Kinesio-Tapes : Bändertanz

Die farbigen Klebestreifen sollen unter anderem Muskeln und Gelenke entlasten. Erwiesen ist das jedoch nicht.

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Stärke zeigen. Die kunstvoll geklebten Bänder erinnern mitunter auch an Kriegsbemalung.
Stärke zeigen. Die kunstvoll geklebten Bänder erinnern mitunter auch an Kriegsbemalung.Foto: picture alliance / dpa

Die Welt des Hochleistungssports ist farbiger geworden. Bei den Olympischen Spielen in London war sie wahrscheinlich so bunt wie nie zuvor. Die Athleten trugen rote, gelbe und blaue Klebebänder an Armen und Beinen, im Nacken, im Kreuz, an Händen und Füßen. Beim internationalen Stadionfest Istaf an diesem Sonntag in Berlin wird es ähnlich farbenfroh werden, wenn Sportler mit „Kinesio-Tapes“ an den Start gehen.

Die 30 Jahre alte Erfindung des japanischen Chiropraktikers Kenzo Kase setzt sich weltweit durch. Die Bänder sollen laut Deutscher Kinesio Taping Gesellschaft wahre Multitalente sein: Erstens rege das Klebeband den Fluss von Blut und Lymphflüssigkeit an. Je nach Technik könne die Spannung der Muskulatur korrigiert werden, so dass die Muskeln sich entweder mehr oder weniger kontrahieren. Das habe drittens Einfluss auf Fehlstellungen der Gelenke. Nicht zuletzt könnten die Tapes Schmerzen unterdrücken.

Anwendungsgebiete für die Klebebänder mit der Oberfläche aus dünner gefärbter Baumwolle und einer Unterschicht aus Acrylkleber gibt es genug: vom Tennisarm über Nacken- und Rückenbeschwerden, umgeknickten Füßen bis zum Karpaltunnelsyndrom und sogar Regelschmerzen ist alles dabei. Auch an Anbietern für Therapie und Fortbildung fehlt es nicht. „Man kann eigentlich alles tapen, allerdings sollte man das als unterstützende Behandlung betrachten“, sagt der Berliner Sportwissenschaftler Thomas Kelsch, der das Taping Schmerzgeplagten und Leistungssportlern anbietet.

Wissenschaftliche Untersuchungen zur Wirksamkeit der Bänder hingegen sind rar. In der Zeitschrift „Sports Medicine“ erschien eine Metaanalyse der Studien zu Kinesio-Taping und Sportverletzungen. Die meisten der 97 gefundenen Beiträge waren Einzelfallberichte, nur zehn Studien waren nach Ansicht der Forscher um Sean Williams brauchbar. In den größeren Studien waren die Auswirkungen auf bessere Körperwahrnehmung und Verhinderung von Schmerzen bescheiden. Vor allem hätten sie so gut wie keine Belege für die Überlegenheit von Kinesio-Tapes gegenüber anderen Formen von Klebeverbänden gefunden, resümieren die Autoren.

Im letzten Jahr hatte auch der Hauptverband der Österreichischen Sozialversicherungsträger Wissenschaftler beauftragt, sich die vorhandenen Studien zur Therapie mit den Klebebändern nach den strengen Kriterien der evidenzbasierten Medizin anzuschauen. Sie fanden gerade fünf Untersuchungen, in denen sich das Kinesio-Taping gegen andere Therapien oder gegen ein „Schein“-Taping ohne Zug auf der Haut bewähren musste und die Patienten nach dem Zufallsprinzip den Gruppen zugeteilt waren. Alle diese Studien hatten außerdem nur wenige Teilnehmer und konzentrierten sich auf wenige Anwendungsbereiche.

Zum Einsatz bei chronischem Schmerz der Lendenwirbelsäule veröffentlichten italienische Forscher 2011 im „European Journal of Physical and Rehabilitation Medicine“ eine Studie . Sie verglichen drei Patientengruppen: 13 Schmerzgeplagte bekamen nur das Kinesio-Taping, 13 eine Kombination mit Bewegungstherapie, 13 nur die letztere. Die Schmerzen besserten sich bei allen in ungefähr gleichem Ausmaß. Die Muskelfunktion besserte sich dagegen in den Fällen, in denen nur die Bänder geklebt worden waren, am wenigsten. Dass Bewegung bei der Therapie von Rückenschmerzen eine große Rolle spielt, ist aus zahlreichen Studien bekannt. Ob es einen Vorteil bringt, sich „getaped“ zu bewegen, ist damit noch nicht erwiesen.

Eine spanische Studie von 2009 widmete sich dem „Schleudertrauma“, einer Folge vor allem von Auffahrunfällen. Hier wurde die Wirksamkeit der Kinesio-Bänder im akuten Stadium getestet, und zwar gegen Placebo-Tapes. Die echten Tapes schnitten dabei sowohl direkt nach dem Kleben als auch 24 Stunden später besser ab, allerdings nur geringfügig. Auch beim Schleudertrauma gilt es inzwischen als erwiesen, dass frühe Bewegungstherapie wichtig ist – anders, als man in der Ära der Halskrausen glaubte. Möglicherweise können die Klebebänder dabei helfen, die Muskulatur in heilsamer Weise zu aktivieren. „Doch noch ist das wissenschaftliche Fundament zum Kinesio-Taping dünn, die Ergebnisse sind widersprüchlich, qualitativ hochwertige Studien mit ausreichend großer Stichprobe fehlen“, sagt der Physiotherapeut und Sportlehrer Konstantin Beinert, der sich im Institut für Angewandte Forschung am Bewegungssystem in Neustadt an der Weinstraße derzeit mit sensomotorischen Veränderungen bei chronischen Nackenschmerzen beschäftigt.

Dekorative Hingucker für Zuschauer und Beruhigungspflästerchen für unfallgefährdete Athleten sind sie auf jeden Fall, die bunten Klebebänder. Ob sie mehr können, und was das genau ist, muss sich erst durch solide Forschung erweisen. Nach Ansicht der Autoren des österreichischen Berichts kann das Abkleben den Sportlern immerhin falsche Bewegungsmuster bewusst machen. Wer daran arbeitet, verbessert sicher seine Chancen.

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