zu sehr als Anbieter eines Bildungskanons“, sagt der Oldenburger Sonderpädagoge Heinrich Ricking. Passen sich Schüler nicht an, fallen sie durchs System.

Lehrpläne müssten entschlackt werden, fordert das Kinderbulletin. Neben den klassischen Schulfächern seien auch Medien- und Gesundheitserziehung oder Suchtprävention gefragt. Die Initiative fordert auch neues Personal für die Schulen. Die Lehrkräfte müssten von dauerhaft angestellten Sozialarbeitern, Psychologen oder sogar von medizinischen Kräften unterstützt werden – ein Vorbild ist hier die „school nurse“ in den USA, sagt Ricking.

Plädoyer für die Ganztagsschule

Außerdem befürworten die Experten das Modell der Ganztagsschule, auch um zu kompensieren, was Eltern aus den verschiedensten Gründen nicht leisten können. Das dürfe aber nicht bedeuten, dass den ganzen Tag unterrichtet werde. Stattdessen soll es mehr Raum für Arbeits- und Lerngemeinschaften nach den Interessen der einzelnen Schüler geben. Schulen sollten ganzjährig geöffnet sein und abends auch Eltern oder Senioren für Veranstaltungen offenstehen.

Schwierig wird es bei einem Adressaten für die Pläne. Bildung ist Ländersache, das Kinderbulletin müsste 16 Bildungsministerien für sein Konzept gewinnen. Ulrich Fegeler vom Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte ist dennoch zuversichtlich: „Wir können in diesem reichen Land noch zulegen.“

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